Premiere im Theater Osnabrück Spannende Studien in „Biografia del corpo II“


Osnabrück. Bewegungsstudien hautnah bietet der unglaublich spannende Tanzabend „Biografia del corpo II“ von Mauro de Candia und Rafaële Giovanola im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück.

Der Syrer Omar Meslem liegt bäuchlings auf dem Boden. In Zeitlupe ringen Muskelpartien in Oberkörper und einer Schulter um eine Positionsveränderung. Will er sich aufrichten? Was für eine Geschichte Omar Meslems Körper erzählt, bleibt offen, doch sie sieht nach quälender Vergeblichkeit aus.

Hautnah können die Zuschauer einen ganz besonderen Tanzabend miterleben, denn sie sitzen auf Hockern unmittelbar am Rand der Tanzfläche im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück. Das Keuchen der 15 Tänzerinnen und Tänzer ist zu hören, ihre Konzentration an bisweilen geschlossenen Augen zu sehen. Sie sind bei sich wie selten und doch im Raum aufeinander bezogen – obwohl jeder von ihnen spürbar etwas Individuelles ausdrückt.

„Biografia del corpo II “ heißt das Stück, das sich Mauro de Candia, Leiter der Osnabrücker Dance Company, und Rafaële Giovanola, Leiterin der freien Gruppe Cocoon Dance Bonn, gemeinsam erarbeitet haben. Es setzt fort, was sie mit „ Biografia del Corpo “ in der letzten Spielzeit mithilfe der Bundeskulturstiftung begonnen haben.

Fülle an Bewegungsstudien

Nur knapp eine Stunde dauert „Biografia del corpo II“, doch in dieser Zeit bietet das Stück eine riesige Fülle an Bewegungsstudien. Jeder Tänzer aus beiden Ensembles und die drei mitwirkenden Flüchtlinge aus Syrien und dem Sudan erkunden und variieren auf ihre persönliche Weise Bewegungsabläufe, die sie für verschiedene Köperabschnitte abgespeichert haben – im Körpergedächtnis also.

Zu sehen ist etwa, was man mit Beinen tänzerisch alles anstellen kann, wenn die Arme den Körper am Boden abstützen. Oder zu welchen äußerst eleganten Tanzbewegungen die Gliedmaßen eines Duos finden, wenn es sich nur an einem Punkt des Rumpfes berührt.

Die Intensität überträgt sich

Arme, Hände, Knie, Köpfe: Alles wird auf seine Bewegungsmöglichkeiten hinausgetestet wie am sechsten Schöpfungstag. Und schöpferisch wirkt tatsächlich, was die Tänzer vorführen. Die Intensität ihres fast meditativen Tuns überträgt sich sichtlich auf die Zuschauer des Premierenabends. Erst ganz allmählich unterstützt die leise, maschinenhafte Motorik von Jörg Ritzenhafts Musik diese Atmosphäre.

Dabei geht es nicht nur bedächtig auf der Bühne zu. Wenn die Tänzer hin und wieder ihr Tempo furios steigern, wird klar, wie sehr sie bei aller Individualität doch als organische Einheit agieren. Man hätte als Zuschauer gern acht Augenpaare, um jede der spannenden Bewegungsstudien verfolgen zu können. Der Tanzabend fasziniert nicht zuletzt deswegen, weil die drei Flüchtlinge Faisal Ghassan, Omar Meslem und Hussein al-Dabash so staunenswert gut und selbstverständlich mittanzen, als würden sie schon ewig mit den Ensembles arbeiten. Die Uraufführung wurde mit Jubel vom Premierenpublikum aufgenommen.

Kunst von Flüchtlingen

Wer sich Lust auf den Abend verschaffen will, kann im Foyer des Emma-Theaters Faisal Ghassans Fotos anschauen, der berührend charakteristische Momentaufnahmen von seinen Mittänzern gemacht hat. Nayer Talal wiederum, der nicht mittanzt, hat die Tänzer zeichnerisch in ausdrucksstarker Naturmetaphorik festgehalten. Sein dornendurchsetztes Selbstporträt erzählt von Leid, das er erlebt haben mag auf seinem langen Weg nach Deutschland.


Weitere Aufführungen: 20. und 23. April (ausverkauft), für 11 und 31. Mai sind noch Karten erhältlich. Kartentel. 0541-7600076.

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