Abschied nach fast 72 Dienstjahren Georgette Tsinguirides verlässt Stuttgarter Ballett

Von dpa

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Ballett-Ikone: Georgette Tsinguirides. Foto: dpaBallett-Ikone: Georgette Tsinguirides. Foto: dpa

Stuttgart. Das Erbe der Legende John Cranko – niemand kennt den großen Schatz des Stuttgarter Balletts so wie Georgette Tsinguirides. Jetzt muss die weltbekannte Compagnie ohne ihr unbezahlbares Wissen auskommen.

Irgendwann musste es passieren. Ballettmeisterin und Choreologin Georgette Tsinguirides räumt ihre kleine Kammer im Stuttgarter Opernhaus und verlässt die weltbekannte Tanzcompagnie. Mit 89 Jahren. Nach ununterbrochen - sage und schreibe - fast 72 Jahren. Vermutlich ein Weltrekord. „Man soll aufhören, wenn man noch oben steht“, sagt die drahtige Deutsch-Griechin. Doch man merkt und hört, wie schwer ihr dieser Satz fällt. „Man sagt das eben so.“ Am nächsten Wochenende wird sie bei „Ballett im Park“ verabschiedet.

Intendant Reid Anderson, der 2018 selbst Abschied nimmt, bezeichnet Tsinguirides als „Ikone ihres Faches: unvergesslich, einmalig und einzigartig“. Durch ihre Arbeit habe sie einen Platz im Ehrenmal der Tanzgeschichte verdient. Nachfolger Tamas Detrich fühlt sich von ihr inspiriert: „Sie hat uns nicht nur die einzelne Schritte beigebracht, sondern das Warum, das Weshalb und das Wie.“ Ihr Wissen über den Begründer des Stuttgarter Ballettwunders, John Cranko (1927-1973), habe sich „unauslöschlich in unseren Körpern eingeprägt“.

Menschliche Beziehungen zu jedem seiner Tänzer - das sei eine der herausragenden Fähigkeiten Crankos gewesen, erinnert sich Tsinguirides. „Heute rennt doch jeder mit dem Blick auf das Handy durch die Straßen und kümmert sich nicht um den Anderen, der vielleicht Sorgen hat.“ Ein ernst gemeintes „Wie geht es Dir?“ gebe es heute immer seltener. „Und ist doch so wichtig.“

Tsinguirides‘ erster Lohn beträgt 2520 Reichsmark. Als „Chortänzerin Anwärterin“ tritt die Deutsch-Griechin am 1. Dezember 1945 ihren Dienst bei den Württembergischen Staatstheatern an. Fast 72 Jahre lang steht die Tochter eines Einwanderers auf der Gehaltsliste - zuletzt als Choreologin und Ballettmeisterin. Geht es um das Einstudieren von Cranko-Werken, ist das Auge von Tsinguirides nach wie vor das genauste. Weltweit. Bei mehr als 30 Compagnien. Bis zuletzt ist sie jeden Tag im Ballettsaal, jeden Tag voller Elan. Über 70 Jahre lang - eine Dienstzeit zu der auch beim DGB in Berlin niemandem ein zweites Beispiel einfällt.

Nachdem Georgette Tsinguirides früh ihre Mutter verliert, wächst sie unter der strengen Obhut ihrer Großmutter Maria Weickh auf, einer einstigen Hofdame bei Charlotte von Württemberg. Mit sieben beginnt sie eine Ausbildung an der Ballettschule des Stuttgarter Theaters. 1945 erhält sie ihr erstes Engagement, später wird sie Solistin. Rückschläge, wie ihren unerfüllten Kinderwunsch, steckt sie weg. „John war auch allein - und einsam manchmal.“

Cranko selbst beauftragt sie später, seine Choreographien in einer internationalen Tanzschrift aufzuzeichnen und somit für die Nachwelt zu erhalten. Sie garantiert die werkgetreue Aufführung der Ballette des Meisters. Mit Generationen von Tänzern studierte sie Crankos Werke ein. „Ich kann mich entsinnen“, sagt Anderson einmal, „dass sie bei jeder Probe neben John Cranko saß - das „Bild“ von John bei der Arbeit war nicht komplett ohne sie.“


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