Kunsthalle: „Çanakkale Art Walk“ Osnabrück bietet Kunst aus der Türkei Asyl

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Starkes Statement der Stadt Osnabrück: Die Künstler der in der Türkei abgesagten Çanakkale-Biennale können nun in Osnabrück ausstellen.

Zehn künstlerische Positionen, die für die renommierte Kunstbiennale im türkischen Çanakkele vorgesehen waren, werden nun in der Kunsthalle Osnabrück und weiteren Ausstellungshäusern zu sehen sein. Osnabrück steht damit den Bürgern seiner türkischen Partnerstadt zur Seite. 2016 war dort die Biennale abgesagt worden, nachdem deren Leiterin, die Kuratorin Beral Madra, nach politischen Anfeindungen nationalistischer Kreise zurückgetreten war. „Wir arbeiten daran, dass die Biennale 2018 in jedem Fall stattfinden kann“, sagten jetzt die Ausstellungsmacher Seyhan Boztepe und Deniz Erbas bei der Vorstellung des Osnabrücker Ausstellungsprojektes. Ursprünglich als Parallelveranstaltung geplant, wird der „Çanakkale Art Walk“ in Osnabrück nun den Charakter einer vorübergehenden Ausweichstation haben. Hier weiterlesen: Kunst aus Canakkale in Osnabrück.

Für die Kunstfreiheit

Osnabrück engagiert sich damit erneut für Meinungs- und Kunstfreiheit in der Türkei unter Präsident Recep Erdogan. Erst kürzlich war der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt der in der Türkei verfolgten Autorin Asli Erdogan zuerkannt worden. Die Schriftstellerin und Journalistin steht in der Türkei unter Druck. Nach dem 2016 niedergeschlagenen Putschversuch war sie vorübergehend inhaftiert worden. Derzeit darf die Autorin, die sich in Essays und Romanen gegen die autoritäre Politik Erdogans und politisch motivierte Gewalt wendet, die Türkei nicht verlassen. Derzeit ist unklar, ob sie deshalb den Friedenspreis in Osnabrück persönlich wird entgegennehmen können.

Raum für Kunst

Der „Çanakkale Art Walk“ gruppiert die Arbeiten von 39 Künstlerinnen und Künstlern unter dem Titel „Homeland“ rund um das Thema Heimat und Migration. Gerade unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen solle ein „offener Raum für Kunst“ geschaffen werden, sagte Ausstellungskurator Christian Oxenius bei der Vorstellung des Projektes. Nils-Arne Kässens, Direktor des Kulturgeschichtlichen Museums, hob dabei besonders die Ausstellungsstation in der Villa Schlikker hervor. In dem Haus, das während des Dritten Reiches die Parteizentrale der NSDAP beherbergt habe, werde nun Kunst zum Thema Flucht und Exil gezeigt. Darin liege eine besonders gewichtige Aussage der Ausstellung, sagte Kässens. An der Fassade der Villa soll „Köfte Airlines“ von Halil Altindere angebracht werden. Das Bild zeigt in der Form eines Banners Menschen, die auf einem abhebenden Flugzeug wie auf einem Flüchtlingsboot auf die gefährliche Reise ins Ungewisse gehen. Zu den weiteren Exponaten gehören Installationen, Videos und Bilder in verschiedenen Medien.

Neue Installationen

Gleichzeitig mit dem „Art Walk“ eröffnet die Kunsthalle eine Ausstellung mit zwei Installationen von Felice Varini. Der Künstler hatte bereits im April seine „Vier blauen Kreise“ aus Klebestreifen auf der Marienkirche und auf Hausfassaden am Markt angebracht. Von einem bestimmten Punkt aus gesehen, fügen sich die Klebestreifen zu vier ineinander verschlungenen blauen Kreisen. Das Kunstwerk im Stadtraum begeistert seitdem die Passanten. Nun zeigt der Schweizer Künstler zwei weitere Klebeinstallationen in der Kunsthalle aus Kreisen und Dreiecken. Mit seinen Werken fragt Varini nach Standpunkten der Wahrnehmung und ihrer Veränderung. Damit wirft der Künstler die Frage nach unterschiedlichen Blickpunkten und ihrer Vermittlung auf – ein Thema, das sich gut zum politischen Anliegen des „Çanakkale Art Walk“ fügt. Hier weiterlesen: „Vier blaue Kreise“ verzaubern Osnabrück.

Osnabrück, Kunsthalle, Kulturgeschichtliches Museum, Kunstquartier BBK, Kunstraum hase 29: Çanakkale Art Walk, Felice Varini. Gemeinsame Eröffnung: Dienstag, 6. Juni, 18 Uhr. Kunsthalle. Bis 6. August 2017. Info: kunsthalle.osnabrueck.de


Infos zu Çanakkale Art Walk 2017: Homeland

Partner:

die Kunsthalle Osnabrück, das Osnabrücker Museumsquartier (Felix-Nussbaum-Haus/ Kulturgeschichtliches Museum), der Bund Bildender Künstler Osnabrück (BBK) und die Gesellschaft für zeitgenössische Kunst e.V.

Als weiterer Kooperationspartner und Förderer konnte das Morgenland Festival Osnabrück gewonnen werden. Nachdem die finanzielle Unterstützung aus der Türkei aus politischen Gründen weggebrochen war, half das international renommierte Festival aus. Bereits 2011 war das Morgenland Festival mit diversen Formationen zu Gast beim traditionsreichen Troja Festival im türkischen Çanakkale. 2016 war „Heimat“ das inhaltliche Thema.

Förderer:

Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Städtepartnerschaftsbüro der Stadt Osnabrück und den Freunden der Kunsthalle Osnabrück e.V. durchgeführt. Es wird gefördert von dem Freundeskreis Bildender Künstler (FBK), den Freunden der Kunsthalle Osnabrück, dem ifa-Institut für Auslandsbeziehungen, dem Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V., dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Städtepartnerschaftsbüro der Stadt Osnabrück und der Stiftung Niedersachsen.

Ausstellungsorte – Künstlernamen – Projekte

Kunsthalle Osnabrück, Hasemauer 1 | 49074 Osnabrück, www.kunsthalle-osnabrueck.de

Im Forum, Innenhof, Kreuzgang und Foyer

Halil Altindere (TR) – Homeland, Pravdoliub Ivanov (BG) – Up and Down, Ahmet Kavas (TR) – The Carpet Covers the Earth, Katerina Kuznetcowa (RU) / Alexander Edisherov (GEO) – Propagandahund, Jun-Ichiro Ishii (JP) – Çay on a Balance, Boris Mikhailov (UA) – Euromaidan Series, Eleni Mylonas (GR) – Ave Maria, Julie Roch-Cuerrier (CA) – The World’s History Diluted Again, Hiltrud Schäfer (DE) – Heimat/Zustandsarchiv, Joanna Schulte (DE) – An Oliver, Soheila Sokhanvari (IRN/UK) – Crude-Oil Paintings / Passport Series, Panos Tsagaris (GR) – New York Times Series, Roberto Voorbij (NL) – The Weather This Week

Öffnungszeiten: Di 13-18 Uhr, Mi, Do, Fr 11-18 Uhr, am 2. Do im Monat 11-20 Uhr, Sa + So 10-18 Uhr

Gesellschaft für zeitgenössische Kunst - hase29 - gzk-os.de

Stefan Tschernbock (DE)

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 16-20 Uhr, Sa 11-15 Uhr

BBK Osnabrück im Kunst-Quartier – Bierstraße 33 – 49074 Osnabrück - bbk-osnabrueck.de

Burçak Bingöl (TR) – Unforseen Transformations #2 / Minireform / The Key of Possibilities, Jakob Gautel (FR/DE) – Maria Theodora, Jun-Ichiro Ishii (JP) – Çay on a Balance, Viron Erol Vert (DE/TR) – Die Diele

Öffnungszeiten: Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Museumsquartier Osnabrück (Felix-Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum)

Lotter Str. 2 - osnabrueck.de/fnh

Hüseyin Bahri Alptekin (TR) – Incident-S, Zehra Arslan (DE/TR/IL) – I Movement: Detour / II Movement: Xeku, Cana Bilir-Meier (AUT/TR) – Semra Ertan, Hera Büyüktasçiyan (TR) – The Missing Cuckoo / If the Wind Will Not Serve, Take the Oars, Aissa Deebi – Motherland, Ahmet Elhan (TR) – Mappings, Köken Ergun (TR) – Wedding, Petra Fiebig (DE) – Hoyerswerda, Jeanno Gaussi (AFN/DE) – Holländer Str., Aikaterini Gegisian (GR) – The Little Refugee, JR (FR) – Ellis Island, Junichiro Ishii (JP) – Çay on a Balance, Reysi Kahmi (TR/IL) – Home and Away, Kalliopi Lemos (GR) – Irrevocable Transformations, Maria Otte (DE) – Homeland, Margit Ruset / Christine Vennemann (DE) – Sweet Home, Veit Stratmann (FR/DE) – Shrines, Stefanos Tsivopoulos (GR) – History Zero

Öffnungszeiten: Di--Fr 11-18 Uhr, am 1. Do im Monat 11-20 Uhr, Sa + So 10-18 Uhr