Kunstausstellung in Kassel Was ist eigentlich die „Documenta“?


Kassel. Die „Documenta“ in Kassel findet 2017 zum vierzehnten Mal statt. Aber was ist die „Documenta“ eigentlich? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

Was ist die Documenta? Die Documenta ist eine alle fünf Jahre in Kassel stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Eine Findungskommission beruft für jede Ausgabe der Documenta einen Leiter oder eine Leiterin. Diese Person verantwortet gemeinsam mit weiteren Kuratoren und Experten für Kunstvermittlung die künstlerische Linie der jeweiligen Documenta. Zentraler Ausstellungsort ist das Fridericianum, ein 1779 vollendeter Museumsbau in der Kasseler Stadtmitte. 1992 kam die benachbarte Documenta-Halle als zweiter Ausstellungsort hinzu. Die Documenta wird im Hinblick auf ihre Laufzeit auch „Museum der 100 Tage“ genannt. Hier weiterlesen: Von Agora bis Syntagma - mit Performances durch Athen.

Wie wichtig ist die Documenta? Die Documenta gilt als das weltweit wichtigste Ausstellungsformat für Gegenwartskunst. Jede Ausgabe der Kasseler Ausstellung wird deshalb mit großer Spannung erwartet. Die Documenta gilt als Gradmesser für aktuelle Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst und zugleich als großes Statement zu zentralen Themen von Politik und Gesellschaft. Jede Ausgabe präsentiert die Werke von mehreren hundert Künstlern. Mit der Documenta sind viele zunächst ungewohnte Kunstformen wie Installation, Video und Performance populär geworden. Die Documenta gilt als wichtigster Ort für den Start von Künstlerkarrieren. Hier weiterlesen: Wie gelingt die Documenta 14? Die Rezension zur Ausstellung in Athen.

Wie ist die Documenta entstanden? Der Kasseler Akademieprofessor Arnold Bode hat die erste Documenta 1955 als Beiprogramm zu einer Bundesgartenschau veranstaltet. Damals kamen 135000 Besucher zu der Ausstellung im Fridericianum. Arnold Bode leitete noch weitere zwei Ausgaben 1959 und 1964, bevor 1968 ein Documenta-Rat die Leitung übernahm. Erst mit Harald Szeemann, dem Leiter der fünften Ausgabe von 1972, erhielt die Ausstellung ihre bis heute gültige Struktur im Hinblick auf Leitung und zeitlichen Rhythmus. Die Zahl der Besucher ist übrigens mit jeder Ausgabe gestiegen. 2012 kamen fast 900000 Besucher, zur aktuellen Documenta 14 werden 2017 rund eine Million erwartet. Hier weiterlesen: Documenta zwischen Befreiungsschlag und Großevent. Der Kommentar.

Welche Documenta-Ausgaben ragen heraus? Die erste Documenta setzte 1955 nicht nur den Startschuss. Arnold Bode rehabilitierte mit dieser Ausstellung auch die von den Nationalsozialisten verfemten Künstler der Moderne. Die Documenta 1 stellte für den Deutschland den Anschluss an das internationale Kunstgeschehen wieder her. Einen großen Wendepunkt der Documenta-Geschichte markierte Harald Szeemann 1972. Seine Documenta-Ausgabe etablierte mit zentralen Werken von Joseph Beuys und vielen Rauminstallationen einen völlig neuen Kunstbegriff. Als erster, nicht aus Europa stammender Leiter öffnete Okwui Enwezor die Documenta mit seiner Ausgabe von 2002 für die Globalisierung. Adam Szymczyk hat 2017 mit Athen erstmals einen zweiten, gleichberechtigten Standort neben Kassel etabliert. Hier weiterlesen: Documenta und Co - wie wir mit Großformaten der Kunst unsere Zeit wahrnehmen.

Welche Exponate wurden zu Legenden? Als 2007 der von Ai Weiwei aus alten Türen aufgetürmte Skulptur in der Kasseler Karlsaue im Sturm einstürzte, lachte die ganze Kunstwelt. Ai Weiweis kollabierte Skulptur avancierte zur Documenta-Legende. Andere Exponate sind aber als Marksteine der Gegenwartskunst viel wichtiger. Joseph Beuys installierte 1977 in der Rotunde des Fridericianums seine „Honigpumpe“ als Symbol zirkulierender Energie. Mit seinem Projekt „7000 Eichen“ brachte Beuys 1982 Kunst und Ökologie zusammen. Sichtbares Wahrzeichen der Documenta ist bis heute Jonathan Borofskys „Man walking to the sky“. Kurator Jan Hoet hatte die Skulptur 1992 nach Kassel geholt. Sie verkörpert Optimismus und Wachstumskurs der Kasseler Ausstellung. Hier weiterlesen: Venedig, Kassel, Münster - Großformate der Kunst 2017.

Was hat die Documenta bewirkt? Noch nie in der Geschichte haben sich so viele Menschen mit aktueller Kunst beschäftigt wie gerade heute. Das ist zu einem großen Teil das Verdienst der Documenta. Die Kasseler Ausstellung hat der Gegenwartskunst - trotz der schon 1895 gestarteten Biennale von Venedig - das größte Schaufenster geboten. Der Rhythmus von fünf Jahren zwischen den einzelnen Ausgaben sorgt für einen nie abreißenden Spannungsbogen. Mit der Documenta ist zeitgenössische Kunst endgültig zum Spektakel avanciert - und zum Barometer für den Zeitgeist. Hier weiterlesen: Wie die Skulptur-Projekte 2017 in Münster entstehen.

Was ist an der 14. Documenta besonders? Die aktuelle Ausgabe der Weltkunstschau findet erstmals an zwei Standorten statt. Adam Szymczyk, Chef der Documenta 14 hat einen ersten Teil seiner Schau bereits im April 2017 in Athen unter dem Titel „Von Athen lernen“ eröffnet. 2012 hatte die Leiterin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev bereits in Kabul, Kairo und dem kanadischen Banff erstmals Außenstandorte der Documenta etabliert. Einen zweiten, gleichberechtigten Standort wie den in Athen gab es bislang aber noch nicht. Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer.

Wer finanziert die Documenta? Nach Angaben der Geschäftsführung standen für die documenta 14 - zusammengerechnet für fünf Jahre - rund 34 Millionen Euro zur Verfügung. Die Hälfte ist vorab finanziert vom Land Hessen, der Stadt Kassel und der Kulturstiftung des Bundes. 17 Millionen Euro muss die documenta selbst erwirtschaften. Das wird ihr auch gelingen. Im Vergleich zu anderen Kulturformaten weist die Documenta einen hohen Grad der Eigenfinanzierung auf. Für Kassel lohnt sich das Kunstformat auf jeden Fall. Die Documenta löst in der Stadt durch ihre Besucher und ihre Produktion einen Umsatz von 200 Millionen Euro aus.


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