Malkovich brilliert als Diktator Weltpremiere von „Just call me God“ in Elbphilharmonie

Von Dagmar Leischow

Wirkt wie eine Mischung aus Idi Amin und Gaddafi: John Malkovich als fiktiver Despot Satur Diman Cha. Foto: dpaWirkt wie eine Mischung aus Idi Amin und Gaddafi: John Malkovich als fiktiver Despot Satur Diman Cha. Foto: dpa

Hamburg. John Malkovich gehört nicht zu den Schauspielern, sich erst behutsam an ihre Charaktere herantasten müssen. Kaum hat er als Diktator Satur Diman Cha bei der Weltpremiere des Stücks „Just call me God“ die in DDR-Parteitag-Manier ausgestattete Bühne der Hamburger Elbphilharmonie betreten, schon schlägt er die Zuschauer mit seiner Aura in seinen Bann.

Dabei läuft er zunächst wenig glamourös mit Kopftuch, blauem Arbeitskittel und schwarzer Strumpfhose auf – getarnt als Reinigungskraft. Ohne mit der Wimper zu zucken, ballert er die Soldaten der Befreiungsarmee nieder, die in seinen Palast eingedrungen sind. Genauer gesagt: in seinen Konzertsaal mit der großen Orgel.

Dieses Instrument, seit jeher ein Machtinstrument, spielt in der Inszenierung des Regisseurs und Autors Michael Sturminger eine zentrale Rolle. Es liefert den Abgesang auf das Leben, auf die Liebe, auf die Moral. Der Organist Martin Haselböck – er gibt Reverend Lee Dunklewood, der neben der Journalistin Caroline Thomas (Sophie von Kessel) das Gemetzel überlebt hat – entlockt der Orgel auf Zuruf des Tyrannen fulminante Klänge von Bach oder Schubert bis zur deutschen Nationalhymne.

Dem Untergang geweiht

Aufgepeitscht durch diese Musik läuft der eigentlich schon dem Untergang geweihte Despot ein letztes Mal zur Höchstform auf. Er willigt ein, der Reporterin ein Interview zu geben. Nein, besser: Die beiden Kontrahenten liefern sich vor laufender Kamera ein Wortgefecht. Denn Sophie von Kessel macht ihre Figur keineswegs zu einem eingeschüchterten Opfer. Statt sich mit der Rolle der Stichwortgeberin zu begnügen, bietet sie Satur Diman Cha immer wieder Paroli. Auf schauspielerischer Ebene hält die 48-Jährige mühelos mit dem Hollywoodstar Malkovich mit.

Der 63-Jährige weiß sich selbstredend brillant in Szene zu setzen. Längst hat er seine Putzfrauenkostümierung gegen einen schwarzen, mit Orden behängten Anzug nebst Glitzerschuhen eingetauscht. Wie ein Abbild von Idi Amin sieht er nun aus. Der ugandische Diktator dürfte für seinen Part ebenso Pate gestanden haben wie Gaddafi oder Saddam Hussein. Aber Malkovich will sich da offensichtlich nicht festlegen lassen, sondern spricht Satur Diman Cha ganz bewusst mit einem fiktiven Akzent. Auf seinen typischen US-Zungenschlag verzichtet er, um nicht gleich als Donald-Trump-Spötter verortet zu werden.

Hasstiraden gegen die Medien

Parallelen zum US-Präsidenten lassen sich natürlich trotzdem ausmachen. Etwa wenn der Tyrann seine Hasstirade gegen die Medien abfeuert. Als ihm Caroline entgegenschleudert: „Ich bin Journalistin. Ich berichte über die Geschichte der Menschen.“, kontert er völlig trocken: „Ich mache Geschichte. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden.“ Und beileibe nicht der einzige. Eine Situation, in der sich das Blatt zu wenden scheint, beweist das anschaulich. Dank ihres rhetorischen Geschicks kommt die Journalistin dem Despoten so nah, dass sie seinen Revolver an sich bringen kann. Töten wird sie ihren Gegenspieler aber nicht – dessen ist er sich sicher. „Du bist keine Mörderin“, sagt er. „Aber ich bin ein Mörder.“ Will heißen: Wer versucht, das Böse mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, macht sich selber schuldig. Eine beklemmende Erkenntnis, fesselnd dargestellt. Nach 90 Minuten verabschiedet das Publikum, das recht entspannt über die Tontechnikpannen hinweggesehen hat, das grandiose Ensemble mit tosendem Applaus und Bravo-Rufen.


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