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Triumph und Niederlage Helmut Kraussers Roman „Nicht ganz schlechte Menschen“ spürt Utopien der 20er- und 30er-Jahre nach

Von Karsten Herrmann

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Osnabrück. Unaufhaltsam trudelten die 20er- und 30er-Jahre in die Katastrophe. Wie sich die Entwicklungen auf die Menschen auswirkten, zeigt Helmut Krausser in seinem neuen Roman „Nicht ganz schlechte Menschen“ am Beispiel der Zwillingsbrüder Max und Karl.

Große literarische Stoffe bergen für den Schriftsteller ebenso große Chancen wie Risiken, und Triumph und Niederlage liegen hier oft nahe beieinander. Dies ist auch im neuen Roman des vielseitigen Schriftstellers, Lyrikers, Bühnen- und Hörspielautors Helmut Krausser deutlich zu spüren, der nichts weniger als die in die historische Katastrophe führenden 20er- und 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts umspannt. An den Stationen Berlin, Paris und Barcelona nimmt Krausser die rasanten Entwicklungen in Kunst und Politik sowie den Kampf der Utopien und Ideologen ins Visier und versucht zu zeigen, was dabei mit den Menschen geschieht.

Kraussers Helden sind die beiden Zwillinge Max und Karl, die 1915 das Licht der Welt erblicken und von Anfang an durch ihre Begabungen bestechen. Schnell entwickeln sie sich zu luziden Denkern, und während Karl sich früh für Marx und Lenin begeistert, hält es Max mit Friedrich Nietzsche und seiner Idee des Übermenschen: „Er empfing eine zweite Taufe, stürmte, zitternden Herzens, den Palast eines Denkens, der alles, was zuvor für sicher und indiskutabel galt, zertrümmert hatte.“ Über ihre Geistes-Ideen werden die beiden Brüder zunehmend zu erbitterten Rivalen und Gegnern und bleiben sich doch immer eng verbunden.

Nach dem frühen Tod des Vaters, eines hohen Richters, stürzt sich der nach seinen Erfahrungen in einem Jesuitenkolleg bisexuelle Max in das Kunst- und Nachtleben der Metropole Berlin, in der nichts unmöglich scheint: „Für Geld gab es einiges, für mehr Geld fast alles.“ Fasziniert beobachtet er den Aufstieg des Nationalsozialismus, der zunehmend „begann die Gesellschaft zu verändern“. Schließlich geht Max zusammen mit seinem Bruder Karl und der halbjüdischen Prostituierten Ellie nach Paris und hält sich mit literarischen und journalistischen Versuchen sowie halbseidenen Jobs über Wasser. Karls Weg führt weiter nach Barcelona in den spanischen Bürgerkrieg, wo er aber mutlos und unentschlossen in einer nur beobachtenden Position verharrt. Entsetzt muss er zusehen, wie die Utopie in einer unübersehbaren Gemengelage aus Sozialisten, Stalinisten, Anarchisten und erstarkenden Faschisten zu zerbrechen droht. „Karl zweifelte zum ersten Mal an seinem politischen Glauben.“ Ernüchtert kehrt er nach Paris zurück, wo sich Max und Ellie derweil mit einem Hotelier in einer delikaten Menage à trois eingerichtet haben. Immer dunkler werden derweil die Wolken der Kriegsgefahr, und der Roman treibt auf sein überraschend-absurdes Ende zu.

Im Ringen mit dem großen literarischen Stoff neigt sich die Waagschale in diesem Roman hin zur Niederlage. Zu wenig gelingt es Helmut Krausser, seine durchaus reizvoll angelegten Figuren mit Leben zu erfüllen und die knisternde Atmosphäre dieser Zeit überzeugend einzufangen. Allzu offensichtlich dienen ihm die Brüder Karl und Max nur als willfährige Kleiderständer für die widerstreitenden Ideen und Utopien dieser Zeit, für ihre Irrungen und Verlockungen. In einer Art Doku-Fiction montiert Helmut Krausser zudem auch noch zahllose historische Fakten, Zitate und Tatsachenberichte in seinen Roman, die aber weniger zur Authentizität beitragen als vielmehr den Erzählfluss ins Stocken geraten lassen. So ist „Nicht ganz schlechte Menschen“ ein Roman, der zu viel (Geistes-)Geschichte rekonstruiert und zu wenige packende Geschichten erzählt.

Helmut Krausser: „Nicht ganz schlechte Menschen“. Dumont, 572 S., 22,95 Euro.


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