Konzeptkünstlerin mit sperrigem Werk Große Hamburger Ausstellung zu Hanne Darboven

Ein zentrales Werk Hanne Darbovens ist „Kinder dieser Welt“, das in der Ausstellung „Gepackte Zeit“ zu sehen ist. Fotos: Hanne Darboven Stiftung/Deichtorhallen Hamburg/Maximilian GeuterEin zentrales Werk Hanne Darbovens ist „Kinder dieser Welt“, das in der Ausstellung „Gepackte Zeit“ zu sehen ist. Fotos: Hanne Darboven Stiftung/Deichtorhallen Hamburg/Maximilian Geuter

Hamburg. Hamburg ehrt die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven mit einer großen Ausstellung in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg. Nur drei Kilometer davon entfernt eröffnete die Hanne-Darboven-Stiftung ihr Dokumentationszentrum an der ehemaligen Wohn- und Wirkungsstätte der Künstlerin.

Ihr Werk ist sperrig und faszinierend zugleich. Hanne Darboven (1941–2009) zählte zu Lebzeiten zu den bedeutendsten internationalen Gegenwartskünstlerinnen. Für ihre Heimatstadt Hamburg fungierte sie lange Zeit als die Statthalterin der Konzeptkunst mit freundschaftlichen Verbindungen zu Carl Andre, Sol LeWitt oder Lawrence Weiner, den wichtigsten Vertretern dieser Kunstrichtung.

Große Ausstellungen in Madrid, Bonn und München widmeten sich zuletzt ihrem Werk. Grund genug also, ihr auch in der Heimat eine Bühne zu bieten: Unter dem Titel „Gepackte Zeit“ präsentieren jetzt die Hamburger Deichtorhallen in ihrer Harburger Dependance, der Sammlung Falckenberg, eine äußerst materialreiche Ausstellung zum Werk der Künstlerin. Entstanden ist die Schau in enger Zusammenarbeit mit der privat finanzierten Hanne-Darboven-Stiftung.

Von 1962 bis 1965 studierte Darboven in Hamburg. Die entscheidenden Weichenstellungen jedoch erfuhr ihr Werk während ihres New-York-Aufenthaltes von 1966 bis 1968. Hier begegnete sie den Vertretern der Minimal Art und der Konzeptkunst. In New York begann sie auch mit ihrer eigenständigen Methode der akribischen Aufzeichnung von Zeit. Auf Millimeterpapier nahm sie Additionen unter Berücksichtigung des jeweiligen Kalenderdatums vor, die schnell seriellen Charakter annahmen.

1978 begann sie, gefundene oder abfotografierte Materialien in gleichförmiger Rahmung auszustellen: Postkarten aus aller Welt, Magazincover, Seiten aus Kunstkatalogen, Kalenderblätter, religiösen Kitsch, Soldatenfotos aus den beiden Weltkriegen, naive Glanzbilder, Poesiebögen und persönliche Erinnerungen verwob sie zu monumentalen visuellen Systemen.

Im Zentrum der Hamburger Ausstellung steht jetzt ihr Opus Magnum „Kinder dieser Welt“ (1990–1996). Das auf einer ganzen Etage präsentierte Environment bezieht sich in metaphorisch-chiffrierter Form auf die Zeit des Neubeginns nach dem Fall der Mauer. Die passionierte Sammlerin führt hier Puppen mit verschiedenen Hautfarben, Köpfe von Kasperlepuppen, Schaukelpferde und historisches Blechspielzeug in Vitrinen mit eigenen Aufzeichnungen zusammen. Daneben sind zahlreiche weitere Werke und Archivalien, darunter Filme, Konstruktionszeichnungen, Architekturmodelle und Briefe zu sehen. Aufschlussreich für das Verständnis ihres Werkes ist auch eine Vitrine mit ihren gesammelten Taschenkalendern aus rund 40 Jahren.

Die Stärke der Schau besteht zudem darin, Darbovens Werk nicht isoliert zu zeigen, sondern es im Kontext ihrer Zeit zu präsentieren. So sind etwa zentrale Werke von Künstlerkollegen wie Bruce Nauman, Ed Ruscha oder John Baldessari zu sehen.

Einen besonderen Glücksfall für die Darboven-Rezeption und Forschung stellt zudem die Eröffnung des Dokumentationszentrums der Hanne-Darboven-Stiftung dar. Das Gebäudeensemble besteht aus der ehemaligen Fabrikantenvilla des Kaffeeunternehmers Cäsar Darboven, dem Reetdachhaus, in dem Hanne Darboven bis zu ihrem Tod gelebt hat, und einer Reihe weiterer Bauten. Das Zentrum widmet sich in erster Linie der kritischen Aufarbeitung des Gesamtwerks. Es soll aber nicht nur Wissenschaftlern und Ausstellungsmachern aus aller Welt als Anlaufstelle dienen, sondern mit Vortrags-, Diskussions- und Konzertabenden sowie wechselnden Präsentationen den Genius Loci dieser Künstlerin auch für den Besucher spürbar machen.


0 Kommentare