Abkehr von Dogmen Experte: Gläubige sehen absolute Wahrheiten entspannter

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Osnabrück. Wie beeinflusst Religion und Glaube Denken, Fühlen und Handeln des Menschen? Welche Bedeutung hat Glauben für das Miteinander? Diesen Fragen gehen wir im Interview mit dem Religionspsychologen Sebastian Murken nach. Er ist Honorarprofessor für Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und arbeitet als Psychotherapeut und Coach in eigener Praxis in Mainz.

Was versteht man aus psychologischer Sicht unter Glauben?

Der Begriff des Glaubens hat eine religiöse und eine nicht religiöse Dimension. Im nichtreligiösen, alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnet Glauben die Bereitschaft oder Fähigkeit, etwas für möglich oder wahr zu halten. Im religiösen Bereich bezieht das Konzept des Glaubens transzendente Wirklichkeiten mit ein. Also die Annahme, dass es hinter der sichtbaren Wirklichkeit eine weitere gibt, die in Verbindung zu der diesseitigen steht. In den großen monotheistischen Religionen ist diese Transzendenz mit einem Gottesbezug ausgestattet. Dem Glauben an einen Gott, der an der Schöpfung beteiligt ist und sich in Schriften und Offenbarungen auch zeigt.

Und warum glauben Menschen?

Die meisten Menschen glauben, weil es ihnen beigebracht wurde. Letztlich ist die Religiosität der Eltern und des unmittelbaren Umfeldes eine Lernerfahrung, die wir übernehmen. Man erfindet den Glauben ja für sich nicht neu.

Dann entspringt Glaube also nicht einer tiefen Sehnsucht des Menschen?

Nein. Dafür gibt es gerade in Deutschland ein gutes Beispiel: Nach dem Zusammenbruch der DDR und der damit verbundenen Ideologie sind die Kirchen und auch viele Experten davon ausgegangen, dass sich in den neuen Ländern nun viele Menschen Sekten und ähnlichen Bewegungen anschließen, um ihr spirituelles Vakuum aufzufüllen. Das ist aber bis heute nicht passiert. Nach wie vor sind nur 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung in den neuen Ländern Mitglieder in Kirchen. Die Menschen sind auch so fröhlich und glücklich, machen weiter ihre Jugendweihe und haben mit Jesus und Gott nicht viel im Sinn.

Gibt es Unterschiede in der Persönlichkeit von gläubigen und nicht gläubigen Menschen?

Der Glaube selbst prägt natürlich die Perspektive auf die Welt und auf die eigene Person und auch auf die Frage, was kommt nach dem Tod. Insofern verändert der Glaube auch die Persönlichkeit. Aber ob man etwas glaubt oder nicht, hat vor allem mit dem sozialen Zufall zu tun, welche Religion die Eltern haben.

Was ist dran an der These, dass es vor allem die Angst vor dem Tod ist, die Menschen glauben lässt?

Die Angst vor dem Tod ist sicher etwas, was den Menschen prägt und beeinflusst. Damit entstehen Fragen wie die, was nach dem Tod kommt, die innerweltlich und auch durch die Wissenschaft nicht beantwortet werden können. Für die Religionen ist das natürlich ein Feld, wo sie noch konkurrenzlos sind.

Stimmt es, dass analytisch denkende Menschen eher nicht dazu neigen, gläubig zu sein?

Das kann man so nicht sagen: Unter den Protestanten gibt es zum Beispiel durchaus viele kluge analytische Menschen. Aber der Glaube verändert sich dann. Glaube ist ja erst mal ein Strukturmerkmal – entscheidend ist, was ist der Inhalt. Ist er in irgendeiner Weise plausibel mit einem Weltwissen zu verbinden oder nicht? Wie stark muss er abgespalten werden? Und da ist es schon verblüffend, wie sehr es in einer modernen, rationalen naturwissenschaftlichen Welt gelingt, einerseits ein gemeinsames Weltwissen zu akzeptieren und andererseits daran zu glauben, dass Jesus auferstanden ist und es das ewige Leben gibt.

Auch viele Wissenschaftler sind ja lange davon ausgegangen, dass Religion ein Auslaufmodell sei. Man glaubte, dass umso mehr die Menschen sich einem wissenschaftlichen Weltbild anschließen, desto weniger Bedeutung der Glaube habe ...

Die Säkularisierungsthese hat sich in der Tat so nicht bestätigt. Allerdings hat sich der Glaube verändert. Für viele Menschen spielen heute vor allem dogmatische Inhalte des Glaubens keine Rolle mehr: Sie sagen, ja ich bin religiös, ich trete nicht aus der Kirche aus, aber die dogmatischen Inhalte muss ich deshalb noch lange nicht teilen. Für sie ist dann zum Beispiel der Papst natürlich auch ein Mensch. Und in ihre Sexualität lassen sie sich nicht reinreden.

Dann hat sich also vor allem der Glaubensinhalt in Bezug auf Dogmen geändert?

Ja. Die Idee der absoluten Wahrheit hat sich für die allermeisten Menschen schon sehr relativiert. Bis eben auf jene, die dann eher eine fundamentalistische Struktur haben oder aufsuchen.

Fundamentalistische Überzeugungen üben auf viele wieder eine Faszination aus. Worauf führen Sie das zurück?

Tatsächlich haben fundamentalistische Bewegungen wieder mehr Zulauf. Für viele Menschen ist Wahlfreiheit und alles selbst entscheiden müssen ein großer Gewinn und der Kern von Freiheit und Aufklärung. Aber es gibt eben auch eine nicht unerhebliche Gruppe, für die genau das Stressfaktoren sind, die sie kaum bewältigen können. Aus diesem innerpsychischen Gefühl der Überforderung, der Sinnlosigkeit und Haltlosigkeit heraus machen sie sich auf die Suche nach jemandem oder etwas, das ihnen Antworten gibt. Jede Art von Fundamentalismus gewährt diesen Menschen dann eine Eindeutigkeit, die sie auf psychischer Ebene als Entlastung empfinden. Es gibt jemanden oder etwas, der ihm sagt, was wichtig ist, wie er zu handeln hat, wie die Welt funktioniert.

In solchen Zusammenhängen können Glaube und Religion dann auch sehr gefährlich sein. Das zeigt sich ja unter anderem am Beispiel des Islamischen Staates. Was macht die dunkle, gefährliche Seite von Religion aus?

Glaube ist dann gefährlich, wenn er Gewalt propagiert, wenn sich eine Gruppe dadurch definiert, dass andere Gruppen zerstört, ausgegrenzt und vernichtet werden müssen. Aber man muss gar nicht dieses extreme Beispiel nehmen: Glaube ist immer dann ungesund, wenn menschliche Grundbedürfnisse, wie wir sie aus psychologischer Sicht kennen, zu sehr und radikal eingeschränkt werden. Wenn nicht mehr gedacht werden darf, nicht mehr gefühlt werden darf, wenn der eigene Körper zu sehr verleugnet wird, wenn Unterwerfung zu absolut ist und Selbstkasteiung zum Dogma erhoben wird. Da gibt es ja in allen Religionen Extreme.

Welche Rolle spielt Glaube in extremen Gruppen wie dem Islamischen Staat?

Das ist eine schwierige Frage. Natürlich ist da ein Glaubensrahmen gesetzt, aber viele ISIS-Kämpfer sind in Glaubensfragen sehr ungebildet. Sie halten sich an wenige dogmatische Glaubenssätze, die dazu dienen, dort ein Weltbild und Selbstbild zu stabilisieren, wo vorher Unsicherheit und Instabilität war. Das ist dann eigentlich nur eine Glaubensverpackung. Der Glaube kann so zwar zu einer starken Identitätsbildung beitragen, inhaltlich ist das aber oft sehr banal.

Was kann und was muss eine Gesellschaft tun, um einer solchen Entwicklung vorzubeugen?

Ich glaube, dass wir den Glauben grundsätzlich relativieren müssten, politisch und gesellschaftlich. Auch bei uns haben wir ja nach wie vor eine Art Staatskirchentum. Der Staat könnte, indem er Glauben relativiert und sagt, das ist von Menschen gemacht und keine absolute Wahrheit, dazu beitragen, dass wir insgesamt religionskritischer werden. Solange wir aber daran festhalten, dass unsere Großkirchen die wahre und gute Religion verkörpern und die anderen irregeleitet sind, kommen wir nicht weiter.

Sie denken vermutlich auch an den konfessionellen Religionsunterricht an den Schulen?

Ja, zum Beispiel. Im konfessionellen Religionsunterricht wird von klein auf eingeübt, dass es die anderen gibt und dass die anders sind. Das ist nicht nur ein Spaltungsmodell, sondern in letzter Konsequenz auch ein Ausgrenzungsmodell. Und das ist eine Katastrophe. Auch den Islam jetzt als universitäres Fach an die Universitäten zu holen, sehe ich als sehr problematisch.

Was würden Sie vorschlagen?

Sinnvoll und verbindungsstiftend wäre ein gemeinsamer Religionskundeunterricht, in dem alle Konfessionen miteinander, voneinander und übereinander lernen. Dazu bräuchte es auch die Stärkung der akademischen Religionswissenschaft, die Religionen darstellt, aber auch ihre historische und zeitliche Relativität deutlich macht. Koranexegese auf Kosten des Staates bringt uns aber auf keinen Fall weiter.


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