Per Fahrrad durch das Sommerevent Skulptur Projekte Münster: Eine Stadt wird Kunst



Münster. Münster richtet die fünfte Ausgabe der Skulptur Projekte aus. Die Kunst ist nun überall in der Stadt. Per Fahrrad geht es am schnellsten zu den Standorten. Eine Reportage.

Ich ziehe die Schuhe aus, krempele die Jeans hoch. Zwei, drei Treppenstufen geht es hinunter. Ich tauche bis an die Knöchel ein. Das Wasser ist eiskalt. Ich gehe weiter, breite die Arme aus, um auf dem Gittersteg Balance zu halten. Noch ein paar Schritte – und ich bin in einer anderen Welt. Das Wasser schlägt leise Wellen, es plätschert unter meinen Schritten. Die Geräusche vom Kai werden schwächer. Im Rhythmus meiner Schritte scheinen sich die Hafenhäuser sacht hin und her zu neigen. Mit ihnen tanzt die Stadt im milden Takt. Ich bin jetzt mittendrin, im Münsteraner Hafenbecken. Und in den Skulptur-Projekten. Hier weiterlesen: Die Skulptur Projekte Münster 2017 - das Kunstereignis in der Kritik.

Kleine Schwester der Documenta

Skulptur-Projekte: So heißt die kleine westfälische Schwester der großen Documenta. Ayse Erkmen ließ schon 1997, bei den dritten Skulptur-Projekten, Sakralfiguren am Helikopter rund um den Domplatz fliegen. Jetzt schenkt sie Münster einen Hauch Christo-Gefühl. Auf dessen „Floating Piers“ wandelten die Menschen im vergangenen Sommer staunend über den italienischen Iseo-See. In Münster legt Erkmen nun ihren Steg quer durch das Becken des Binnenhafens. „On Water“ heißt das Werk. Ist das einfach Wassertreten oder schon Kunstgenuss? Egal. Die Menschen flanieren über den Steg wie beim Familienausflug. In Münster geht es familiär zu, auch wenn mit den Skulptur-Projekten ein Weltereignis der Kunst ansteht. Hier weiterlesen: Wie entstehen die „Skulptur-Projekte 2017? Ein Werkstattbericht.

Felsen an der Promenade

Ich flitze derweil mit dem Fahrrad weiter. Radfahrer haben in Münster ihre eigene Autobahn, die Promenade. Sie legt sich als blühender Gürtel um die City. Unter Baumkronen sause ich wie durch einen grünen Tunnel. Der Fahrtwind streicht frisch über die Wangen. Erfrischend kühl sieht auch „Nietzsches Rock“ auf einer Wiese aus. Bildhauer Justin Matherly hat tausend Fotos von dem Schweizer Felsen gemacht, an dem der Philosoph seinen „Zarathustra“ ersann. Nun steht die Skulptur als schneeweißer Zwilling dieses Brockens hier. Der Philosophen-Klotz passt in die Universitätsstadt. Und in das Konzept einer Präsentation, die klassische Vorstellungen von Kunst auf links dreht. Das gilt auch für Nicole Eisenmans Brunnenanlage auf einer Rasenfläche. An ihrem Rand fläzen sich bizarre Figuren. In dieser kleinen Freizeitgesellschaft wird gechillt, auch wenn sie aus Bronze ist.

Hier weiterlesen: Was sind eigentlich die Skulptur-Projekte? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Projekt im Asia-Markt

Und das soll Kunst sein? Wer diese Frage jetzt in Münster stellt, läuft Gefahr, etwas zu verpassen. Denn Kunst hängt hier nicht als Bild an der Wand oder steht als Standbild auf dem Sockel. Für knapp vier Monate ist die Kunst in das Weichbild der Stadt eingesickert, in die Grünanlage, das Tattoo-Studio, den Asia-Markt. Oder in die Kleingartenanlage. Ich stelle mein Rad vor den Schrebergärten ab, in einer Reihe mit denen der anderen Besucher. In Münster herrscht Ordnung, auch wenn die Skulptur-Projekte jeden Maßstab von Normalität verrücken. Ich gehe zwischen Blumenrabatten, höre Vögel zwitschern. Der Verkehrslärm dringt nur noch schwach in die Kleingartenanlage „Mühlenfeld“. In einer Laube sitzt Konzeptkünstler Jeremy Deller, gleich neben dem Schild „No Wifi“. Der Mann mit dem freundlichen Charme des Aussteigers hat die Kolonisten gebeten, zehn Jahre lang ihr Vereinsleben zu dokumentieren. Berichte von Feiern, Fotos von Blüten: 50 dicke Folianten füllt das alles. Kunst – eine Langzeitstudie des ganz normalen Lebens? Hier weiterlesen: Was ist eigentlich die Documenta? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Kunst in der „Tatort“-Stadt

Das wirkt so traulich wie ein Münster-„Tatort“ mit Thiel und Boerne oder ein Krimi mit Detektiv Wilsberg. Während ich über geharkte Wege zurückgehe, frage ich mich: Haben sich die Münsteraner wirklich mal über Kunst gestritten? Sie haben. In den Siebzigern gab es Krach um „Drei rotierende Quadrate“. Diese Skulptur von George Rickey ist kein Aufreger mehr. Damals aber hat es gekracht. Es ging um ungewohnt neue Kunst und darum, was die in einer Stadt zu suchen hat. Museumsdirektor Klaus Bußmann und Kurator Kasper König machten aus dem Kunst-Zoff eine Ausstellung. 1977 waren die Skulptur-Projekte geboren. Seitdem gibt es sie alle zehn Jahre wieder. Auch eine Langzeitstudie. Seitdem ist Kunst normal geworden. Nicht nur in Münster. Aber die Skulptur-Projekte haben Geschichte geschrieben. Und schreiben sie weiter. Hier weiterlesen: Kuratoren, Künstler, Sammler - Kunst und ihre Macher.

Kunst macht gute Laune

Ich kurve an Häusern mit roten Klinkerfassaden vorbei. Dann und wann lasse ich die Klingel am Lenker scheppern, nur so aus Spaß. Die Skulptur-Projekte machen gute Laune. Das merkt man den Menschen an. Sie flanieren truppweise durch die ganze Stadt, radeln in langer Linie wie ich an Uni-Instituten vorbei. Ich halte an der alten Eissporthalle. Pierre Huyghe hat das Abrissobjekt aufgraben lassen. Ich stolpere durch eine lehmige Endzeitlandschaft. So eine Skulptur kann düster sein, auch im netten Münster. Hier weiterlesen: Skulptur Projekte - Kunst in der Stadt von Thiel und Boerne.

Performer im Rathaus

Fast bin ich froh, als ich später in der City unter den Reifen das holprige Kopfsteinpflaster des Prinzipalmarktes spüre. Vor den holzgetäfelten Wänden des Friedenssaales im Rathaus bewegen sich junge Leute wie in Trance. Alexandra Pirici lässt ihre Performer auf die Besucher zugehen. Sie reden wie Suchmaschinen des Internets, abgehackt, unpersönlich. Ich lehne mich an die Holzwand und denke nach, über Kunst und wie sie nicht nur die Augen, sondern auch den ganzen Körper öffnet. Hier weiterlesen: Was bieten die „Skulptur-Projekte“ 2017? Kuratorin Marianne Wagner im Interview.

Reise durch die Stadt

Draußen falte ich den Lageplan auseinander. Wo will ich unbedingt noch hin? Zu Thomas Schüttes „Nuclear Temple“ im Schlossgarten, zu Christian Odzucks Aussichtsplattform an der alten Oberfinanzdirektion? 36 Projekte, 36 Möglichkeiten. Die Skulptur-Projekte sind keine gewöhnliche Ausstellung, sie laden den, der sie entdecken will, zu einer Reise. Die führt durch eine Stadt wie durch eine Welt im Kleinen. Und durch die Zeit. Wo war ich, als vor zehn Jahren die letzten Skulptur-Projekte stattfanden, wo werde ich in zehn Jahren sein, wenn sie zu ihrer sechsten Ausgabe starten? Aber jetzt bin ich hier. Ich entschließe mich für die Haus-Skulptur von Peles Empire an der Ägidiistraße. Ich schwinge mich auf das Rad, fädele mich in den Fluss der anderen Radler ein. Dann trete ich fester in die Pedale, spüre wieder den Fahrtwind. Und bin glücklich, in Münster, im Sommer der Skulptur-Projekte. Hier weiterlesen: Münster - eine Stadt im Skulpturenstau?


Skulptur Projekte Münster 2017: Die Infos

Das Format

Skulptur Projekte Münster 2017

10. Juni – 1. Oktober 2017

www.skulptur-projekte.de

mail@skulptur-projekte.de

T +49 (0) 251 5907500

Der Eintritt ist frei. Die meisten Projekte sind im Außenraum frei zugänglich.

Das Museum

LWL-Museum für Kunst und Kultur

Domplatz 10, 48143 Münster

Öffnungszeiten

Mo bis So 10-20 Uhr

Freitag 10-22 Uhr

Infopoints

Service-Point am Hauptbahnhof Münster

Infopoint am LWL-Museum für Kunst und Kultur

Infopoint am Pumpenhaus, Gartenstraße 123, 48147 Münster

Informationen zu Touren und Workshops

T +49 (0) 251 2031 8200

service@skulptur-projekte.de

Online-Buchung möglich unter: www.skulptur-projekte.de

Fahrradverleih (am LWL-Museum für Kunst und Kultur)

Online-Buchung möglich unter: www.skulptur-projekte-bybike.de

Apps zu den Skulptur Projekten

Skulptur Projekte App: apps.skulptur-projekte.de

Eine Navigations-App zu den Werken der Skulptur Projekte 2017. Kostenlos für Android und iOS.

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