Gothic-Festival Amphi Der Rhein wird schwarz: Die Gothic-Szene trifft sich in Köln

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. Jedes Jahr Ende Juli strömt die nationale und internationale Gothic-Szene nach Köln. Dort steigt im Tanzbrunnen am Rhein das Amphi-Festival. 12.000 finster gekleidete Gäste werden erwartet, rund 40 Bands spielen auf drei Bühnen, eine davon ist auf einem Schiff. Doch ausgerechnet Letzteres gestaltet sich dieses Jahr schwierig. Das Problem: Niedrigwasser.

Auch die heftigen Regenfälle, die am Mittwoch auf Köln einstürzten, reichten nicht: Der Rhein führt derzeit so wenig Wasser, dass ein Anlegen der MS Rheinenergie am Kennedyufer auf der Deutzer Rheinseite nicht möglich ist. Für die Macher des Amphi-Festivals, das dieses Wochenende rund 12.000 Gäste aus Nah und Fern in die Domstadt zieht, ein echtes Ärgernis, denn das Schiff beherbergt die dritte Bühne des Festivals, die sogenannte Orbit Stage.

Zwei Rheinseiten, drei Konzertbühnen

Die Ausweich-Anlegestelle liegt nun auf der anderen Rheinseite nahe der Kölner Altstadt - und eben nicht – wie vorgesehen und im vergangenen Jahr erfolgreich erprobt – direkt vor den Toren des Tanzbrunnens gegenüberliegenden, der Deutzer Seite. Hier allerdings befinden sich die beiden Hauptbühnen des Festivals. Für die Gäste bedeutet das: Zwischen den Tanzbrunnen-Bühnen und der Schiffslocation liegt ein Fußmarsch von 20 Minuten. Für die Veranstalter bedeutet es: zusätzliches Organisieren eines Shuttlebusses für diejenigen, die den Weg über die über Hohenzollernbrücke nicht laufen können oder wollen.

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Enge Taktung, wenig Spielraum

Das Problem mit der verlegten Bühne ist natürlich auch in den sozialen Netzwerken ein Thema und wird rege disktutiert. Die Shuttlebus-Lösung wird als gut empfunden, sofern alle, die wollen, auch darin Platz finden und nicht wegen langer Wartezeiten am Ende noch ihre Lieblingsband verpassen. Wer noch nie auf einem Festival war: Die Auftritte der einzelnen Bands sind minutiös und eng getaktet. Zudem sind sie oft nur etwa 40 Minuten lang, sodass schon eine kurze Verzögerung dazu führen kann, dass man das Konzert einer bestimmten Band komplett verpasst. Allerdings werden die Amphi-Gäste auch dieses Dilemma am Ende locker und gut gelaunt ertragen, denn das Festival hat schon einige Stürme und Pannen überstanden.

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Technik-Tücken, wilde Stürme

Einmal flogen im Staatenhaus, das derzeit als Ausweich-Spielstätte für die Kölner Oper dient, während eines Konzerts ein paar Deckenplatten ab - der Schreck war da, aber niemand kam zu schaden. Im Jahr 2014 gab es einige Technik-Tücken, die Industrial-Rocker von Die Krupps konnten erst 20 Minuten später ihre Show beginnen, während die belgischen EBM-Größen von Front 242 ihren Verstärker in den Technik-Himmel jagten. Das Konzert musste abgebrochen werden. Im Folgejahr 2015 - das gesamte Festival war wegen des nun an die Oper abgetretenen und somit fehlenden Staatenhauses vom Tanzbrunnen in die nahegelegene Lanxess-Arena und das umliegende Gelände umgezogen - wehte ein Sturmtief derart heftig, dass alle außerhalb der Halle geplanten Aktivitäten aus Sicherheitsgründen ausfallen mussten. Und selbst da war es am Ende doch wieder ein tolles Festival. Das Amphi-Publikum wird also ein verlegtes Schiff kaum davon abhalten, auch diese Ausgabe des mittlerweile als Klassiker geltenden Festivals zu genießen. Zumal es seit 2016 auch wieder im schönen Tanzbrunnen-Gelände stattfindet.

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Hamburger Sahnestückchen und britische Urgesteine

Auch das Programm kann sich sehen lassen, als Headliner am Samstag sind die Hamburger Future-Pop-Helden VNV Nation um den irischen Frontmann Ronan Harris und seinen mächtigen Schlagzeuger Mark Jackson gebucht - ein Sahnestück von einer Live-Band. Außerdem am Samstag auf den Bühnen: Die Krupps, die Hamburger Dark-Rocker Lord of the Lost, Torul aus Slovenien, die kunstvoll verträumte Popballaden zaubern, die niederländischen Szene-Wave-Urgesteine Clan of Xymox sowie die unverwüstlichen britischen Dark-Rock-Metaller Fields of the Nephilim. Letztere sind schon ein Jahr länger als ihre niederländischen Kollegen, nämlich seit 1983, aktiv. Seitdem haben beide Bands zahllose andere Wave-, Metal- und Rockbands beeinflusst. Hier gibts die Originale.

Von Yetis, Eisbrechern und skandinavischen Unholden

Von den kleineren Bands lohnen am Samstag vielleicht vor allem Eisfabrik, die einen verdächtig nach Schlager klingenden Sound ihr Eigen nennen und in ihren weißen Overalls aussehen wie die von der Spurensicherung. Außerdem sollen sie einen Yeti dabei haben. Sonntagmittag eröffnet auf dem Schiff We are Temporary den Konzertreigen – dahinter steckt der in Deutschland geborene und in New York lebende Musiker und Philosoph Mark Roberts, sein Sound ist eine kunstvolle Mischung aus Melancholie, Weltmusik und Hoffnungslosigkeit, meist tanzbar, oft herzzerreißend. Ein echter Geheimtipp.

Combichrist lassen es krachen

Die Headliner am Sonntag jedoch gehören eher zur kraftvollen Sorte: Zugpferd und für Entertainer-Qualitäten bekannt ist die Münchner Band Eisbrecher, angeführt von Kapitän Alexander Wesselsky ein Garant für satten Neue-Deutsche-Härte-Sound mit ein bisschen bösen Texten mit Augenzwinkern. So richtig krachen lassen es die brachialen norwegischen Elektro-Rock-Bastarde Combichrist um den ungezogenen Frontmann Andy LaPlegua. Deutlich sanfter dagegen die Future-Pop-Größen Apoptygma Berzerk, ebenfalls eine Top-Liveband aus Norwegen, was in diesem Fall vor allem am charismatischen Frontmann Stefan Groth und seinem ebenfalls stimmgewaltigen Bruder und Keyboarder Jonas Groth liegt. Gut, dass die seit Jahren erwartete CD der Norweger noch immer nicht fertig ist – da kann sich das Publikum auf reichlich viele alte, schöne Tanzhits freuen.

Das Fest für die Augen

Die eigentlichen Stars sind natürlich - wie immer bei Festivals der Gothic-Szene - die Gäste vor der Bühne, deren kreatives Styling von phantasievoll-finster über Ketten, Lack und Leder bis hin zu elegantem, schlichten Schwarz reicht. Damit wird das Amphi auch dieses Jahr ein Fest für die Ohren - und die Augen. Wer dabei sein will, muss sich sputen: Die Tickets werden knapp.

Barock-Schönheiten und Wesen aus der Phantasie

Der inoffizielle Auftakt für das Amphi-Festival findet übrigens immer schon am Freitagnachmittag statt. Da versammeln sich im Kölner Friedenspark barocke Schönheiten und dunkle Phantasiegestalten zu einem gemeinsamen Picknick im Grünen. Der sechste „Jardin de Belle Èpoque - pre Amphi 2017“ beginnt um 16 Uhr. Hoffentlich ohne Gewitter.

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