Weltkunstschau startet in Kassel Documenta 14: Bücher-Parthenon auf dem Friedrichsplatz


Kassel. Die Documenta 14 ist in Kassel mit einem Bekenntnis für Toleranz und Vielfalt gestartet. Der Bücher-Parthenon auf dem Friedrichsplatz prägt das Bild der Weltkunstschau.

Der Obelisk spricht. „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, steht auf der spitz zulaufenden Säule aus Sichtbeton. Auf dem kreisrunden Kasseler Königsplatz bleiben die Leute stehen und schauen an dem Obelisken empor. Olu Oguibe hat die Stele für die Dauer der Documenta inmitten von Kaufhäusern und Cafés platziert - als Mahnung an das Schicksal der Flüchtlinge und als Erinnerung daran, dass Europäer einst Obelisken aus dem Orient herbeiholten. Obeliske recken sich in vielen Metropolen Europas als Sonnensymbol und Zeichen der Macht empor. Nun sehen den so vertrauten Obelisken neu, nämlich als Migranten zwischen den Kulturen. Oguibes Installation gibt der Documenta, die am 10. Juni 2017 mit Werken von 160 Künstlern an 35 Ausstellungsorten nun auch in Kassel starten wird, das Programm vor. Flucht und Migration, Identität und Vielstimmigkeit - als Plädoyer für Toleranz und Gleichberechtigung formuliert die Documenta eine eminent politische Botschaft. Hier weiterlesen: Was ist eigentlich die Documenta? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Verbindungen nach Athen

Das war nach dem Auftakt im April in Athen auch kaum anders zu erwarten. Kassel präsentiert nun wieder einige Künstler, die in Athen jene Bilder lieferten, die die Erinnerung an die 14. Documenta prägen werden. In der Documenta-Halle sind weitere jener indianischen Masken zu sehen, mit denen der kurz vor dem Start der Weltkunstschau verstorbene Beau Dick das Entree des Museums für Gegenwartskunst EMST in Athen eindrucksvoll gestaltet hat. Auch Cecilia Vicuñas Hängeskulpturen aus rot eingefärbter Schafswolle prägen nun im EMST wie in der Documenta-Halle das Bild. Gerade dieser Ausstellungsort zwischen Friedrichsplatz und Karlsaue offenbart aber auch die Schwachstelle des Ausstellungskonzeptes. Viele der Exponate illustrieren mehr die politischen Statements der Kuratoren, als dass sie selbst künstlerisch beeindrucken würden. „Wir brauchen Aufsässigkeit gegenüber Vereinfachungen“, sagte Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung während der Pressekonferenz in der Kasseler Stadthalle, während sein Kollege Paul B. Preciado an Athen als „Zentrum kränkender Debatten in Europa“ erinnerte. In Kassel übertönen die Statements zeitweise die Kunst. Hier weiterlesen: Die Documenta 14 - alle Infos zur Weltkunstschau.

Parthenon und Obelisk

Dabei fahren Documenta-Chef Adam Szymczyk und seine Ausstellungsmacher Kunst im Großformat auf - und mit geradezu plakativer Wirkungsmacht. Das gilt gerade für Marta Minujins „Parthenon der Bücher“ auf dem Friedrichsplatz. Gleich vor dem Fridericianum, dem traditionellen Zentrum des „Museums der 100 Tage“, hat die argentinische Künstlerin das Athener Parthenon als Tempel der verbotenen Bücher dupliziert. In den nächsten Wochen soll das Metallgerüst mit Büchern von verfolgten Autoren verkleidet werden. Nicht nur mit diesem Riesenexponat stemmt sich die Kunst in Kassel geradezu verbissen gegen eine Weltlage, deren Horizont sich im Zeichen von populistischer Radikalisierung und nationalistischem Abgrenzungsdenken immer weiter zu verdüstern scheint. Überdeutlich positioniert sich auf diesem Hintergrund der Iraker Hiwa K., der Röhren zu einem System von klaustrophobisch engen Wohntunneln aufgeschichtet hat. Kunst gegen das Elend der Flüchtlinge - in Kassel wird daraus auf dem Platz vor der Documenta-Halle ein bedrängendes Erlebnis. Hier weiterlesen: Von Agora bis Syntagma - mit Performances durch Athen.

System aus Resonanzräumen

Die beherzte Parteinahme für Menschen, die flüchten müssen, ist aller Ehren wert. Aber das politisch bestens motivierte Statement macht allein noch keine gute Ausstellung. Das wissen, bei aller klaren Parteinahme, auch Szymczyk und seine Leute. Deshalb haben sie die Ausstellungsorte des Kasseler Teils ihrer Documenta zu einem System fein miteinander kommunizierender Resonanzräume vernetzt. Während draußen das Bücher-Parthenon und der Flüchtlings-Obelisk klare Statements formulieren, geht es im Fridericianum überraschend museal zu. Im zentralen Haus der Documenta sind rund 300 Werke der tausend Exponate umfassenden Sammlung des Athener EMST zu sehen. Das bislang nach jahrelangen politischen Querelen immer noch nicht eröffnete Museum für Gegenwartskunst wird so in Kassel sichtbar - als Kollektion einer politisch engagierten Kunst, die schon in den siebziger und achtziger Jahren Position gegen politische Unterdrückung bezog. Kendell Geers´ Nachbildung einer Akropolis aus Stacheldrahtrollen ist hier zu sehen, ebenso wie eine machtvolle Installation aus Kohle und Metall von Arte Povera-Klassiker Jannis Kounellis. Daneben gibt es aber auch den aus Sitzmodulen in Tarngrün nachgeformten Soft-Panzer von Andreas Angelidakis. Leider ein klarer Fall von Polit-Kitsch. Hier weiterlesen: Wie gelingt die Documenta 14? Die Rezension zur Ausstellung in Athen.

Geschichten der Raubkunst

Das lässt sich verschmerzen, weil diese Documenta an zwei weiteren Ausstellungsorten analytische Tiefe und rasante Dringlichkeit gewinnt. Die Documenta-Macher setzen in der Neuen Galerie erfolgreich zur historischen Tiefenlotung an. Eigentlich hatte Adam Szymczyk die zu Teilen aus NS-Raubkunst bestehende Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt zeigen wollen. Das Projekt war an politischem Einspruch gescheitert. Nun inszeniert Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn ein Erinnerungsprojekt, das in der Neuen Galerie verzweigte Geschichten der Raubkunst rekonstruiert. Eichhorn schichtet Bücher, die aus dem Besitz von jüdischen Familien in die Berliner Stadtbibliothek gelangten, zu einem stillen Erinnerungsmonument und formt so das kleinere, aber ebenso intensive Gegenstück zu Minujins Bücher-Parthenon auf dem Friedrichsplatz. Eichhorn dokumentiert auch den komplett von den Nazis konfiszierten Besitz der in Auschwitz ermordeten Eheleute Friedmann aus Breslau. Ein Bild Max Liebermanns aus ihrem Besitz gelangte später in die Gurlitt-Sammlung und wurde inzwischen an den Großneffen der Friedmanns zurückgegeben.

Hier weiterlesen: Venedig, Kassel, Münster - Großformate der Kunst 2017.

Bilder vom Bundespräsidenten

Die Kuratoren begeistern darüber hinaus mit der Sorgfalt, mit der sie jene Spuren dokumentieren, die im kollektiven Bildgedächtnis der Deutschen nach Griechenland führen. In der Neuen Galerie sind nun Zeichnungen und Gemälde zu sehen, mit denen sich deutsche Künstler im 19. und 20. Jahrhundert ihren idealisierenden Traum von der griechischen Antike formten. Die Akropolis-Entwürfe einer von späteren Einbauten gereinigten Akropolis sind hier ebenso zu sehen wie Griechenland-Zeichnungen des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss und von Documenta-Gründer Arnold Bode. Die Documenta schaut sich hier selbst ins verblasste Spiegelbild. Und den Kuratoren der D 14 gelingt gerade in solchen Ausstellungspartien eine gelungene, weil differenzierte Befragung von kulturellen Querverbindungen, die von der eigenen Identität in Sphären führen, die auf dem Hintergrund aktueller Debatten um Wirtschaftskrisen und Euro-Rettung heute wie fremde Welten erscheinen mögen.

Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer.

Hotspot in der Hauptpost

Allerdings kommt die aktuelle Documenta erst dort ganz zu sich selbst, wo das Terrain der Kunst verlassen scheint. In der Kasseler Nordstadt, einem Migrantenviertel, liegt der klotzige Betonriegel der neuen Hauptpost. Dort haben die Ausstellungsmacher Kunst in einer ehemaligen Verladezone mit ihren kahlen Wänden und Fahrzeugbuchten inszeniert. Im rauen Ambiente gewinnen Videos und großformatige Bilder sowie Installationen frisches Leben. Theo Eshetu überblendet dort in seinem Video Museumsbilder mit den Gesichtern von Menschen aus allen Erdteilen. Joar Nango, der in Athen mit seinem improvisierten Camp im Hof des Konservatoriums beeindruckt, steuert in der Hauptpost eine Installation aus Transporter und Video bei. Und Ahlam Shibli dokumentiert in seinem Fotoprojekt die Lebenslinien von Heimatvertriebenen und Gastarbeitern in einem aufwendigen Parallelprojekt. Nirgends ist diese Documenta 14 künstlerisch intensiver und ästhetisch eindringlicher als an diesem ungastlich erscheinenden Ort. Mit der Neuen Hauptpost hat diese engagierte, laute, vielstimmige, am Ende auch brillante Kasseler Documenta ihren unerwarteten Hotspot, der sicher zum Geheimtipp des Publikums avancieren wird.


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