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Schonungslos US-Autor J.D. Vance erkundet das Trumpland

J.D. Vance sorgt für Diskussionen. Foto: Luke Fontana/UllsteinJ.D. Vance sorgt für Diskussionen. Foto: Luke Fontana/Ullstein

Berlin. J.D. Vance wächst dort auf, wo es keine Hoffnung, dafür umso mehr Drogen und Gewalt gibt. Später schafft er es an die Elite-Uni Yale. Seiner Heimat in Ohio widmet er ein Buch - und bietet so Einblick in eine Schicht, die den Wahlsieg Donald Trumps ermöglichte.

Am Morgen des 9. November 2016 hörten Millionen Deutsche kurz nach dem Aufwachen ungläubig die Nachricht der Nacht: Donald Trump hat soeben die US-Präsidentenwahl gewonnen.

Kaum einer hatte hierzulande damit gerechnet. Die Fassungslosigkeit zeigt, für wie unwahrscheinlich ein solches Szenario gehalten wurde - und wie wenig wir Deutschen im Grunde über Amerika wissen. New York, San Francisco, Hollywood: Das kennen wir von Reisen und aus dem Kino. Das sind aber nur die „Halbvereinigten“ Staaten von Amerika.

Es gibt noch einen ganz anderen Teil der USA, der vor der Wahl belächelt und danach verblüfft beäugt, analysiert und nicht selten verwünscht wurde: die weiße Arbeiterschicht. Manche nennen sie „White Trash“, andere „Hillbillys“. Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bezeichnete sie im Wahlkampf als die „Bedauerlichen“. Ebendiese Menschen kosteten sie letztlich den Wahlsieg.

Überaus seltene Einblicke in diese Bevölkerungsschicht liefert der US-Autor J.D. Vance nun auch dem deutschen Leser. Im Ullstein-Verlag ist die deutschsprachige Fassung seines „New York Times“-Bestsellers „Hillbilly-Elegie“ erschienen. Passender Untertitel: „Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“.

Wie nah Vance mit seinen Schilderungen am Zahn der Zeit ist, zeigte allein das Echo auf die Veröffentlichung des Originals in den USA im Sommer 2016: TV-Sendungen thematisierten das Buch, der „Economist“ sprach wie viele andere vom „wichtigsten Buch über Amerika in diesem Jahr“. Kurz nach Erscheinen kletterte es bei der „New York Times“ auf Platz eins der Bestsellerliste, was Vance später noch einmal gelang - im Januar 2017, pünktlich zur Amtseinführung Trumps.

Dabei macht Vance eigentlich nicht viel mehr, als seinen eigenen Werdegang zu beschreiben. Seine Heimat sind Jackson im US-Staat Kentucky und Middletown in Ohio, das gleich um die Ecke von Wilmington liegt, wo Regisseur Michael Moore Teile seines Films „TrumpLand“ drehte. Die Gegend zählt zum sogenannten Rust Belt, dem Rostgürtel, in dem die weißen Arbeiter einst ohne Ende malochten, ehe die Industrie der Region ihren Niedergang erlebte und Arbeitsplätze ins günstigere Ausland abwanderten.

Hier sind sie zu Hause, die Hillbillys. Viele von ihnen sind laut Vance schottisch-irischer Abstammung, sie sind weiß, arm und rau. Viele sind gegen Abtreibung und Homosexualität, die meisten hegen einen Groll gegen die Elite in Washington. „Das sind alles Gauner“, zitiert Vance seine Großmutter.

Auf den Schulhöfen lernt der junge J.D., wie man Schläge austeilt. Zu Hause versucht seine Oma im Zorn, seinen Großvater anzuzünden. Seine Mutter hangelt sich von einem Ehemann zum nächsten, während ihre einzige feste Beziehung zu diversen Drogen besteht. Für die Leute in seiner Nachbarschaft ist Armut „Familientradition“, für Vance all das Normalität. „Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte.“

Mit seiner Mutter geht es dabei immer weiter bergab. Die schüttet erst immer mehr Alkohol, dann immer mehr andere Drogen in sich hinein. Ein Suizidversuch misslingt. Schließlich fürchtet der junge Vance auch um sein eigenes Leben. Dass der Leser heute überhaupt ein Buch des Autoren in der Hand halten kann, ist vor allem Vances burschikoser Großmutter Mamaw zu verdanken. Mamaw ist ein Hillbilly aus dem Lehrbuch, sie liebt Waffen und markige Sprüche und hasst es, wenn jemand die Familienehre beleidigt. Sie ist nicht intelligent, aber sie hat Herz. Nur einmal muss sie weinen, und zwar bei der Frage ihres verzweifelten Enkels: „Mamaw, liebt Gott uns?“

Irgendwie schafft es Vance zu den Marines, dann ins College und mit harter Arbeit zum Jurastudium nach Yale. Heute lebt er in San Francisco und arbeitet als Investor. Mit Anfang 30 hat er damit das geschafft, was vielen in seiner Heimat ewig verwehrt bleibt - und das im Grunde deshalb, weil sie aus einer Region ohne Hoffnung stammen.

Was ihn in Middletown zu einem Fremden gemacht habe, sei sein Optimismus gewesen, schreibt Vance. Dort herrsche stattdessen Zynismus und Unwillen zur Selbstkritik. „Vermeidungsstrategien und Wunschdenken zur Bewältigung von Schwierigkeiten“ nennt er das, wenn sich die Hillbillys einreden, dass ihre Probleme nicht hausgemacht, sondern Schuld der Obama-Regierung seien. Vance geht teils hart mit seinen Mitmenschen ins Gericht - und erklärt letztlich ganz nebenbei, wie viele Wähler in der Region anfällig für die populistischen Wahlversprechen des heutigen US-Präsidenten geworden sind.

Die Probleme, die Vance schildert, sind keine rein amerikanischen. Vieles erinnert an die Situation in manchen wirtschaftsschwachen Regionen in Deutschland. Es geht um das Leben weit entfernt von den großen Städten, das so schön und so schrecklich zugleich sein kann.

J.D. Vance:: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Ullstein, Berlin, 304 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-550-05008-4


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