Projekt „Parthenon der Bücher“ Nikola Roßbach: Documenta-Kunst zur Zensur


Kassel. Was zeigt der „Parthenon der Bücher“ auf der Documenta? Literaturwissenschaftlerin Nikola Roßbach, Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Kassel, berät Künstlerin Marta Minujin. Ein Gespräch über Zensur.

Die Künstlerin Marta Minujin hat zur Documenta 14 auf dem Kasseler Friedrichsplatz ein Parthenon der Bücher errichtet. Sie erarbeiten dazu eine Liste der verbotenen Bücher. Wie kam es dazu?

Die Documenta ist auf mich zugekommen und hat um wissenschaftliche Begleitung des Projektes gebeten. Der Parthenon der Bücher ist sicher das repräsentativste Projekt der Documenta. Florian Gassner, ein Gastprofessor aus Vancouver in Kanada und ich haben sofort zugesagt, eine Gruppe handverlesener Studierender zusammengestellt und in den letzten Monaten ohne weitere finanzielle Unterstützung eine Liste von 70000 verbotenen Büchern erarbeitet. Hier weiterlesen: Wie ist die Documenta 14 in Kassel? Eine Ausstellungskritik.

Normalerweise haben Forschungsprojekte an Universitäten einen längeren Vorlauf?

Das kann man so sagen. Wir hatten nur zwei Monate, um eine Liste zu erstellen, die ja schon zur letzten Frankfurter Buchmesse vorliegen musste. Damals begann die Sammelaktion für das Parthenon-Projekt. Unsere Liste kann nicht allen wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. Wir hatten nicht die Zeit, alle Angaben der Bücher zu recherchieren. Wir haben vorhandene Listen, wie zum Beispiel den Index der römisch-katholischen Kirche, in unsere Aufstellung importiert. Der Index verzeichnet zum Beispiel keine Erscheinungsorte. Bei 6000 verzeichneten Titeln konnten wir das nicht mehr ergänzen. Allerdings ist unsere Liste auch funktional zu verstehen, weil sie auf das Kunstwerk von Marta Minujin bezogen ist.

Verbotene Bücher – nach welchen Kriterien bestimmen Sie und Ihr Team, was als verbotenes Buch zu gelten hat?

Wir haben alle Bücher verzeichnet, die heute oder früher einmal verboten waren. Die Richtlinien haben wir mit der Künstlerin abgesprochen. Unsere Liste unterscheidet sich vom Kunstwerk aber auch. So haben wir auch „böse“ verbotene Bücher aufgenommen. In der sowjetischen Besatzungszone wurden nach 1945 die nationalsozialistischen Bücher ausgesondert, immerhin 30000 Titel. Wir möchten diesen Teil der Zensurgeschichte nicht unterschlagen und haben ihn in unsere Liste aufgenommen. Das Kunstwerk geht damit aber nicht analog. Marta Minujin will nicht, dass rechtsradikale oder rassistische Bücher Teil ihres Kunstwerkes werden. Die Künstlerin bezieht sich auf ihr Erlebnis, nach Ende der argentinischen Militärdiktatur viele verbotene „gute“ Bücher endlich wieder lesen zu können. Diese Idee trägt den Parthenon der Bücher. Hier weiterlesen: Was ist eigentlich die Documenta? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Welche Formen von Zensur gibt es eigentlich?

Die drei Formen der Zensur beziehen sich auf politisch, religiös und moralisch motivierte Indizierung von Büchern. Auf diesen drei Formen von Zensur bauen ihre Praktiken auf. Das zeigt auch die Forschung. Ein Beispiel ist die geschlechtspolitisch motivierte Zensur in vielen Ländern Afrikas, etwa zu Fragen der Homosexualität. Politisch motivierte Zensur lebt leider gerade wieder auf. Die Türkei liefert dafür aktuelle Beispiele. Wir haben zuletzt auch die Verbote, die Opus Dei für seine Mitglieder ausspricht, auf die Liste mit aufgenommen. Wir werden damit die Marke der 100000 verzeichneten Bücher erreichen.

Hat sich mit Ihrer Arbeit an dem Projekt Ihr Blick auf Zensur verändert?

Auf jeden Fall. Ich war mir vorher über die globale Dimension von Zensur nicht im Klaren. Zensur ist ständig vorhanden. Das müssen wir leider erkennen. Es ist vor allem nicht unbedingt so in der Geschichte, dass Staaten, die sich als republikanisch und liberal verstehen, weniger Zensur haben. Im Osmanischen Reich etwa gab es weniger Zensur als in der Türkei unter Atatürk, wo Zensur systematisiert und dadurch vermehrt wurde. Solche Aspekte der Geschichte von Zensur wollen wir uns noch einmal genauer anschauen.

Wie sieht es aus mit der Zensur in der Bundesrepublik?

Im Grundgesetz heißt es: Eine Zensur findet nicht statt. Einschränkungen gelten dem Jugendschutz und dem Schutz von Persönlichkeitsrechten. Dieser Regelung würde ich mich auch anschließen. Es gibt natürlich den Index jugendgefährdender Schriften der Bundesprüfstelle. Dabei geht es allerdings nicht um Zensur, sondern darum, dass bestimmte Bücher nicht beworben und ausdrücklich präsentiert werden dürfen. Das betrifft aktuell rund 500 Titel, darunter weniger Bücher als Computerspiele oder Filme, die meist rechtsradikale und Gewalt verherrlichende Inhalte aufweisen. Das ist aber ein anderer Aspekt. Wir leben in einem verhältnismäßig unglaublich freien Land. Das zeigt der Vergleich mit anderen Erdteilen. Uns geht es hier verdammt gut. Hier weiterlesen: Documenta 14 in Kassel - alle Infos für den Besuch.

Welche Autoren sind in dem Kunstwerk besonders häufig vertreten?

Stark vertreten ist die klassische Moderne. Im Zentrum stehen Autoren, die die Nationalsozialisten verboten haben, also Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Thomas und Heinrich Mann und Franz Kafka. Diese Autoren finden sich auf den einschlägigen Listen sehr häufig.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir werden unsere Liste sicher weiter vervollständigen. Dazu gehören die Bücher, die vom Texas Civil Rights Project verzeichnet sind, 11000 Bücher, die in texanischen Gefängnissen verboten sind. Die Studierenden bewerten jetzt die für das Kunstwerk eingehenden Bücher. Jedes geprüfte Buch bekommt einen Stempel, wenn es mit unserer Liste abgeglichen worden ist. Da hängt nichts, was nichts durch die Hände unserer prüfenden Studierenden gegangen ist.

Forschen Sie weiter am Thema Zensur?

Auf jeden Fall. Wir planen als Nächstes eine Publikation zur Zensur in der Vormoderne. Dabei untersuchen wir den Zusammenhang von politischer Ordnung und Zensur.


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