Roman von Annette Mingels „Was alles war“: Der lange Weg zur Patchwork-Familie

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Osnabrück. „Was alles war“: Annette Mingels fragt nach dem, was eine Familie ausmacht – und legt einen der wichtigsten Romane des Frühjahres 2017 vor.

Der Familienroman ist wieder da. Nicht als Generationengeschichte wie in Thomas Manns „Buddenbrooks“, auch nicht als Geschlechtersaga wie in „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Der Titel von Annette Mingels’ Roman „Was alles war“ klingt nach ausladender Erzählung. Aber die Autorin fasst das Thema Familie anders an. Mingels erzählt nicht von stolzem Herkommen, sondern von der Patchwork-Familie. Adoptiveltern, leibliche Mutter, neuer Partner und dessen Kinder – und eine Frau mittendrin. Dieser Roman spielt alle Facetten des Themas durch. Hier weiterlesen: Auf der Flucht - Dave Eggers´ Roman „Bis an die Grenze“.

Leibliche Mutter meldet sich

Annette Mingels erzählt von Susanne, genannt Susa. Die Meeresbiologin scheint beruflich arriviert. Ihre Adoptiveltern haben ihr Rückhalt und Sicherheit gegeben. Eines Tages aber meldet sich Susas leibliche Mutter Viola. Das Treffen klärt Susa über ihre Herkunft auf. Es verunsichert aber auch Gewissheiten. Wer sind die besseren Eltern – die leiblichen oder diejenigen Menschen, die sich kümmern? Und was prägt den Menschen mehr – der Code der Gene oder die sozialen Erfahrungen? Unterschiedlicher als Susa und ihre Mutter Viola können zwei Menschen jedenfalls kaum sein. Viola hat sich durch die Welt geliebt und ihre Kinder weggegeben. Ihr Weg erinnert an die Hippie-Kultur der Sechzigerjahre und damit an einen Lebensentwurf, der heute seltsam gestrig wirkt. Hier weiterlesen: Brillante Satire - Jonas Lüschers „Kraft“.

Der erste Kuss

Susa sucht etwas anderes. Sie lernt den Witwer Henryk kennen. Und seine beiden Töchter. „An einem Abend gingen wir essen, nur Henryk und ich, während seine aus dem Osten angereiste Mutter auf die Kinder aufpasste, danach, vor meiner Haustür, der erste Kuss, die ersten Küsse, mehr nicht. Waren wir zusammen?“ Susa und Henryk tasten sich nicht nur in die neue Zweisamkeit, sie bauen auch ihre neue Familie wie ein Konstrukt, das alle halten soll und doch fragil gebaut ist. Die Familie als Rückhalt und Suchbild zugleich: Genau das ist das Thema dieses Romans, so wie die Unsicherheit der Liebe. Biologin Susa erforscht das Paarungsverhalten von Würmern, Literaturwissenschaftler Henryk grübelt über dem Minnesang. So schön ironisch visiert Annette Mingels an, was jeder Mensch zusammenbringen muss – Verlangen und Verantwortung. Hier weiterlesen: „Statt etwas oder Der letzte Rank“ - das neue Buch von Martin Walser.

Wahlverwandtschaft im Wohnzimmer

Mingels zeichnet ihre Charaktere differenziert und mit viel Wärme, sie erzählt kunstvoll verflochtene Handlungsstränge mit einer biegsamen Sprache. Die Erzählerin hat den Blick für die Unsicherheiten ihrer Figuren wie auch für die Gefühlswerte kleiner Situationen. Mingels hebt nicht ab in die Höhen des Gefühls, sie bleibt auf dem Boden des normalen Lebens. Ihre Wahlverwandtschaften bilden sich nicht, wie in Goethes legendärem Beziehungsroman, auf einem entlegenen Landgut, sondern in der unaufgeräumten Küche oder im Wohnzimmer, wo die Spielsachen der Kinder herumliegen. Hier weiterlesen: Wie wird das Literaturjahr 2017? Ein Ausblick.

Liebe und Familie

Anfangen, Weitermachen, Lieben, Verlieren, Finden: So heißen die Kapitel eines Romans, der vorführt, wie Liebe und Familie heute funktionieren. Nicht mehr als Ewigkeitsprojekt, sondern als Lebensreise auf Sicht, Aufbrüche und Abschiede inbegriffen. Bisweilen verliert sich dieses Buch in Kleinteiligkeiten, und auch das letzte Kapitel, in dem Susa nach Amerika reist, um ihren leiblichen Vater zu finden, verrutscht mit seinem Pathos. „Was alles war“: Dieser Roman wird seine begeisterten Leser finden, auch deshalb, weil er gesellschaftlichen Klimawandel anzeigt. In Krisenzeiten fragen viele Menschen nach greifbarem Bezug. Den bietet Familie. Der Ego-Trip der Selbstverwirklicher verliert zugleich an Faszination.


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