„Icke“ ist bald im Duden Berlinerisch wird immer weniger gesprochen

Von Peter Gärtner

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das Berliner Wort „icke“ wird in den Duden aufgenommen. Foto: dpaDas Berliner Wort „icke“ wird in den Duden aufgenommen. Foto: dpa

Berlin. Das Berlinerische soll mit dem Personalpronomen „icke“ in den Duden aufgenommen werden. Aber der Dialekt hat es nicht leicht, weil er in Reinform immer weniger gesprochen wird.

Mollenfriedhof und Chansonettenbrüstchen – was für hübsche Wörter und Bilder für einen üppigen Bierbauch und eine zu dürftig geratene, platte Bulette. Allzu oft hört man das Ur- Berlinische in der Hauptstadt allerdings nicht mehr. Dieser Dialekt, geprägt von besonderer Ausdrucksfreude, einem überraschenden Wortwitz und von verschiedensten Zuwanderern, scheint langsam, aber sicher auf der Roten Liste der aussterbenden Arten zu stehen.

Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung: Die typische Berliner Schnauze wird mit dem Personalpronomen „icke“ in den Duden aufgenommen – was von den einheimischen Blättern gebührend gefeiert wird. Nun ja, wenn irgendwo „Icke, dette, kieke mal, Ooogen, Fleesch und Beene“ als typisches Beispiel für das Berlinische ertönt, dann wird vor allem eines deutlich: Die Sprache unterliegt einer enormen Wandelbarkeit, denn so redet seit „ Zille sein Milljöh“ schon lange niemand mehr an Spree und Havel.

Zwar wurde unter Sprachforschern schon immer heftig darüber gestritten, was eigentlich das Typische am Berlinischen ist. Und selbst Linguisten bieten dafür keine festen Regeln an. Fest steht aber immerhin, dass sich im Berliner Dialekt das Französisch der Hugenotten, das Jiddische der osteuropäischen Juden, aber ebenso Englisch, Flämisch und Rotwelsch finden. Vor allem älteren Berlinern wird mitunter noch „janz blümerant“ (schwindelig), oder sie kommen „in de Bredullje“ (Bedrängnis) als Beispiele für den sprachlichen Einfluss des großen westlichen Nachbarn. Aus dem einst jüdischen Osten stammt die manchmal ungeliebte „Mischpoke“ (Verwandtschaft), die einen „janz schön meschugge“ (verrückt) machen kann. Noch hört man, wenn jemand die Tür nicht schließt ein motziges „Bist wohl in de S-Bahn jebor’n“ und weiß dann sofort, dass hier eben nicht „jott-we-de“ (janz weit draußen) ist.

Aufgemischte Mudart

Auch „Machet jut!“, „Vadufte!“ und Anspielungen über übergewichtige Kinder („Wonneproppen“) und langweilige Zeitgenossen („Öljötze“) verschwinden zunehmend aus dem alltäglichen Sprachgebrauch.

Aufgemischt wird die lokale Mundart durch die Umgangssprache der türkisch-arabischen Einwanderer wie „Isch habe Rücken“, „Bist du mit Auto?“ und „Isch mach dich Messer“.

Der einheimische Slang war selbst in Berlin schon immer etwas verpönt und musste sich zwischen feiner Hochsprache und dem Kiezsprech von Jugendlichen behaupten. Heute geht man eben „feiern“ statt zum „Ringelpiez mit Anfassen“.

Im früheren West-Teil galt der Dialekt oft als unterschicht-typisch, im Ost-Teil mischte sich Berlinisch zunehmend mit Anleihen aus dem Sächsischen und Thüringischen. Seit dem Mauerfall ist die Wertschätzung nicht gerade gewachsen. Denn hinzu kommt, dass Berlin seit jeher eine Einwanderungsstadt und damit ein sprachlicher Schmelztiegel ist. Auch vor hundert Jahren war in etwa ein Drittel der Berliner hier geboren, der Rest zugewandert. Nicht jeder Zuzügler versteht dann sofort, was sein Berliner Nachbar meint, wenn er von einem „Saftladen“ spricht, in dem es aber gar keinen Saft, sondern nur ein schlechtes Angebot gibt.

„Icke“ hingegen ist bundesweit bekannt; es findet sich schon bei Fontane, Mühsam und Tucholsky. Hergeleitet wird es vom plattdeutschen „ik“ und gilt als einmalige Berliner Sprachschöpfung.

Wann die erste „icke“-Ausgabe des Duden erscheint, ist allerdings noch offen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN