„Gott, hilf dem Kind“ Toni Morrisons neuer Roman über Rassismus

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Literatur gegen Rassismus: US-Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat ihren neuen Roman „Gott, hilf dem Kind“ publiziert. Foto: dpaLiteratur gegen Rassismus: US-Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat ihren neuen Roman „Gott, hilf dem Kind“ publiziert. Foto: dpa

Osnabrück. Was macht Rassismus mit Menschen? Er führt sie in den Selbsthass. Toni Morrison erzählt in ihrem Roman „Gott, hilf dem Kind“ von Menschen, die um ein Leben ohne Hass kämpfen.

Schwärzer als schwarz: Gibt es das? „Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz“ ist das Kind, das die Mutter zu ihrem Entsetzen zur Welt bringt. Lula Ann, das „Negerlein“, ist der Afroamerikanerin peinlich. Die Mutter nennt sich Sweetness, aber sie versüßt ihrem Kind nicht das Leben. Und der Vater rührt das Mädchen nicht an. Lula Ann lebt mit der destruktivsten Form des Rassismus auf - einer Ablehnung, die als Selbsthass unauslöschlich in den wegen ihrer Hautfarbe ausgegrenzten Menschen selbst verankert ist. Ihren Eltern ist die kleine Lula ein Ausbund der Hässlichkeit. „Ich habe Angst“, lautet fast folgerichtig der erste Satz, mit dem sich Lula Ann selbst vorstellt. Als ihr Mann Booker sie verlässt, sagt er nur: „Du bist nicht die Frau, die ich will“. Hier weiterlesen: Auf der Flucht - Dave Eggers´ Roman „Bis an die Grenze“.

Täter und Opfer

Zurückweisung verstärkt sich mit jedem Mal mehr. Sie frisst sich in Menschen ein, imprägniert ihr ganzes Selbstgefühl. Rassismus ist eine solche Zurückweisung, die all jene Menschen in Besitz nimmt, die unter ihren Bedingungen leben, gleich ob als Täter oder Opfer. Die amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison erzählt in ihrem neuen Roman „Gott, hilf dem Kind“ von der jungen Lula Ann, von ihrer Freundin Brooklyn, ihrem Mann Booker, von fatal miteinander verwobenen Schicksalen und dann doch immer wieder von Rassismus als jener einen, geheimen Macht, die Menschen mit der Selbstachtung auch jede Fähigkeit nimmt, ein gutes Selbstgefühl zu haben und andere zu bejahen. Glückliche, weil gelingende Beziehungen gibt es für diese Menschen nicht. Hier weiterlesen: Ein starkes Gefühl, das Menschen schwächer macht - Essay über die Angst.

Im Geflecht der Perspektiven

Toni Morrison hätte ihren Roman einfach und überschau anlegen können, indem sie allein ihrer Protagonistin Lula Ann auf der Spur bleibt. Aber die inzwischen 86 Jahre alte Autorin zieht den Leser in ein Labyrinth der Perspektiven und Blickwinkel, indem sie ihre Figuren zunächst alle aus ihrer jeweiligen Ich-Perspektive erzählen lässt. So fächert sich lineare Handlung in ein Kaleidoskop der Blickwinkel auf. Und jede Figur erweist als unschuldiges Wesen mit einer Kehrseite der Schuld. Das gilt nicht zuletzt für Lula Ann, die eine Lehrerin des sexuellen Missbrauchs bezichtigt, um geliebt zu werden, und die unschuldige Frau mit ihrer Aussage ins Gefängnis schickt. Das gilt aber auch für diese Sofia Huxley, in der neben der Gewalttäterin, die ihre Anklägerin nach der Haftentlassung böse zurichtet, eine verschüchterte Frau wohnt. Hier weiterlesen: Brillante Satire - Jonas Lüschers „Kraft“.

Ein großer Roman

Hinter jeder Gewalt wohnt die Angst. Hinter jedem Unrecht, das Menschen einander antun, verbirgt sich das Leid, das sie von anderen empfangen haben. Toni Morrison verschachtelt die Handlungsfäden ihres Romans so geschickt zu einem dichten Gewebe, um diesen fatalen Kreislauf über die wohlfeile Anklage hinaus erzählerisch sichtbar zu machen. Diese Leistung und nicht ihr gesellschaftspolitisches Anliegen macht ihr neues Buch zu einem großen Roman. Er kommt zur rechten Zeit. In den USA reißt die Serie von Gewalttaten von Polizisten gegen Schwarze nicht ab.. Zudem verschärft Donald Trump, der neue Mann im Weißen Haus, eher gesellschaftliche Spannungen als sie zu entschärfen. Jahrzehnte nach dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung ist der Rassismus noch immer nicht besiegt. Das könnte mutlos machen. Hier weiterlesen: „Statt etwas oder Der letzte Rank“ - das neue Buch von Martin Walser.

Hinter der Fassade

Morrison erzählt von Menschen, denen es so ergeht. Lula Ann Bridewell muss sich „Bride“ nennen, in ein schneeweißes Kleid schlüpfen, um als Repräsentantin einer Parfümmarke Erfolg haben zu können. Im Jaguar fährt sie bei Kunden vor. Doch hinter der polierten Fassade nistet das Unglück wie ein düsterer Geist. Eine Pause vom Desaster bietet nur die Zeit, die Bride nach einem Autounfall bei Steve, Evelyn und ihrem Pflegekind Rain verbringt. Das Hippiepaar nimmt die Verletzte auf. Und die findet sich aufgehoben wie in einem Asyl. Morrisons Vision einer Hilfe ohne Gegenleistung erinnert an Episoden aus Dave Eggers´ Roman „Bis an die Grenze“, in denen Hauptfigur Josie in Landkommunen eine neue Heimat findet. Morrison packt ihr Thema aber härter an als Eggers. Bride und Booker finden nach heftigem Streit wieder zusammen. „Gott, hilf dem Kind“: Der titelgebende Stoßseufzer gilt dem Kind der beiden. Ob es einmal ohne inneren Widerwillen leben kann? Gott muss helfen. Die Menschen tun es nicht - oder zu selten. Hier weiterlesen: Wie wird das Literaturjahr 2017? Ein Ausblick.


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