Rätselhaftes „trauriges Mädchen“ Bilder einer Unbekannten: Ungewöhnliche Streetart in Mainz

Schmales Gesicht, melancholischer Ausdruck: Streetart-Darstellung des „traurigen Mädchens“. Foto: dpaSchmales Gesicht, melancholischer Ausdruck: Streetart-Darstellung des „traurigen Mädchens“. Foto: dpa

Mainz. Schmuddelkinder als heimliche Stars: „Die Fangemeinde rund um Streetart wächst stetig an“, sagt der Hamburger Experte Sebastian Hartmann. Einige Graffiti-Sprayer sind gefragt bei Galerien und Museen.

Die meisten aber bleiben im Straßenraum, anonym und oft so rätselhaft wie der britische Streetart-Künstler Banksy. Ein Geheimnis umgibt auch das „traurige Mädchen“, eine Motivserie, die in Mainz schon seit einigen Jahren die Fantasie der Betrachter bewegt. Bekannt ist nur, dass die Bilder von einer Frau gesprayt wurden.

Der Blogger Marcel Böhres hat eine Karte mit allen Standorten und Fotos der „traurigen Mädchen“ erstellt. Sie erscheinen gehäuft in der Neustadt, aber auch in der Altstadt und sind vereinzelt bis Bingen und Nieder-Olm zu finden. Allen gemeinsam ist das schmale Gesicht mit spitzem Kinn und melancholischem Ausdruck, aber stets sieht das „traurige Mädchen“ etwas anders aus. Sein Blick wirkt mal nachdenklich, mal keck, mal unterstreicht er die Tristesse von urbanen Brachflächen und Mietshäusern.

In der Stadtverwaltung wird die besondere ästhetische Wirkung des „traurigen Mädchens“ eingeräumt. „In ungenutzten Arealen kann das Umfeld so verschönert und bereichert werden“, sagt ein Sprecher. Auf privaten Häuserwänden seien Graffiti aber ein kostspieliges Ärgernis für die Besitzer und als Sachbeschädigung ein Straftatbestand.

Aus anderen Städten kenne er das Motiv des „traurigen Mädchens“ nicht, sagt der Experte Hartmann. Das Besondere daran sei die Variation. „Die meisten Streetart-Künstler erstellen Schablonen eines Motivs, das immer gleich aussieht.“ Dass ein Motiv stetig variiert werde, kenne er sonst nur von den „Blue Heads“ aus Düsseldorf – verschrobenen und chaotischen Köpfen und Gesichtern in Blau.

„Wo die Blue Heads eher verrückt und unterhaltend daherkommen, ist das traurige Mädchen melancholisch und zeigt eine pessimistische Weltsicht“, sagt Hartmann. Sonst überwiegen in der Straßenkunst oft ironische oder gar sarkastische Ansätze. „Von daher ist das „traurige Mädchen“ schon außergewöhnlich.“

Böhres ist vor etwa fünf Jahren auf die traurige Gestalt in der selbst ernannten „Stadt der Lebensfreude“ aufmerksam geworden und entdeckte dann bald: „Die ist ja überall!“ Da packte ihn die Sammelleidenschaft, und er veröffentlichte Fotos der „traurigen Mädchen“ in seinem Blog. Es sei schade, wenn eines der Bilder wieder verschwinde, sagt er. Aber im Internet leben die „traurigen Mädchen“ auch dann weiter, wenn sie übertüncht sind.


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