Gefährliche Haltung Die Bekennende Kirche contra Hitlers Deutsche Christen

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Osnabrück. Die Bekennende Kirche war keine Widerstandsorganisation gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Sie richtete sich vornehmlich gegen die 1932 in Thüringen gegründete Kirchenpartei der Deutschen Christen (DC), die die Gleichschaltung im Hitler-Staat und seine rassistische Ausrichtung für den deutschen Protestantismus bereits vor 1933 umsetzen wollte. Dennoch stehen einige ihrer Vertreter heute in der übersichtlichen Reihe der Widerstandskämpfer gegen das Dritte Reich.

Geschichte ist immer der Rückblick auf eine vergangene Gegenwart. Unser Blick auf die Zeit von 1933 bis 1945 umfasst deshalb notwendigerweise auch alles Schreckliche, was sich mit dem Begriff Auschwitz verbindet. Das aber konnten jene 139 Synodalen kaum ahnen, die am 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen die „Barmer Theologische Erklärung“ als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis beschlossen und damit den Kirchenkampf offiziell aufnahmen. Erst im Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945, also im Rückblick, beklagten Überlebende, nicht mutiger gegen das nationalsozialistische Gewaltregime selbst gekämpft zu haben.

Der ersten Bekenntnissynode vorausgegangen war ein ständiges Zurückweichen vor der anfangs noch verdeckten Vereinnahmung der Kirchen durch den am 30. Januar zum Reichskanzler berufenen Adolf Hitler, der auch von der Mehrheit der Christen in Deutschland als Retter des Vaterlandes begrüßt wurde. „Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen die wichtigsten Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums“, wiegte sie Hitler in einer frühen Regierungserklärung in Sicherheit.

Selbst ein später so entschiedener Bekenner wie Otto Dibelius vertraute ihm und ließ sich im April 1933 noch dazu missbrauchen, gegenüber einem US-Radiosender politisch und ethnisch begründete Verhaftungen sowie den ersten offiziellen Judenboykott zu bestreiten bzw. zu verharmlosen. Immerhin konnten sich die Antisemiten unter den DC wie Hitler selbst auf zahlreiche judenfeindliche Äußerungen des Religionsstifters Martin Luther berufen. Da half es wenig, dass diese nicht rassistisch begründet waren, sondern theologisch, also antijudaistisch: Luther hatte 1523 sogar schriftlich bekannt, dass sein Herr Jesus Christus ein geborener Jude war. Sein Anliegen war es gewesen, jüdische Seelen für das Christentum zu retten, nicht die jüdische Rasse auszurotten.

Doch spätestens der Arierparagraf im neuen Beamtenrecht des NS-Staates offenbarte den Rassismus, den Hitlers Anhänger bei den DC nun auch in die neu gegründete Deutsche Evangelische Kirche (DEK) trugen. Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller gehörten zu den Berliner Pfarrern, die im September 1933 den Pfarrernotbund als Hilfsorganisation für jüdisch-stämmige Geistliche gründeten und damit klar Position gegen die DC bezogen. Er entwickelte sich zum bedeutendsten Vorläufer der Bekennenden Kirche.

Kampf der Kirchen

Mit ihrer Gründung waren acht Monate später die Fronten im Kirchenkampf geklärt. Die Spaltung zwischen dem unteilbaren Bekenntnis zu Jesus Christus und dem Treueschwur auf den Totalitätsanspruch Adolf Hitlers war perfekt. Bei Lutheranern, Reformierten und Unierten entstanden reichsweit zahlreiche sogenannte Bekenntnisgemeinden. Allein in Frankfurt am Main nahmen Ende Oktober 1934 rund 12000 Menschen an einem Bekenntnistag teil.

Doch die Kräfteverhältnisse in der DEK waren dennoch eindeutig geklärt. Mit Hitlers propagandistischer Unterstützung hatten die Deutschen Christen bereits bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 reichsweit Zweidrittelmehrheiten errungen und den glühenden Nationalsozialisten Ludwig Müller als Reichsbischof durchgesetzt.

Zwar zerstörte sich die DC-Organisation letztlich selbst, indem deren Führer nun hemmungslos ihren Rassismus und ihre Anhängerschaft für eine letztlich antichristliche deutsch-germanische Volksreligion offenbarten. In Scharen rannten ihr die Mitglieder davon, auch bewährte innerkirchliche Organisationen distanzierten sich. An der Minderheitenposition der ausdrücklichen Bekenner änderte dies aber nichts.

Zumal auch diese sich spätestens mit der Bekenntnissynode Anfang 1936 in Bad Oeynhausen in jene spalteten, die durch Kooperationen mit dem NS-System das Schlimmste noch verhindern zu können meinten, und jene, die in klarer Opposition standen wie Karl Barth und Helmut Gollwitzer. Diese verfassten eine geheime Denkschrift an Hitler, in der sie die Existenz von Konzentrationslagern verurteilten. Das hatte erste Verhaftungen unter den Bekennern zur Folge.

Zunehmende Überwachung der Gottesdienste durch die Gestapo, staatliche Predigt- und Schreibverbote und eben die persönliche Verfolgung verfehlten ihre Wirkung nicht. 1937 kam mit Friedrich Weißler das erste Mitglied der Bekennenden Kirche im KZ Sachsenhausen um. Von ihm wie auch von Dietrich Bonhoeffer, der nach zweijähriger Haft am 9. April 1945 im KZ Flossenbrück ermordet wurde, hatte sich die Bekennende Kirche jedoch distanziert, indem sie sie nicht in ihre Fürbittenlisten aufnahm, da sie aus Sicht der Kirche politisch motiviert gehandelt hätten.

Nach dem Krieg und dem Ende des Nationalsozialismus galt die Bekennende Kirche für viele als „aktive antifaschistische Widerstandsorganisation“. Der Alliierte Kontrollrat stufte sie offiziell so ein. Der Vielfalt in Haltung und Verhalten der Einzelpersonen wurde das sicherlich nicht gerecht. Eine Verurteilung aber jener, die eben „nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt“ hatten, wie sich Überlebende im Stuttgarter Schuldbekenntnis selbst anklagten, wäre eitel. Wer taugt schon zum Helden!

Auf das Exil verzichtet

Zwei Namen aber stehen für solches Heldentum. Zum einen Martin Niemöller, im Ersten Weltkrieg noch kaisertreuer U-Boot-Kommandant, aufrecht, aber knurrig, im Streit leicht verletzend. Durch sein Auftreten gegenüber Hitler erwarb er sich die Auszeichnung „persönlicher Gefangener des Führers“, nachdem er im Juli 1937 verhaftet worden war. Durch puren Zufall befreiten ihn die Amerikaner 1945 aus einem Hinrichtungstransport. Die attestierten ihm zwar den Widerstand gegen Hitler, nicht aber eine demokratische Gesinnung. Und bald geriet der Preuße mit dem rheinisch-katholischen Bundeskanzler Adenauer ebenso unversöhnlich aneinander wie zuvor mit dem Reichskanzler, als er der Bundesrepublik nachsagte, „in Rom gezeugt und in Washington geboren“ worden zu sein. Selbst für einen Besuch bei Stalin war er sich nicht zu schade. Als der linke Studentenführer Rudi Dutschke Ende 1979 starb, überließ ihm Martin Niemöller seine Grabstelle in Berlin-Dahlem. Niemöller selbst wurde 1984 in Wersen bei Osnabrück beigesetzt, wo er bei seinem Großvater, dem Dorfpastor, schöne Zeiten in seiner Kindheit verbracht hatte.

Der andere ist Dietrich Bonhoeffer, vom Naturell her das ganze Gegenteil von Niemöller, in der Sache aber ebenso unbeugsam. Früh überschritt er die Grenze innerhalb der Bekennenden Kirche hin zur Politik, suchte den Kontakt zum militärischen Widerstand gegen Hitler um den Geheimdienstchef Admiral Wilhelm Canaris und Generaloberst Ludwig Beck. 1939 führte er in London, offiziell in kirchlicher Mission, Gespräche mit dem Ziel, vor dem heraufziehenden Krieg zu warnen: Hochverrat aus Sicht der Nazis. Die Chance, im Exil zu überleben, ließ er aus und kehrte im Bewusstsein der Lebensgefahr für seine Person nach Berlin zurück. Dort konspirierte er mit den späteren Attentätern des 20. Juli 1944. In Gestapohaft verfasste er im Angesicht der drohenden Hinrichtung das in seiner gläubigen Zuversicht bis heute erschütternde Kirchenlied „Von guten Mächten“. Hier dessen siebte und letzte Strophe:

Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


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