Religionskritiker gegen Luther Michael Schmidt-Salomon: Ein Hassprediger


Osnabrück. War Martin Luther einer der größten Hassprediger? Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon will den Reformator zum 500. Jahrestag der Reformation jedenfalls nicht feiern.

Er wird bisweilen als Deutschlands „Chef-Atheist“ bezeichnet: Michael Schmidt-Salomon hat sich als wichtiger Religionskritiker und regelmäßiger Talkshow-Gast etabliert. Der 1967 in Trier geborene Philosoph tritt für einen „evolutionären Humanismus“ ein und streitet gegen den Wahrheitsanspruch von Religionen. In Büchern wie „Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich“ und „Grenzen der Toleranz“ plädiert er für ein irdisches Glück ohne Religion, in „Keine Macht den Doofen“ wettert er gegen Internet und Schwarmintelligenz.

Nicht nur Deutschland feiert 500 Jahre Reformation. Feiern Sie mit?

Nein. Ich halte es sogar für sehr bedenklich, dass die öffentliche Hand die „Luther-Dekade“ mit über 250 Millionen Euro aus allgemeinen Steuergeldern finanziert. Zwar kann man Luther durchaus zugutehalten, dass er der katholischen Kirche die Stirn geboten und sich einige Verdienste um die deutsche Sprache erworben hat, jedoch war er zugleich einer der größten Hassprediger, den das Christentum hervorgebracht hat. Insbesondere seine Aversion gegen die Juden kannte keine Grenzen. Nicht ohne Grund haben sich die Nationalsozialisten immer wieder auf seine Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ berufen. Karl Jaspers hatte recht, als er formulierte: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“ Einen solchen Mann im Land des Holocaust zu feiern, ist meines Erachtens ein Affront gegenüber den Opfern. Hier weiterlesen: Totale Religion und Gewalt - Kulturwissenschaftler Jan Assmann im Interview.

Was hat die Reformation Ihrer Meinung nach bewirkt?

Diese Frage ist kaum zu beantworten, da wir nicht wissen, wie sich das „christliche Abendland“ ohne Reformation entwickelt hätte. Hätten Ablasshandel, Hexenverbrennung und Inquisition ohne Luther noch größere Ausmaße angenommen oder hätten sich die Renaissancehumanisten stärker durchsetzen und einen schnelleren gesellschaftlichen Wandel herbeiführen können? Es ist durchaus möglich, dass die Reformation einen Beitrag dazu geleistet hat, dass sich später das Toleranzprinzip und die Aufklärungsbewegung etablieren konnten. Vielleicht war aber auch das Gegenteil der Fall. Friedrich Nietzsche beispielsweise sah in Luther ein „Verhängnis für die Menschheit“, da er just in dem Moment auf der Weltbühne erschien, „als die Renaissance eben sogar das Papsttum erobert hatte und das Leben daran war, mit dem Christentum stillschweigend aufzuräumen“. Hier weiterlesen: Birga Ipsen hat Lessings Freimaurerdialoge „Ernst und Falk“ inszeniert.

Luther-Bibel, Individualismus, Arbeitsethos – der Protestantismus hat Deutschland tief geprägt. Wie sehen Sie diese Prägung – als Schatz oder als Bürde?

Selbstverständlich hat der Protestantismus Deutschland geprägt, noch bedeutsamer war allerdings der Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus. Denken Sie nur an die unzähligen Toten der Konfessionskriege. Aber auch hier können wir nicht wissen, ob ein alternativer Verlauf der Geschichte weniger Opfer oder vielleicht sogar noch mehr Opfer produziert hätte. Ähnliches gilt für die Tugenden, die dem Protestantismus nach Max Weber zugeschrieben werden. Schließlich haben viele Renaissance-Humanisten den Individualismus sehr viel entschiedener vertreten als Luther. Und das Arbeitsethos des Freigeistes Leonardo da Vinci war zweifellos keinen Deut geringer als das Arbeitsethos eines frommen holländischen Protestanten 300 Jahre später. Fakt ist jedenfalls – und das weiß ich aus eigener Erfahrung: Man braucht ganz sicher nicht die Prädestinationslehre, um sich zu einem Workaholic zu entwickeln. Hier weiterlesen: Reformator der Widersprüche - Martin Luther im Porträt.

Die Reformatoren wollten den christlichen Glauben auf seine Basis zurückführen, ihn wieder näher an die Menschen bringen. Ist dieses Projekt Ihrer Meinung nach gelungen?

Das hängt davon ab, was wir als „Basis des christlichen Glaubens“ begreifen. Bekanntlich war das Christentum in seinen Anfängen eine Weltuntergangssekte, die das „Jüngste Gericht“ beinahe stündlich erwartete. Noch Martin Luther war von fürchterlichen Endzeitvisionen geplagt und sein guter Freund Michael Stifel rechnete sogar haarklein aus, dass die Welt am 19. Oktober 1533 um exakt 8 Uhr morgens untergehen werde. Letztlich hat sich diese „Basis des christlichen Glaubens“ nicht durchsetzen können – und das ist auch gut so. Der Protestantismus ist heute eine sehr heterogene Glaubensströmung, die in Westeuropa ausgesprochen aufgeklärt daherkommt, die in den USA eher konservativ bis reaktionär auftritt und in Teilen Afrikas mitunter sogar derart fundamentalistisch agiert, dass es dort in den letzten Jahrzehnten zu Hexenverfolgungen mit Zehntausenden von Opfern gekommen ist. Hier weiterlesen: Starke Konzepte der Toleranz - der Philosoph Heiner Hastedt im Interview.

Martin Luther hat sich gegen Kaiser und Papst aufgelehnt. Das tat auch der Humanist Giordano Bruno, nach dem die Stiftung benannt ist, der Sie vorstehen. Sehen Sie Parallelen zwischen Religionskritiker Bruno und Reformator Luther?

Martin Luther war schon zwei Jahre tot, als Giordano Bruno geboren wurde, dennoch standen beide unter ähnlichen kulturellen Einflüssen, denen sie als „Kinder ihrer Zeit“ nicht entfliehen konnten. Beide waren entlaufende Mönche, beide äußerst sprachbegabt, beide besaßen einen ungewöhnlich starken Willen, mit dem sie in ihrer Zeit fast zwangsläufig anecken mussten. Trotz dieser Gemeinsamkeiten könnten die Unterschiede kaum größer sein: Während Luther sein Leben lang in einem stark limitierten christlichen Weltbild gefangen blieb, sprengte Bruno viele Konventionen seiner Zeit. Während andere noch darüber stritten, ob die Erde oder die Sonne im Mittelpunkt des Weltgeschehens steht, erkannte Bruno, dass das Universum unendlich groß ist und somit keinen Mittelpunkt besitzt. Während andere den Katholizismus oder den Protestantismus ablehnten, lehnte Bruno jede anthropozentrische Religion ab, da es in einem Universum mit unzähligen bewohnten Planeten, wie er meinte, eine „Eselei“ sei, zu glauben, Gott habe sich speziell den Menschen offenbart. Abgesehen von diesen intellektuellen Differenzen besteht der größte Unterschied zwischen Luther und Bruno aber sicherlich darin, dass Giordano Bruno in die Kriminalgeschichte des Christentums als Opfer einging, Luther hingegen als Täter. Hier weiterlesen: Der Aufklärer Mozart - ein Genie in Stichwörtern.

Luther hat gegen Autoritäten protestiert, auf der anderen Seite aber auch für Härte gegen aufständische Bauern plädiert. Was ist Luther – Wutbürger oder Helfer der Mächtigen?

Wutbürgertum und autoritäres Obrigkeitsdenken gehen auch heute oft Hand in Hand. So war es auch bei Luther: Er wütete gegen jeden, der seiner Meinung widersprach, am schlimmsten gegen Juden, kaum weniger schlimm gegen „Hexen“ und Katholiken. Als die Bauern sich gegen ihre Unterdrücker auflehnten, hetzte Luther nicht nur die Fürsten, sondern jeden „rechtschaffenden Christen“ gegen sie auf; „Drum soll hier erschlagen, würgen, stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch. So wie man einen tollen Hund totschlagen muss.“ Harte Worte, denen entsprechende Taten folgten. Hier weiterlesen: Aufklärung als globales Projekt - der Philosoph Arnim Regenbogen im Interview.

Luthers Reformation hat den Glauben in den Mittelpunkt des Weltverständnisses gestellt. Woran sollten Menschen Ihrer Meinung nach heute glauben?

Es ist sicherlich nicht vernünftig, an etwas zu glauben, von dem man als halbwegs informierter Mensch wissen sollte, dass es der Realität widerspricht. So ist es völlig absurd, dass die amerikanischen Protestanten im Bible Belt noch immer mehrheitlich die Tatsache der Evolution leugnen, weil sie an einer überkommenen Lesart der biblischen Schöpfungsgeschichte festhalten. Eine solche Haltung ist ja nicht nur irrational, sondern auch gefährlich. Denn wer in Glaubensdingen so leicht von „alternativen Fakten“ zu beeindrucken ist, der lässt sich auch auf politischem Gebiet schnell aufs Glatteis führen, wie unter anderem der Wahlerfolg von Donald Trump zeigte. Woran sollte man stattdessen glauben? Nun, ich denke, dass ein etwas größerer „humanistischer Glaube“ in der heutigen Zeit sehr hilfreich sein könnte. Wir sollten darauf vertrauen, dass wir Menschen das Potenzial haben, bessere, gerechtere Verhältnisse zu schaffen, als wir sie heute vorfinden. Sind wir nicht in der Lage, diesen Glauben aufzubringen, reduzieren sich die Chancen, dass sich die Verhältnisse verbessern werden. Hier weiterlesen: „Google ist doch nicht Gott“ - Michael Schmidt-Salomon kritisiert Allmacht des Internets.

Die Versprechungen der Ideologien sind verblasst. Religion scheint den Menschen wieder Halt zu geben. Wie bewerten Sie Religion im gegenwärtigen Leben?

Ich habe schon in den 1990er Jahren davor gewarnt, dass das 21. Jahrhundert zu einem „Jahrhundert der globalen Religionskriege“ werden könnte. Allerdings dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht übersehen, dass es weltweit – nicht nur hier in Westeuropa, sondern auch in den islamischen Ländern – einen starken Säkularisierungstrend gibt. Menschen wie der saudische Blogger Raif Badawi, der für sein Eintreten für Menschenrechte, Liberalismus und Säkularismus hart bestraft wurde, sind kein Einzelfall. Man trifft sie überall auf der Welt. Tatsächlich ist der Fundamentalismus nicht zuletzt auch eine Reaktion auf diesen Säkularisierungstrend. Deshalb meine ich, dass der Fundamentalismus kein Ausdruck der Stärke, sondern der Schwäche der Religion ist. Es handelt sich dabei um einen ebenso wütenden wie verzweifelten Versuch, Glaubensgewissheiten zu stärken, die längst ins Wanken geraten sind. Hier weiterlesen: Grenze der Duldsamkeit - Michael Schmidt-Salomons Buch über Toleranz.

Wie viel Reformation steckt Ihrer Meinung nach im heutigen Deutschland?

Luthers Geist ist hierzulande nur noch in homöopathischer Verdünnung zu finden – am ehesten noch in evangelikalen Gruppen. Als Institution ist die EKD zwar noch immer bedeutend, schließlich ist sie milliardenschwer und hat auch einigen Einfluss auf die Politik, die Glaubensfestigkeit ihrer Mitglieder geht jedoch mehr und mehr zurück. Nur noch eine kleine Minderheit der deutschen Protestanten glaubt überhaupt noch an einen personalen Gott. Fragt man sämtliche Items des Glaubensbekenntnisses ab, sinkt die Zustimmungsquote unter 10 Prozent. Zudem gibt es in Deutschland schon heute mehr konfessionsfreie Menschen als evangelische Kirchenmitglieder. Und dieser Trend wird sich weiter fortsetzen, da die EKD hoffnungslos überaltert ist und junge Eltern ihre Kinder immer seltener taufen lassen. Könnte man Luther mit einer Zeitmaschine in die heutige Zeit transferieren, wäre er ob dieser „heidnischen Zustände“ nicht nur fassungslos, sondern auch im höchsten Maße erbost. Hier weiterlesen: Netzwerk der Empörung - ein Glossar der Protestkultur.

Sie gelten als Deutschlands schärfster Religionskritiker, im Düsseldorfer Karneval wurden Sie allerdings als „Hochwürden Spezialomon“ gesichtet. Hand aufs Herz: Wie viel Priester steckt in Ihnen?

Haha, ja, das stimmt! Da der Kölner Rosenmontagszug stets mit kirchlichem Segen fährt, dachte ich mir, es könnte nicht schaden, wenn der Düsseldorfer Zug, für den mein Freund Jacques Tilly wieder einmal herrlich provokative Wagen gebaut hat, den Segen von „Hochwürden Spezialomon“ erhalten würde. Losgelöst davon empfinde ich mich allerdings nicht als sonderlich priesterlich. Denn ich glaube weder an heilige Schriften noch an unantastbare Philosophen oder Propheten. Und ich weiß, dass alles, was ich sage, im höchsten Maße fehleranfällig ist. Insofern ist es durchaus möglich, dass ich meine Darlegungen in diesem Interview schon im nächsten Jahr für eine „Eselei“ halte. Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich jede noch so große und edle Idee ohne Gewissensbisse verraten würde, wenn es dafür rational einleuchtende Argumente gäbe. Mit einer solchen Haltung hat man es in allen Religionsgemeinschaften schwer. Für den Job eines Priesters wäre ich daher denkbar ungeeignet.


0 Kommentare