Sechs Oscar-Nominierungen „Lion“ – Familienglück dank Google Earth

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Berlin. In Lion erzählt Garth Davis die Lebensgeschichte von Saroo Brierley, der als Kind in Indien verloren ging und seine Familie erst als Erwachsener mithilfe von Google Earth wiedergefunden hat.

Irgendwo in Indien: Der fünfjährige Saroo verirrt sich auf einem Bahnhof, sucht Unterschlupf in einem leer stehenden Zug, schläft ein – und fährt 1600 Kilometer weit bis nach Kalkutta. Hier versteht er nicht mal die Regionalsprache. Über Umwege kommt er in ein Heim und wird von einer Familie aus Australien adoptiert. 20 Jahre später macht er sich auf die Suche nach seiner leiblichen Familie – und findet nur dank Google Earth seinen Geburtsort wieder.

Die erste Hälfte von „Lion“ ist stärker

Die Geschichte ist wirklich passiert und Grundlage von Saroo Brierleys Autobiografie „A Long Way Home“. Garth Davis, bislang vor allem als Ko-Regisseur von Jane Campions Serie „Top of the Lake“ bekannt, debütiert mit dem Stoff als Kinoregisseur – und holt gleich sechs Oscar-Nominierungen, darunter die für den besten Film.

Der Regisseur und sein Autor Luke Davies gliedern „Lion“ in zwei Teile. Der erste schildert Saroos Odyssee durch Kalkutta bis zur Ankunft bei den Adoptiveltern. (Nicole Kidman spielt die Mutter.) Der überwältigende Kinderdarsteller Sunny Pawar – im wirklichen Leben aus Mumbai –, zeigt dabei ein zartes Kind, das mit intuitiver Zuversicht einen Weg zu seiner Rettung findet. 80.000 Kinder, erfährt man in den Schlusstiteln, werden in Indien jedes Jahr vermisst. Welche Gefahren ihnen drohen, deutet „Lion“ immer wieder in geschickten Ellipsen an. (Nicole Kidman in „Lion“: Echte Adoptiv-Erfahrung erleichterte ihr die Rolle)

Am Ende schwelgt „Lion“ in blinden Gefühlen

Nach der hohen Emotionalität der ersten Hälfte fällt die zweite deutlich ab. Sie widmet sich dem erwachsenen Saroo („Slumdog“-Star Dev Patel), der seine leibliche Mutter endlich von der Sorge um ihr Kind befreien will. Nächtelang starrt er auf Google Earths Satellitenbilder und sucht den Bahnhof, an dem er verloren ging. Er vernachlässigt sich selbst, riskiert Freundin und Karriere – bis er die Mutter tatsächlich findet. „Alle Fragen sind beantwortet“, schreibt Saroo nach Australien. „Es gibt keine losen Enden mehr.“

Tatsächlich fühlt man sich merkwürdig wohl, wenn am Ende die realen Protagonisten in Dokumentarbildern gezeigt werden. Lose Enden gibt es allerdings schon. Wie Saroo die kulturelle Distanz zu seiner eigenen Mutter überbrückt, erzählt der Film nicht mehr. Und schon vorher hatte eine gefühlige Parallelmontage die Jahrzehnte eingeebnet, die zwischen der verzweifelten Suche der Mutter und der ihres erwachsenen Sohnes liegen. Mit einem großen Bruder, der Saroos Heimkehr nicht mehr erlebt, inszeniert Davis sogar ein versöhnliches Wiedersehen auf einer Traumebene. Der Jubel über die spektakuläre Familienzusammenführung ist am Ende so groß, dass „Lion“ den Blick für den Bruch im Leben der Helden verliert.

„Lion“. AUS 2016. R: Garth Davis. D: Sunny Pawar, Dev Patel, Rooney Mara, Nicole Kidman, David Wenham, Abhishek Bharate, Priyanka Bose. 118 Minuten, ab 12 Jahren. Cinema-Arthouse



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