Weltkunst kommt nach Münster Skulptur-Projekte: Kunst in der Stadt von Thiel und Boerne

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Münster. Kunst in der Stadt von Thiel und Boerne? Wo sonst der „Tatort“ gedreht wird, werden alle zehn Jahre die „Skulptur-Projekte“ gezeigt. Am 10. Juni 2017 geht es wieder los.

Wenn die „Tatort“-Ermittler Kommissar Thiel und Professor Boerne oder Privatdetektiv Wilsberg nach Tätern fahnden, wirkt Münster wie eine Stadt, die einfach zu beschaulich für wirklich abscheuliche Verbrechen ist. Unter den Bogengängen des Prinzipalmarktes nimmt sich jede Observation wie ein harmloses Spiel von Räuber und Gendarm aus. Die Fernsehkrimis haben Münster populär gemacht – als Krimi-Hochburg mit heimeligem Charme. Münster ist nett, oder? Die Macher der Skulptur-Projekte sehen das ganz anders. Alle zehn Jahre mischen sie die gesetzte Beamtenstadt mit Kunst auf, drehen die heile Welt mitten in Westfalen auf links. Die Skulptur-Projekte gelten längst als international beachtetes Kunsthighlight. Eine Mini-Documenta – in Münster? Hier weiterlesen: Was sind eigentlich die Skulptur-Projekte? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Streit um moderne Kunst

Ja, weil sich ausgerechnet die als stur verschrienen Westfalen vor 40 Jahren über eine Skulptur gründlich in die Haare kriegen. Wer heute George Rickeys abstrakte Plastik „Drei rotierende Quadrate“ sieht, kann die hitzigen Debatten, die 1974 um das Kunstwerk entbrennen, nicht mehr nachvollziehen. Rickeys Plastik wird mit ihrer abstrakten Bildsprache zum Ärgernis. Und sie steht für eine Kunst, die deshalb aufregt, weil sie das Museum verlässt und im öffentlichen Raum ihren ungewohnten Platz beansprucht. Klaus Bußmann, Direktor des Landesmuseums, und Kurator Kasper König machen aus dem Kunststreit eine Ausstellung, in der sie den Stellenwert von Kunst draußen kritisch befragen. 1977 sind die Skulptur-Projekte geboren. Hier weiterlesen: Wie entstehen die „Skulptur-Projekte 2017? Ein Werkstattbericht.

Drei Kuratoren, ein Konzept

„Öffentlicher Raum ist vor allem Verhandlungssache. Er ist nicht statisch, er ändert sich permanent, was seine Regeln und Funktionen angeht“, sagt Marianne Wagner heute. Wagner, Kuratorin für Gegenwartskunst am LWL Museum für Kunst und Kultur, dem früheren Landesmuseum, beschreibt so den gedanklichen Kern der Skulptur-Projekte. Gemeinsam mit der freien Kuratorin Britta Peters entwickelt sie das Konzept der fünften Edition der alle zehn Jahre ausgerichteten Open-Air-Ausstellung. Mit Kasper König, dem Miterfinder des Formates, bilden Wagner und Peters die Trias der Vordenker und Planer. „Welcher Raum ist eigentlich zugänglich und welcher nicht?“, fokussiert auch Britta Peters, worum es in Münster geht – um eine Kunst, die nicht einfach nur schön sein will. In Münster geht es um Kunst, die deshalb Stoff für Kontroversen liefert, weil sie nach dem Zustand von Öffentlichkeit fragt. Das verlangt allen Gesprächsfähigkeit ab, Künstlern, Kuratoren und vor allem dem Publikum. Hier weiterlesen: Was bieten die „Skulptur-Projekte“ 2017? Kuratorin Marianne Wagner im Interview.

Kunst wird umarmt

Aber verträgt sich die Kontroverse mit einer Stadt, die nicht nur wegen der TV-Ermittler als Ort der Heimeligkeit gilt? Und mit einer Stadt, die sich schon lange nicht mehr über Kunst streitet? „Es wäre schlimm, wenn es keine Diskussionen um die Kunstwerke mehr geben würde“, sagt Britta Peters. Ihre Befürchtung hat einen guten Grund. Die einst so heftig befehdete Kunst ist in Münster nicht nur angekommen, die Münsteraner haben ihre Skulptur-Projekte längst umarmt. „Mit der dritten Ausgabe von 1997 hat sich das Verhältnis gewandelt“, berichtet Peters. Inzwischen wird das Ausstellungsereignis eifrig vermarktet. Nicht nur die Einschätzungen von Britta Peters zeigen, dass die Ausstellungsmacher nichts so sehr fürchten wie „Skulptur-Projekte“, die in der Nettigkeitsfalle arretiert sind. Wo eine ganze Ausstellung per Fahrrad erkundet werden kann, Kunstwerke wie Claes Oldenburgs „Giant Pool Balls“ von 1977 zum Postkartenmotiv avanciert und einstige Kontroversen vergessen sind, ist aus zeitgenössischer Kunst geworden, was sie selbst nicht sein will – akzeptierte Alltäglichkeit. Hier weiterlesen: Münster - eine Stadt im Skulpturenstau?

Who´s who der modernen Kunst

Dabei kann sich der Erfolg des einstigen Experiments mehr als sehen lassen. Mit Joseph Beuys, Claes Oldenburg, Donald Judd, Eduardo Chillida, Richard Serra, Bruce Nauman, Rosemarie Trockel, Isa Genzken, Dan Graham und vielen anderen haben maßgebliche Künstler der letzten Jahrzehnte an den „Skulptur-Projekten“ teilgenommen. Nicht nur wegen dieses Who´s who der Gegenwartskunst sind die „Skulptur-Projekte“ neben der Kasseler Documenta und der Biennale von Venedig zu einer festen Größe im weltweiten Ausstellungsbetrieb gewachsen. Ihre Geschichte steht auch für einen kollektiven Lernerfolg, der Schule gemacht hat. Das Format steht beispielhaft dafür, wie sich der Umgang von Menschen mit Kunst und ihr Stellenwert in der Öffentlichkeit vollkommen verändern können. Hier weiterlesen: Vor 40 Jahren - Rückriems Steinskulpturen provozieren Münster.

Längst kein Newcomer mehr

Ob Marianne Wagner, Britta Peters oder Kasper König – die Kuratoren der aktuellen Ausgabe der „Projekte“ reagieren sensibel auf diesen Veränderungsprozess. Sie wissen, dass zeitgenössische Kunst niemals so weit in der Gesellschaft ankommen darf, dass sie nichts mehr bewegt. Sie wissen ebenso, dass das Münsteraner Format kein Newcomer der Kunst mehr ist. Die „Skulptur-Projekte“ sind selbst zu einem Teil der jüngeren Kunstgeschichte geworden. Das zeigen allein schon jene 36 Skulpturen, die nach den bisherigen Ausgaben der Ausstellung in Münsters Stadtraum verblieben sind. Sie fügen sich zum begehbaren Handbuch der Gegenwartskunst. Aber blockieren sie damit nicht auch zugleich den Raum für neue Ansätze der Kunst? Hier weiterlesen: Was ist eigentlich die Documenta? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Alles kann Skulptur sein

Die wird es in Münster 2017 reichlich geben. Die klassische Skulptur spielt im Ausstellungsprogramm schon lange keine zentrale Rolle mehr. Skulptur kann heute alles sein – das plötzliche Gespräch auf der Straße, der Nachbau eines Hauses, die Sitzung im Tattoo-Studio oder die Performance im Friedenssaal des Rathauses. Vor allem Performances werden die fünfte Ausgabe der „Projekte“ prägen. Während der Begriff der Skulptur unscharf wird, bleibt die Frage danach, wie Kunst den öffentlichen Raum unter Spannung setzen kann, virulent. Amüsant und anregend sollen die „Skulptur-Projekte“ sicher sein. Aber nicht so harmlos wie ein „Tatort“ mit Thiel und Boerne.

Info:www.skulptur-projekte.de


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