Thema der Erinnerung „Hölderlin“: Peter Härtling mit 83 gestorben

Ein Schriftsteller mit großer Leserschaft: Peter Härtling, hier 2010 in Nürtingen, wurde mit Künstlerromanen und Kinderbüchern gleichermaßen zum Bestsellerautor. Copyright: imago/Horst RudelEin Schriftsteller mit großer Leserschaft: Peter Härtling, hier 2010 in Nürtingen, wurde mit Künstlerromanen und Kinderbüchern gleichermaßen zum Bestsellerautor. Copyright: imago/Horst Rudel

lü Osnabrück. Mit Romanbiografien und Kinderbüchern umkreiste Peter Härtling das Thema der Erinnerung. Jetzt ist der Autor von Bestsellern wie „Hölderlin“ und „Das war der Hirbel“ im Alter von 83 Jahren gestorben.

Ein Roman wie eine Erinnerungslandschaft: Mit seinem Buch „Hölderlin“ startet Peter Härtling 1976 nicht einfach eine Autorenkarriere, mit dem Dichterbuch etabliert er einen eigenen literarischen Typus. Halb Roman, halb Biografie ist dieses Buch der Erkundungsgang in einem fremden Lebenslauf, der im Prozess des Schreibens, übrigens auch des Lesens, immer mehr zu einem Teil der eigenen Biografie avanciert.

Biografien über Romantiker

„Hölderlin“ ist der Prototyp für weitere Romanbiografien über Romantiker von Robert Schumann über Franz Schubert bis zu Fanny Mendelssohn Bartholdy. Rüdiger Safranski, in gewisser Hinsicht ein Autor mit verwandter Schreibambition, bringt mit der Darstellung E.T.A. Hoffmanns erst 1984 die erste seiner mit gedanklicher Präzision wie erzählerischem Schwung geschriebenen Philosophen- und Dichterbiografien heraus. Hier weiterlesen: „Tumult“ - die Autobiografie von Hans Magnus Enzensberger.

Hölderlins Heimat

Peter Härtling zieht es aus zwei Gründen zur Romantik. Er lebt im Südwesten Deutschlands selbst in der Heimat von Hölderlin und Co. Vor allem aber bieten Künstler der Romantik dem Romancier Härtling mit ihrer Suche nach Identität, Heimat und Herkommen viele Anknüpfungspunkte. Peter Härtlings eigenes Zentralthema ist die Erinnerung und, damit verbunden, die lebenslang gestellte Frage, wie Erinnerung verlorene Heimat ersetzen kann. Härtlings Bücher stehen in bezeichnendem Kontext. In den Siebzigerjahren wird Geschichte zum Kardinalthema der Künste – von Dieter Kühns Biografie „Ich, Wolkenstein“ (1977) über Christoph Meckels Vaterbuch „Suchbild“ (1980) bis hin zu Anselm Kiefers ersten Gemälden deutscher Mythen und Edgar Reitz’ Filmmehrteiler „Heimat“ (ab 1984).

Trauma der Kindheit

Peter Härtlings Frage nach Heimat kommt ohne falsche Nostalgie aus. Sie speist sich ja auch aus traumatisierender Erfahrung. Härtlings Vater stirbt in der Kriegsgefangenschaft. Russische Soldaten vergewaltigen seine Mutter, die sich 1946 das Leben nimmt. Kurz zuvor ist sie nach erfolgreicher Flucht aus Chemnitz, wo Peter Härtling 1933 geboren wird, mit ihren Kindern gerade in Nürtingen unweit von Stuttgart angekommen. Härtlings Biografien sind als Versuch lesbar, zerbrochene Identität über Erkundungsgänge in der Erinnerung neu zu etablieren. Hier weiterlesen: Auf der Flucht - Dave Eggers´ Roman „Bis an die Grenze“.

Erfolg mit Kinderbüchern

Dieses Anliegen prägt auch Härtlings überaus erfolgreiche Kinderbücher. „Das war der Hirbel“ (1973) über ein behindertes Heimkind, „Ben liebt Anna“ (1979) über die Liebe eines Jungen zu seiner polnischen Mitschülerin oder „Paul das Hauskind“ über einen Jungen, um den sich eine Hausgemeinschaft rührend kümmert: Immer wieder erzählt Härtling, der selbst mit der Hilfe von väterlichen Freunden aufwächst, von Kindern und ihrer Suche nach Geborgenheit und Wärme.

Schulen tragen seinen Namen

Peter Härtling startete als Journalist und Lektor im S. Fischer-Verlag. Seit 1974 arbeitete er als freier Schriftsteller. Mit Preisen wurde der Autor vieler Bestseller, darunter das Erinnerungsbuch „Herzwand“ (1990) und zuletzt „Verdi“ (2015), geradezu überhäuft. Viel wichtiger als alle Preise: Härtling war und ist ein Schriftsteller mit vielen Lesern. Und fast 20 Schulen tragen seinen Namen. Ist für einen Autor mehr erreichbar? Eigentlich nicht. Hier weiterlesen: Brillante Satire - Jonas Lüschers „Kraft“.


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