Schauspieler mit guter Band Starke erste Platte: Tom Schillings „Vilnius“

Von Joachim Schmitz


Schauspieler Tom Schilling bringt an diesem Freitag seine erste Platte auf den Markt: „Vilnius“ ist überwiegend melancholisch, oft rätselhaft und fast durchgehend richtig gut, auch wenn er die Charts damit nicht erobern wird.

Romantisch geht anders. „Trink endlich aus und dann mach, dass Du gehst/ Nimm Dir den Koffer, pack alles ein und mach, dass Du gehst,“ singt diese Stimme, die irgendwie vertraut und eigentlich gar nicht so unversöhnlich klingt. „Deine Sätze sind hohl, Deine Versprechen sind leer/ Und schön find‘ ich Dich schon seit Jahren nicht mehr.“

Es sind die ersten Strophen im ersten Song auf der ersten Platte eines Mannes, den man bislang eigentlich nur als Schauspieler kennt: Tom Schilling (Oh Boy“, „Unsere Mütter, unsere Väter“, Der gleiche Himmel“). Wer denkt da nicht gleich an die unzähligen Kollegen, die sich höchst erfolgreich (Grönemeyer, Westernhagen), weitgehend unbemerkt (Liefers) oder hochnotpeinlich (Schweighöfer) auf musikalisches Terrain gewagt haben? Aber keine Angst – Tom Schilling ist auch als Musiker das, was er am liebsten ist: Anders als all die anderen. Und als so jemand stellt man eben ein Lied namens „Kein Liebeslied“ an den Anfang seines Albums.

Cover von Gerhard Richter

„Vilnius“ ist nach der litauischen Hauptstadt betitelt, ohne dass es in den Texten einen einzigen Hinweis auf den Grund dafür gäbe. Auf dem Cover sehen wir ein düster-graues Seestück von Gerhard Richter, den Schilling in einem langen Brief und am Telefon davon überzeugte, sein Werk zur Verfügung zu stellen. „Für mich war immer schon klar, dass ich auf keinen Fall selbst auf dem Cover sein möchte,“ sagt Schilling im Gespräch mit unserer Redaktion. „So ein Seestück finde ich viel persönlicher und erzählt mehr über mich als ein Foto von mir oder der Band. Es trifft meiner Gefühlslage und die der Lieder viel besser.“ (Hier geht‘s zum ausführlichen Interview mit Tom Schilling.)

Diese Lieder, bis auf eine Ausnahme von Schilling selbst komponiert und getextet, kommen durchweg in Moll daher, mal als Walzer, mal russisch angehaucht, mal mit Spuren von Kurt Weill und Nick Cave versetzt. Immer wieder an die frühen Elements of Crime erinnernd, aber niemals als Jazz. Insofern ist auch der Name von Schillings hervorragender Band „The Jazz Kids“ ähnlich irreführend wie der Albumtitel. Von Schillings ausgeprägter Vorliebe für die Brachial-Rocker von Rammstein ist übrigens auch nichts zu hören.

Aus einer Laune heraus ist „Vilnius“ nicht gerade entstanden - vielmehr hat Schilling die Lieder über nahezu zehn Jahre hinweg komponiert. Vor fünf Jahren stand er schon einmal kurz davor, eine Platte zu veröffentlichen, doch, so erzählt er, damals sei „genau das passiert, was in meinen Augen nicht sein darf. Nämlich dass jemand von außen die Kontrolle übernimmt. Jetzt hat mir das Label eine viel größere Freiheit gegeben und ich habe eine tolle Band gefunden, die mir vertraut und mich respektiert, obwohl ich kein Berufsmusiker bin und mir nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen.“

Kennengelernt hatte Schilling die Musiker seiner Band 2012, als Regisseur Jan-Ole Gerster mit ihm den Film „Oh Boy“ drehte und für den Soundtrack eine Band namens Major Minors engagierte. Schilling freundete sich mit Schlagzeuger Philipp Schaeper und Pianist Christopher Colaco an - sie sind heute das Herzstück seiner „Jazz Kids“.

Frauenmörder-Ballade?

Und obwohl man dem Schauspieler nicht wirklich attestieren mag, dass er nach ein paar Stunden Gesangsunterricht gut singen kann, enthält „Vilnius“ in seiner Melancholie und Rätselhaftigkeit einige echte Perlen. Allen voran das von einem Glockenspiel eingeläutete, mystische „Draußen am See“, von dem Schilling sagt, man könne es als Frauenmörder-Ballade deuten, müsse es aber nicht: „Draußen im See wird das Blut geschwind kalt,“ singt er und den Zuhörer fröstelt’s. Aber auch die Junkie-Nummer „Ballade von René“ und das treibende „Kalt ist der Abendhauch“, mit dem schon nach knapp 38 Minuten Schluss ist, möchte man schnell ein zweites, drittes Mal hören.

Doch so überzeugend dieses über Jahre vorbereitete Debüt auch daherkommt – ganz frei von Schwachstellen ist es nicht. Die finden sich immer da, wo das Album aus der Melancholie in die Rührseligkeit kippt. So ist „Ja oder nein“, ein Duett mit Annett Louisan, einfach zu süßlich für diese ansonsten so angenehm zartbittere Platte. Und Bettina Wegners Klassiker „Kinder“ (Sind so kleine Hände…) hätte Schilling besser da lassen sollen, wo er herkommt: In den Siebzigerjahren. Aber diesen Aussetzer möge man dem dreifachen Vater nachsehen – Trost gibt es genug. Also noch mal zurück auf „Kein Liebeslied“.

Tom Schilling: Vilnius (Embassy of Music)


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