Ausstellung in drei Häusern „Made in Germany 3“: Hannover erforscht „Produktion“

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Hannover. Kleine Documenta an der Leine: Drei Hannoveraner Museen starten die dritte Ausgabe von „Made in Germany“. Titel der Ausstellung: Produktion.

Die Datenströme kommen von überall her. Aber nur im Ausstellungsraum des Sprengel-Museums werden sie zum Klangereignis. Die Künstlergruppe Das Numen hat fünf riesige, silbern glänzende Orgelpfeifen an Fäden aufgehängt. Wetterdaten von zwanzig Messstationen laufen hier zusammen und werden in Geräusche umgewandelt. Wer in die Röhren horcht, vernimmt einen düster wabernden Klang. Der klingt wie das Erschrecken darüber, dass anonyme Datenproduktion den Menschen nicht mehr braucht. Hier weiterlesen: So war die zweite Ausgabe von „Made in Germany“ 2012.

„Von Hannover lernen“

Die Installation „Meatus“ gehört zu den 41 Kunstwerken, mit denen das Sprengel-Museum, die Kestner-Gesellschaft und der Kunstverein in Hannover die dritte Ausgabe des Ausstellungsformates „Made in Germany“ bestückt haben. 2007 waren die drei Häuser angetreten, um mit ihrer Bilanz zum Stand der Kunst in Deutschland alle fünf Jahre der Kasseler Documenta wenigstens ein bisschen Paroli zu bieten. Inzwischen ist das Selbstbewusstsein so gewachsen, dass die Kulturstiftungen, die „Made in Germany“ unterstützen, ihr Katalogvorwort mit „Von Hannover lernen“ betiteln und so unverhohlen auf jene griffige Formel anspielen, mit der Adam Szymczyk seine 14. Documenta im April im Südosten Europas gestartet hat: „Von Athen lernen“. Hier weiterlesen: Was ist die Documenta? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Kreiselnde Bürostühle

Während Szymczyk seine Documenta im Zeichen des „Parlaments der Körper“, also einer Intervention von unten, radikal politisch positioniert, bestimmen die Hannoveraner Ausstellungsmacher das Thema „Produktion“ zum Fokus ihres Statements zum Stand der Kunst. Arbeiten in Kollektiven, der Blick auf Prozess und Vernetzung – irgendwie klingen diese Aspekte des Ausstellungskonzeptes nach der Matrix digitalisierter Industrien, die im globalen Maßstab operieren. Kunst als Alternative zum gesellschaftlichen Stand der Dinge? Das scheint in Hannover nicht gemeint zu sein. Julius von Bismarck lässt unter dem Titel „Freedom Table & Democracy Chair“ Bürostühle und Schreibtische an langen Fäden kreiseln. Bei aller leisen Ironie wirkt das wie der vergebliche Versuch, dem Ordnungsraster der Großraumbüros zu entkommen. Hier weiterlesen: Von Agora bis Syntagma - mit Performances durch Athen.

Vielfalt als Thema

Ganz so einfach liegen die Dinge in Hannover allerdings nicht. Das Stichwort Produktion fokussiert mehr als ein vordergründiges Thema. Viele Künstlerinnen und Künstler haben längst begriffen, dass der digitalen Welt, ja überhaupt der Unübersichtlichkeit der Gegenwart kaum noch mit subjektiven Statements zu begegnen ist. Wer diese Welt künstlerisch bearbeiten will, muss ihre überfordernde Vielfalt zum Thema der eigenen Arbeitsweise machen. Deshalb bilden Künstler Netzwerke, kombinieren vielfältiges Material, stellen ihren Arbeitsprozess selbst aus. Oliver Laric etwa präsentiert im Kunstverein eine Replik von Max Klingers mythisch überhöhtem Beethoven-Denkmal als kühlen 3-D-Druck. Und die Künstlerinnen Katharina Stöver und Barbara Wolff, die gemeinsam als Peles Empire firmieren, stellen ihr nachgebildetes Atelier als Installation aus. Hier weiterlesen: Documenta und Co - wie wir mit Großformaten der Kunst unsere Zeit wahrnehmen.

Keine sterile Galerieware

Diese und viele weitere Exponate sehen nicht nach steriler Galerieware aus, weil sie offenlegen, wie sie entstanden sind, weil sie ihre Brüche unverstellt vorzeigen. „Made in Germany 3“ ist über weite Strecken geprägt von einer Ästhetik der wohl kalkulierten Unfertigkeit. Darin liegt modische Attitüde ebenso wie das offene Bekenntnis dazu, Kunst nicht mehr als letztgültige Antwort auf alle Daseinsfragen in Stellung bringen zu können. Insofern bietet die Hannoveraner Ausstellung in drei Häusern einen lehrreichen, weil authentischen Überblick über die Lage der Kunst in Deutschland. Beispielhaft dafür steht Juliette Blightman, die in der Kestner-Gesellschaft ein Patchwork aus Zeichnungen, Skizzen, Videoclips und Internet-Fundstücken als ihr visuelles Tagebuch ausstellt. Das eine, endgültige Bild gibt es nicht mehr. Stattdessen regiert das Lebenskonzept der Vorläufigkeit. Hier weiterlesen: Documenta zwischen Befreiungsschlag und Großevent. Der Kommentar.

Blauer Ruhepunkt

Damit muss die Suche nach einer unverbrüchlichen Selbsterfahrung im Hier und Jetzt nicht aufgegeben sein. Schirin Kretschmann nennt ihre Arbeit im Kunstverein bezeichnenderweise „Physical“. Unter offenem Oberlicht hat sie blaues Farbpigment zu einer je nach Lichteinfall mild oder kräftig schimmernden Fläche ausgesiebt. Das Wunder der reinen Farbe wirkt wie die Beglaubigung einer Empfindung, die noch einmal ganz bei sich sein darf. Ist hier der rotierende Kreislauf der Produktion endlich einmal stillgestellt? Hier weiterlesen: Wie die Skulptur-Projekte 2017 in Münster entstehen.

Hannover will sichtbar sein

Wie auch immer diese Frage beantwortet wird - an „Made in Germany 3“ lässt sich beobachten, wie Produktion in der Kultur auch als Produktion von Aufmerksamkeit zu verstehen ist. Museen und Förderer platzieren das eine Million Euro teure Ausstellungsformat mit allen Mitteln der Standortpolitik. Hannover möchte jene Sichtbarkeit erreichen, die Kassel mit der Documenta und Münster mit den Skulptur-Projekten längst haben. Das wirkt bemüht. „Made in the Germany 3“ ist zum Glück auch so eine sehenswerte Ausstellung. Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer.


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