Maria Theresia Fasinierende Biografie von Élisabeth Badinter

Die Biografin Élisabeth Badinter. Foto: Sipa PressDie Biografin Élisabeth Badinter. Foto: Sipa Press

Osnabrück. Élisabeth Badinter hat mit ihrer Biografie „Maria Theresia. Die Macht der Frau“ ein so facettenreiches wie einprägsames Porträt der Regentin und sechzehnfachen Mutter vorgelegt, das man beim Lesen nicht aus der Hand legen mag.

Warum zieht diese Biografie so sehr in den Bann, dass man nicht aufhören mag zu lesen? Weil Élisabeth BadinterMaria TheresiaMaria Theresia, die damals wohl mächtigste Frau Europas, als strategisch denkende, disziplinierte und machtbewusste Herrscherin beschreibt – und als Frau, die ihre weiblichen Qualitäten gezielt einzusetzen verstand. Badinter spricht mit dem Geschichtswissenschaftler und Mediävisten Ernst Kantorowicz sehr hilfreich von den zwei Körpern Maria Theresias, einem sterblichen, der Leidenschaften, Krankheiten und dem Tod unterworfen ist und einem unsterblichen symbolischen, gleichsam politischen Körper, der mit dem Tod auf den jeweiligen Nachfolger in der habsburgischen Dynastie übergeht.

Der Respekt vor Maria Theresias Lebensleistung als Regentin und beinharter Arbeiterin steigt um so mehr, als ihr Körper 16 Schwangerschaften ausgesetzt war, sie also alle ihre Staatsgeschäfte und poltischen Krisen im dauerschwangeren Zustand bewältigen musste. Eine Folge davon: Die anfangs wegen ihrer Schönheit, Anmut und Selbstbeherrschung Gepriesene wurde immer dicker und schwerfälliger, musste am Ende halb geschoben, halb getragen werden. Nach herrischen Zügen kommen familiär bedingte Schwermut, extreme Prüderie und abnehmende Durchsetzungsfähigkeit in den späten Jahren hinzu – die Biografin verschweigt nicht Maria Theresias Schwächen. Doch die Zügel aus der Hand an ihren Sohn und Nachfolger Joseph gab diese erstaunliche Frau mit dem hoch beweglichen Geist noch lange nicht.

Élisabeth Badinter, emeritierte Professorin für Philosophie an der Pariser École Polytechnique und Feministin, erzählt in eleganter Sprache und auf jederzeit kenntlich gemachter, reicher Quellengrundlage anfangs von den politischen Bedrängnissen der jungen Königin von Ungarn und Böhmen an der Seite ihres zwar lebenslang heiß geliebten, aber politisch und militärisch nicht sonderlich versierten Ehemanns Franz Stephan von Lothringen. Mit Mut, Widerstandsgeist, stets diplomatisch gehandhabter Unabhängigkeit auch von ihrem Mann und einer gewissen „Männlichkeit der Seele“ konnte sie sich nach und nach von mancher Umklammerung durch machthungrige Nachbarländer befreien.

Badinter kontrastiert die junge, katholisch-fromme Maria Theresia mit dem aggressiven Machtkalküls Friedrichs II., der ihr kurzerhand Schlesien abnahm. Und zeigt, wie die Monarchin politisches Bündnisspiel und Selbstbehauptung in Europa lernt. Etwa, indem sie die erste polnische Teilung 1772 als Verrat am einstigen Bundesgenossen empört ablehnt, aber doch dafür sorgt, ein möglichst großes Stück vom mit Russland und Preußen geteilten Kuchen zu erhalten. Indem Badinter einen dritten, den mütterlichen Körper, einführt, dem die kinderreiche Regentin viel Platz einräumen musste im Gegensatz zu Elisabeth I von England und Katharina II. von Russland, die wie Männer lebten und regierten, präzisiert sich noch einmal das facettenreiche Porträt Maria Theresias.


Élisabeth Badinter „Maria Theresia. Die Macht der Frau“. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim. Paul Zsolnay Verlag, 301 S., 24 Euro

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN