Bilder-Datenbank im Internet Malergenie Lucas Cranach auf dem Röntgentisch


Köln. 1600 Bilder verzeichnet das Cranach Digital Archive. Forscher gehen dem Maler der Luther-Zeit und seinen Werken auf den Grund.

Eine ganze Ausstellung aus dem Internet – gibt es so etwas? Die opulente Cranach-Show, die in Düsseldorfer Museumssälen gerade aufgefahren wird, hat jedenfalls ihr noch viel größeres Pendant im Netz. „cda“: Unter diesem unscheinbaren Kürzel firmiert das Cranach Digital Archive, Forschungsprojekt und digitales Datennetzwerk im Netz. Gunnar Heydenreich, Professor für Restaurierung und Kunsttechnologie an der Technischen Hochschule in Köln, hat die von der Andrew W. Mellon Foundation finanzierte Datenbank seit 2009 aufgebaut. Das „cda“ ist jetzt am Düsseldorfer Museum Kunstpalast angesiedelt. Hier weiterlesen: Lucas Cranach in Düsseldorf - der Blick in die Ausstellung.

2000 Werke bis 2018

„Wir können neue Perspektiven auf Lucas Cranach anbieten“, sagt Heydenreich und untertreibt dabei. Denn trotz großer Forschungsprojekte zu den Werken Rembrandts und Raffaels braucht die Cranach-Datenbank keinen Vergleich zu scheuen. Rund 1600 Werke des Renaissance-Meisters sind bislang eingestellt. „In der dritten Projektphase wollen wir bis 2018 dann bei 2000 Werken sein“, sagt Heydenreich. Hier weiterlesen: Reformator der Widersprüche - Martin Luther im Porträt.

Normalfall Kooperation

Dabei soll nicht im Sinn herkömmlicher Werkverzeichnisse gearbeitet werden, betont der Cranach-Experte. Ist ein Bild Lucas Cranach persönlich zuzuschreiben oder nicht? Diese Frage tritt beim „cda“ in den Hintergrund. „Kooperation war in der Werkstatt Cranachs der Normalfall“, sagt Heydenreich. Mit anderen Worten: Die heute berühmten Bilder entstanden arbeitsteilig – vom Zuschneiden der Holztafeln über die Vorzeichnung bis hin zu den gemalten Motiven waren meist mehrere Künstler beteiligt. Forscher versuchen heute zu entschlüsseln, welcher Mitarbeiter was ausgeführte – und wo Lucas Cranach selbst eingegriffen hat. Hier weiterlesen: Nicht nur der Dürer-Hase - Tiere in der Kunst.

„Aufwand genau kalkuliert“

Dafür werden die Meisterwerke durchleuchtet. Mit Verfahren wie der Infrarotreflektografie schauen die Forscher heute alle auf Schichten eines Bildes bis zur Vorzeichnung. Gemälde erzählen dann ihre Geschichte. „Cranach hat seinen Arbeitsaufwand genau kalkuliert“, sagt Gunnar Heydenreich. Für prominente Auftraggeber und erst recht seinen Brotgeber, den Kurfürsten Friedrich, legte der Maler selbst Hand an, Aufträge von weniger wichtiger Seite überließ er gern seinen Mitarbeitern. Hier weiterlesen: Nur noch im Gespann - Museen setzen auf Künstlerpaarungen.

Röntgenbilder im Netz

Arbeit im Verbund: Das gilt auch für das digitale Cranach-Archiv. Die Datenbank listet nicht einfach Werknummern, sondern fächert zu jedem Werk detaillierte Informationen von der Provenienzgeschichte über Forschungsliteratur bis hin zu Röntgenbildern auf. Die Struktur dieser Datenbank ist längst für andere Wissenschaftler interessant. Forscher, die sich mit Hieronymus Bosch beschäftigen, haben sich bei den Cranach-Experten gemeldet. Und Anfragen zum Thema Raubkunst gab es auch. „Auch nach 500 Jahren hält Lucas Cranach noch viele Überraschungen bereit“, sagt Experte Gunnar Heydenreich.


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