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Konzert für 3450 Gäste Bob Dylan begeistert in der Emslandarena


Die Gitarre hat er abgelegt. Stattdessen spielt Bob Dylan lieber Klavier oder steht mit dem Mikro samt Ständer auf der Bühne. Wie auch immer: Mit seinem Konzert in der Emslandarena hat er dreinhalb Tausend Zuschauerinnen und Zuschauer begeistert.

Schlag 20 Uhr kommt Stu Kimball Gitarre spielend auf die Bühne. Kurz darauf erscheinen die anderen Musiker, darunter der Meister, Bob Dylan - Dichter, Literaturnobelpreisträger, Komponist, Musiker und, na ja, Sänger. 3450 Menschen in der Emsland-Arena in Lingen jubeln ihm zu; ob Dylan es registriert? Er geht ans Klavier, stellt sich vor die Tastatur, das linke Bein nach hinten abgespreizt; das erinnert an Jerry Lee Lewis und Little Richard. Und schon geht es los: „Things Have Changed“ mit seinem dunklen Drive - Dylans Kommentar zur Weltlage und der Wegweiser durch den Abend?  Weiterlesen: Das neue Dylan-Album „Triplicate“

Feines Konzert für 3450 Besucher

Fest steht: Jenseits der Bühne hüllt Dylan sich in Schweigen. Kürzlich hat er ein Interview gegeben, aber an diesem Abend dürfte jeder spüren, wie er am liebsten spricht: durch seine Songs. „People are crazy and times are strange“ heißt es im Refrain des Eröffnungssongs, „die Menschheit ist verrückt und die Zeiten sind seltsam“. Und später: „I used to care, but things have changed“.

Ja, er hat sich eingemischt und gekümmert, aber immer zuallererst durch seine Lieder, durch seine Texte. „Bleiben Sie sitzen, Gentleman, ich bin nur auf der Durchreise“, singt Dylan, nein: er knurrt das wie eh und je, und es ist, gerade am Anfang, wo der Tontechniker den optimalen Sound noch finden muss, nicht immer leicht, ihn zu verstehen. Aber das war er der Mann ja noch nie: Von „Desolation Row“ aus dem Jahr 1965 mag man jedes Wort verstehen, doch was heißt das schon bei den Interpretationsräumen, die dieses Epos eröffnet. Folgt das Konzertprogramm in der Emsland-Arena dem Aufbau des klassischen Dramas, dann markiert dieses Stück in seiner siebenminütigen, bluesrockig-treibenden Version den Höhepunkt des Abends. Weiterlesen: Bob Dylan und seine Bedingungen beim Nobelpreis

Rätselhafter Höhepunkt: „Desolation Row“

Für sein Programm schöpft der fast 76-Jährige aus dem unermesslichen Fundus dessen, was er in fast sechs Bühnenjahrzehnten angesammelt hat. Die Platte „Highway 61 Revisited“, aus dem Jahr 1965 bildet dabei einen Schwerpunkt, „Tempest“ von 2012 einen zweiten. Und  Frank-Sinatra-Songs sind mehr und mehr ins Stammrepertoire gewachsen. Dann schaltet die Band vom Bluesrock um auf feinen Swing, für den Bassist Tony Garnier den Kontrabass zupft und George Receli seine Trommeln und Becken sanft mit dem Jazzbesen streichelt. Dylan läuft dafür vom Klavier in die Bühnenmitte, und in seinem goldbestickten Anzug und dem kreisrunden, weißen Hut sieht er aus, als würde er in einem Western einen Großgrundbesitzer spielen. Zusammen mit dem rotorange gedämpften Bühnenlicht und den Countryanklängen in den Arrangements ergibt das aber ein stimmiges Bild.

Hat Dylan nun nichts zu singen, wackelt er breitbeinig und ein wenig unsicher hin und her, stemmt die linke Hand in die Hüfte. Dann greift er sich mit der Rechten das Mikro samt Ständer, und es ist, als ob ihm das  Festigkeit verleiht. Er singt besser denn je, auch wenn die Höhe brüchig, dünn und verletzlich klingt und die Tiefe rostig und kratzig, als hätte er mit Reißnägeln gegurgelt. Aber einen Belcanto-Preis hat er nun sicher nie angestrebt.

Zorn weicht der Gelassenheit

Auffällig ist: Der Zorn der jungen und jüngeren Jahre ist einer inneren - altersweisen? - Gelassenheit gewichen. Doch egal, ob er alte Protestsongs neu belebt oder noch ältere Songs aus dem Great American Songbook: Es klingt echt, weil Dylans Gesang überzeugt und seine Band Vielfalt erlaubt und gestaltet. Seit ein paar Jahren pflegt Dylan einen Unplugged-Sound mit den wehmütig hereinwehenden Tönen der Slide-Gitarre von Donnie Herron und den leichthin eingestreuten Kommentaren, die Gitarrist Charlie Sexton zum Gesang von Meister Dylan formuliert. Und Stu Kimball spielt verlässlich die Rhythmusgitarre, elektrisch wie akustisch.

So rundet sich der Abend zu einem gelungenen und abwechslungsreichen Konzert. Nur eines passiert nicht: dass Dylan Kontakt zum Publikum aufnimmt. Kein Hallo, kein Dankeschön, kein Auf Wiedersehen: Bob Dylan spricht durch seine Musik. Aber die ringt ihm einmal sogar ein Lächeln ab, als würde ihn sein eigener Gute-Laune-Song „Duquesne Whistle“ anstecken. Danach drückt er die Stimmung aber gleich wieder in den Keller mit einem düsteren „Love Sick“.

Nach anderthalb Stunden endet das offizielle Programm mit dem Jazzklassiker „Autumn Leaves“ im melancholischen Swing; dann gibt es für begeisterten Applaus zwei Zugaben. „Blowin‘ in the Wind“ hat Dylan dafür aufgepeppt, denn die Fragen, die Dylan 1963 in seinem berühmtesten Song gestellt hat, sind immer noch aktuell. Dann „Ballad Of A Thin Man“ als letztes Stück des Abends: Danach stellt sich Dylan kurz dem Applaus und den Blicken des Publikums. Aber er bleibt cool und unnahbar. Das Publikum ist trotzdem begeistert nach knapp zwei Stunde reiner und feiner  Musik von und mit Bob Dylan.


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