Neues Buch von Dave Eggers „Bis an die Grenze“: Roman des deprimierten Amerika


Osnabrück. „Bis an die Grenze“: In seinem neuen Bestseller beschreibt Dave Eggers („The Circle“) die Geschichte einer Flucht - und analysiert das müde Amerika.

Josie ist am Ende. Die Zahnärztin verliert ihre Praxis in einem Prozess um Schadensersatz. Ihr Lebenspartner Carl, der Josie nie heiraten wollte, verlässt sie für eine andere Frau. Und dann gibt es da noch etwas, das am Gewissen der zweifachen Mutter nagt. Sie bestärkte den jungen Jeremy in seinem Vorhaben, als Soldat nach Afghanistan zu gehen. Ein halbes Jahr später ist er tot. Beruf, Familie, Selbstgefühl: Der dreifache Bankrott ist zuviel für Josie. Mit ihren beiden Kindern Paul und Ana flieht sie aus Ohio nach Alaska. Im Wohnmobil touren die drei ziellos durch das raue Land. In seinem neuen Roman „Bis an die Grenze“ erzählt Dave Eggers die Geschichte von Josie wie einen Roadtrip ins Nichts und entwirft zugleich das Psychogramm eines erschöpften Amerika. Hier weiterlesen: „Literarisches Quartett“ in Osnabrück diskutiert Neuerscheinungen .

Bestseller „Der Circle“

In seinem Bestseller „Der Circle“ (2013) schickte Eggers seine Protagonistin Mae noch auf den entgegengesetzten Weg. Die junge Collegeabsolventin tritt ihre neue Stelle bei der IT-Firma „The Circle“ an und gerät in den Sog des Digitalriesen und seines Gebots der rückhaltlosen Transparenz aller Lebensbereiche. Mae gibt intime Bereiche ihres Lebens preis, bis sie sich zum Widerstand gegen das Diktat der digitalen Verwertung entschließt. Mit der „Der Circle“ entwarf Eggers das Bild des Internets als totaler Überwachung. Der neue Roman markiert den entgegengesetzten Weg. Josie entschließt sich zum Ausbruch. Ihre Fahrt durch Alaska führt nicht nur durch eine karge Landschaft voller Extreme, ihr Weg führt auch zu Aussteigern am Rande der etablierten Gesellschaft. Hier weiterlesen: Was hält Europa zusammen? Theatermacherin Esra Kücük im Interview .

Mythos der ersten Siedler

„Bis an die Grenze“: Der Titel des Romans fokussiert das Schicksal einer Frau, die über ihr bisheriges Leben hinausgehen muss, um sich neu finden zu können. Er spielt auf den amerikanischen Mythos der ersten Siedler an, die gen Westen zogen. Der Titel „Bis an die Grenze“ bezeichnet aber auch den Zustand einer Gesellschaft im Dauerstress. Eggers zeichnet das Bild eines kaputten Amerika. Auch Josie steigt aus. Ihr erster Akt: Sie schaltet ihr Handy aus, macht sich unsichtbar, um in der Einsamkeit wieder zu sich selbst kommen zu können. Ihre einzige Zuflucht ist nun ein altersschwaches Wohnmobil mit dem beziehungsreichen Namen „Chateau“ - Burg. Josie und ihre Kinder leben unbehaust und wie auf der Flucht. Hier weiterlesen: Versionen der Liebe - Katie Kitamuras „Trennung“.

Reise zu einsamen Menschen

Einfach hinschmeißen, noch einmal ganz neu anfangen - geht das? Dave Eggers macht die Probe, indem er seine Heldin auf eine bizarre Reise zu einsamen Campingplätzen und gestrandeten Existenzen schickt. Josie hat Sex mit einem fremden Mann, flieht vor Polizisten und Parkwächtern, tanzt auf Hochzeitspartys von Leuten, die sie nicht kennt. Auf dieser Reise kommen ihr Menschen wie Zombies entgegen: fremd, skurril, bedrohlich, in jedem Fall so einsam wie Josie selbst. Mit der Parade seltsamer Typen am Ende der Welt zeichnet Eggers auch das Porträt eines deprimierten Amerika. Jobverluste, Immobilienblase, Finanzskandale, Kriege, der digitale Dauerstress: Zermürbende Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Eggers´ Romanfiguren wirken wie resignierte Wähler von Donald Trump. Hier weiterlesen: Brillante Satire - Jonas Lüschers „Kraft“.

Das Leben läuft falsch

Gleichwohl wäre sein Roman als soziologische Studie überschätzt. Der Erzähler beklagt den Verlust von Identität und Maßstäben, die den Alltag strukturieren könnten. Irgendwie läuft das Leben falsch: Mehr als dieses diffuse Unbehagen artikuliert auch dieser Roman nicht. Das Buch hat seine Stärken, wo es um Josie und ihre Kinder, um ihre komischen und gefährlichen Abenteuer geht. „In Bewegung liegt Sinn“: Dieser Satz gibt Josie neuen Mut. Sie und ihre Kinder finden in einer Runde musizierender Menschen vorübergehend eine Heimat, erfahren unter einem Wasserfall die heilende Kraft der großen Natur. Ein Halt ist das alles nicht. Das letzte Kapitel des Romans hat nur einen Satz. Und der stellt das kleine Glück von Josie, Paul und Ana gleich wieder infrage.


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