Von Agora bis Syntagma-Platz Documenta 14: Mit Performances durch Athen

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In Sichtweite des griechischen Parlaments nähen Helfer aus Sackleinen ein Monument des Protestes gegen den Umgang mit Flüchtlingen zusammen. Ibrahim Mahamas Kunstwerk „Check Point Prosfygika. 1934–2034. 2016–2017, 2017“, Performance mit Kohlesäcken auf Syntagma Platz, Athen, documenta 14, Foto: Mathias VölzkeIn Sichtweite des griechischen Parlaments nähen Helfer aus Sackleinen ein Monument des Protestes gegen den Umgang mit Flüchtlingen zusammen. Ibrahim Mahamas Kunstwerk „Check Point Prosfygika. 1934–2034. 2016–2017, 2017“, Performance mit Kohlesäcken auf Syntagma Platz, Athen, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

Athen. „Von Athen lernen“: Der Slogan der Documenta 14 wird mit Performances zum Programm. Ein Rundgang von der antiken Agora bis zum Syntagma-Platz.

Mädchen kichern, ein Ehepaar schaut verwundert. Warum liegt der Mann dort quer auf dem staubigen Weg, warum berührt sein Partner einen steinernen Sockel, als wollte er ihn beschwören? Im Odeon des Agrippa, dem antiken Konzertsaal auf der Athener Agora, drängten sich vor zweitausend Jahren die Massen. Heute herrscht anderer Hochbetrieb auf dem Gelände. Touristen wandern zwischen Zeus-Altar und Hephaistos-Tempel im Sonnenlicht umher. Mittendrin diese beiden Männer, die für Augenblicke in der Bewegung erstarren, als verwandelten sie sich in Sichtweite der weltberühmten Akropolis selbst in Monumente früher Zeiten. Hier weiterlesen: Wie gelingt die Documenta 14? Die Rezension zur Ausstellung in Athen.

Neue Kunst und Antike

Mit Wolfgang Prinz und Michel Gholam ist die Documenta zu Gast bei der Antike. Zwei Stunden lang performen die Künstler vor steil aufragenden steinernen Gigantenfiguren. Zeitgenössische Kunst und die Klassik Athens gehen eine ungewöhnliche Verbindung ein. Prinz Gholam, so das Label der Künstler aus dem bayerischen Leutkirch und dem libanesischen Beirut, bewegen sich in Zeitlupe vor Säulenstümpfen, Kapitellen, Tempelruinen, genau dort, wo einst der Philosoph Sokrates seine Zuhörer in feinsinnige Dialoge verwickelte. Seltsam fremdartig, dann wieder berührend schön wirken ihre soften Bewegungen und stillen Posen. Wer ihnen zuschaut, vergisst die Zeit und entdeckt Athen anders, jenseits touristischer Routine. Hier weiterlesen: Performance für die Presse: Documenta startet mit Paukenschlag.

Neue Brücken in Europa

„Von Athen lernen“: Die Documenta 14, die heute in Athen eröffnet wird, will Blickrichtungen ändern, eine neue Brücke quer über Europa schlagen, kulturelle Sphären neu verschwistern. Ein strammes Programm für eine Kunstausstellung, selbst für die Documenta, das Super-Format der zeitgenössischen Kunst. Alle fünf Jahre formiert der Documenta-Leiter die neue Edition als Statement zum Stand der Kunst – und der Weltlage. Adam Szymczyk, Macher der Documenta 14, stellt 2017 dem Documenta-Heimatort Kassel mit Athen erstmals einen zweiten Standort an die Seite. Eine Zeitenwende in der Kunst, die die krisenhafte Weltlage reflektieren soll. Hier weiterlesen: Documenta zwischen Befreiungsschlag und Großevent. Der Kommentar.

Ein Platz als Geheimtipp

Nur einen Kilometer trennen in Athen die antike Agora vom versteckt liegenden Avdi-Platz. Kein Stadtplan verzeichnet seinen Namen. Touristen gibt es hier nicht. Dafür windet sich der Weg von der Agora hierher durch das Athen der Krise. Kleine Tavernen, Kramläden, fliegende Händler, dazwischen hupende Rollerfahrer – das Viertel, das Reiseführer als pittoresken Geheimtipp preisen, führt zu Menschen, die unter der Wirtschaftskrise leiden. Man schlägt sich durch. Und trifft sich auf dem Avdi-Platz wie auf einer Agora von heute. Zwei Frauen halten einen Schwatz, ein Hund döst im Schatten. Aus Lautsprechern schallt es über den Platz. Revolution, Feminismus, Widerstand: Das Stakkato der Stichworte zerreißt die Mittagsstille. Vor flammend roter Wand hat Sanja Ivekovic ihr „Monument to Revolution“ errichtet. Die Künstlerin, die einst Jugoslawiens Diktator Tito mit provokanten Performances nervte und zur Documenta 13 vor dem Kasseler Fridericianum ein Mohnfeld aussäte, macht mit der roten Wand ein steinernes Podest zur Bühne eines Aufrufes zum Neuanfang. Aber wer hört die Botschaft? Hier weiterlesen: Performance im Mittelpunkt - das Profil der Documenta in Athen.

Kunst in Bewegung

Performances bilden das Rückgrat dieser Documenta. Noch nie hat ihr Macher so nachdrücklich wie Adam Szymczyk auf eine Kunst in Bewegung gesetzt. Die Standorte der Performances markieren repräsentative Plätze wie neuralgische Punkte im Stadtgeflecht Athens. Der Weg, der sie verbindet, erweist sich als Parcours zur Kunst wie als Passionsweg durch eine Gegenwart voller Notlagen. Auf dem Kotzia-Platz, direkt vor dem Rathaus, lädt Rasheed Araeen zur gemeinsamen Mahlzeit. Sein nach allen Seiten offener Pavillon wirkt wie eine Einladung, gerade in der Bedrängnis Gemeinschaft neu zu bilden. Der Künstler kocht für Künstler, Flüchtlinge, Einwohner, die sich an den Tischen als Nachbarn setzen. Die Kunstinstallation als improvisierte Behausung auf Zeit – diesen Aspekt nehmen viele Documenta-Beiträge auf. Rebecca Belmore stellt auf den Filopappou-Hügel Flüchtlingszelte, die, welch bittere Ironie, aus Marmor gemeißelt sind. Joar Nango baut in den Innenhof des Konservatoriums ein Camp aus Holz und Tierfellen. Es dient Rappern als Bühne für viel beklatschte Auftritte. Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer.

Mahnmal aus Sackleinen

Gleich in Sichtweite des Parlaments macht Ibrahim Mahama den Syntagma-Platz zum „Check Point Prosfygika“. Wo die Griechen gegen harte Spardiktate demonstrierten, nähen nun Documenta-Helfer Kohlesäcke zu einer rauen Fläche der Misere zusammen. Prosfygika: Das ist der Name eines von Geflohenen besetzten Elendsquartiers mitten in Athen. Der Häuserkomplex avancierte zum Symbol der Flüchtlingskrise. Mahama setzt mit seinem Checkpoint einen krassen Kontrast zum pittoresken Schauspiel der Wachablösung vor dem Parlament. Aber wird sein Documenta-Beitrag als Protestkunst wahrgenommen oder geht er im Alltagstrubel unter? Eine Frau mit Einkaufstüten überquert einfach diesen „Checkpoint“. Aber sie tritt sacht auf. Mit Kunst ist man vorsichtig, selbst wenn sie aus Sackleinen ist. Hier weiterlesen: Neue Karte der Welt: Der Kommentar zur Documenta 14.


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