Ursula Gräfe über ihre Arbeit Haruki Murakamis Roman „Gefährliche Geliebte“ in neuer Übersetzung

Bestseller-Autor: Haruki Murakami. Foto: dpaBestseller-Autor: Haruki Murakami. Foto: dpa

Ch.A.Osnabrück. Schon der neue Titel der Übersetzung Ursula Gräfes überrascht: „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ heißt Haruki Murakamis Roman nun, der unter dem Titel „Gefährliche Geliebte“ im Jahr 2000 in Deutschland zu einer gewissen bedauerlichen Berühmtheit gelangte. Über den Liebesroman des japanischen Bestseller-Autors und seine saftig-sexuellen Stellen war das „Literarische Quartett“ in seiner ursprünglichen Zusammensetzung zerbrochen.

Denn Sigrid Löffler, angesehene Literaturkritikerin und Gründungsmitglied des „Literarischen Quartetts“, hatte den Roman als „literarisches Fast Food“ bezeichnet, dem man einen „Platzverweis“ erteilen müsse. Es entbrannte zwischen ihr und ihrem Kollegen, dem „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, ein Streit über literarisch gelungene Darstellung von Sexualität. Als Beispiel empfahl sie Thomas Lehrs Roman „Nabokovs Katze“.

Der erfahrenen und renommierten Übersetzerin im DuMont Verlag, Ursula Gräfe, weicht der damalige Buchtitel schlicht zu weit vom Originaltitel ab, wie sie nun im Gespräch sagt. Nicht nur der Titel. So kommt ihre neue Lesart in einer deutlich eleganteren, kultivierteren, verbstärkeren Sprache daher als die umstrittene erste deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen, an der sich der „Quartett“-Eklat entzündete. Doch warum hat es 13 Jahre gedauert, bis jetzt die Direktübersetzung auf den Buchmarkt gelangt?

„Murakami gehört zu unseren Besteller-Autoren, Tendenz steigend“, begründet Linda Marie Schulhof von der Presseabteilung des DuMont-Verlags die Neuübersetzung. „Murakamis zuletzt erschienene Trilogie ‚IQ84‘ist bislang auch die bestverkaufte“. „Japanische Autoren werden generell nicht so schnell nachübersetzt“, erklärt Ursula Gräfe ihrerseits den neuen Vorstoß. „Zudem schrieb Haruki Murakami nach ,Gefährliche Geliebte‘ viele Bücher, die erst einmal zügig übersetzt werden mussten.“ „Damals war er hierzulande noch nicht so bekannt, war gerade vom Suhrkamp Verlag zu Dumont gewechselt und vielleicht brach der Kontakt zu Übersetzern ab.“ Jedenfalls hatte Murakami damals nichts gegen die Übertragung aus dem Amerikanischen einzuwenden, war aber vom Skandal völlig überrascht.

In der Tat enthält die alte Version einen flapsigen bis drastischen Jargon. „Ich wollte sie bis zur Hirnerweichung vögeln“ übersetzt Gräfe nun mit „Sex haben, bis das Hirn schmilzt“. „War ich nach Kyoto geflitzt, um ihre Cousine zu nageln“ übersetzt sie „damit ich nach Kioto fahren und mit ihrer Cousine schlafen konnte“.(weitere Textstellen beim Facebook-Auftritt des Dumont-Verlags ). Warum diese Entschärfung?

Was da bei der Übersetzung ins Amerikanische praktiziert wurde, kennt Gräfe auch für den indischsprachigen Raum, in dem sie ebenfalls als Übersetzerin tätig ist: „Ausländische Literatur wird in einen dem amerikanischen Leser vertrauten Tonfall übertragenwie der ihn mag. Auch Murakamis Roman nahm diesen saloppen Tonfall an, den es im Japanischen aber nicht gibt“, so Gräfe. Weil die Japaner eine förmlichere Art des (öffentlichen) Umgangs pflegten, der sich auch auf die Sprache auswirke.

Im Deutschen sieht sie da eine gewisse Ähnlichkeit, was das Förmliche anbelangt. „Deshalb hat die Weiterübersetzung ins Deutsche die Kluft zum japanischen Original vermutlich zu groß gemacht.“ Das für die deutsche Version verantwortliche Übersetzerpaar Giovanni und Ditte Bandini trägt also keine Schuld. „Sigrid Löffler hat vielleicht gespürt, dass da was faul war“, meint Ursula Gräfe schmunzelnd.

Haruki Murakami: „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“, DuMont, Roman, 224 S., 16,99 Euro. Auf der Facebook-Seite des DuMont-Verlags ist der Übersetzungs-Vergleich von drei „Sexstellen“ abgedruckt.


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