Berlinale-Wettbewerb 2017 Überzeugende Doku: Andres Veiels „Beuys“

Von Klaus Grimberg

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Der deutsche Künstler und Kunstprofessor Joseph Beuys im November 1979. Foto: dpaDer deutsche Künstler und Kunstprofessor Joseph Beuys im November 1979. Foto: dpa

Berlin. Die Dokumentation „Beuys“ von Regisseur Andres Veiel, der zweite deutsche Beitrag im Berlinale-Wettbewerb, überzeugt als virtuose Annäherung an einen sehr aktuellen Künstler.

Eine Herkulesarbeit: 400 Stunden Filmausschnitte, 300 Stunden Tonmaterial, dazu mehr als 20000 Fotos. Am Beginn ihrer Beschäftigung mit dem Künstler und Phänomen Joseph Beuys waren Andres Veiel und seine beiden Schnittmeister Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer mit einer unübersehbaren Materialflut konfrontiert, in die sie in achtzehnmonatiger Arbeit erzählerische Schneisen geschlagen haben.

Schnell war ihnen klar: Ihre dokumentarische Biografie des umstrittensten Künstlers der 1960er- und 1970er-Jahre sollte keine historisierende Aufarbeitung der einstigen Konflikte werden. Vielmehr wollten Veiel und sein Team Beuys dahingehend befragen, welche Ausstrahlung von ihm und seinem Werk bis in die Gegenwart ausgeht.

Virtuose Collage

Als zweiter deutscher Film feierte „Beuys“ am Dienstag im Wettbewerb der Berlinale seine Weltpremiere und wurde von Presse und Publikum sehr wohlwollend aufgenommen. Und das, obwohl es der Film den Zuschauern nicht leicht macht. Er ist eine virtuose Collage aus Impressionen, die sich aus Film- und Soundfetzen, vor allem aber aus einer Fülle geschickt aneinandergereihter Fotos zusammensetzt. Obwohl halbwegs chronologisch montiert, springt die Dokumentation doch unentwegt zwischen verschiedenen Strängen hin und her – in dem Bemühen, das Werk und die daraus entstehenden Ideen- und Gedankenräume in einen schlüssigen Zusammenhang zu bringen.

Der Regisseur verlangt dabei dem Zuschauer ab, dass er sich auf das Beuys’sche Denken, auf seinen Humor und seine Widersprüche einlässt – und diese Ausnahmepersönlichkeit zunächst einmal auf sich wirken lässt.

Aufforderung zur Auseinandersetzung

Veiels Biografie ist kein bebilderter Wikipedia-Eintrag, sondern ein Film, der zur Auseinandersetzung herausfordert. Das ist oft anstrengend: Weil Beuys eben nicht eindeutig zu fassen ist, weil er gerne mal gedankliche Hakenschläge vollführte oder mit einer griffigen Pointe einer ausufernden Debatte auswich. Vor allem aber deshalb, weil man als Zuschauer schwer mit der unerschöpflichen Rastlosigkeit dieses sich unentwegt erklärenden, unermüdlich für seine Ideen eintretenden Mannes Schritt hält. Jenseits seiner künstlerischen Positionen erscheint Beuys als ein Getriebener, bei dem umso mehr verblüfft, dass er sich seinen rheinischen Humor bewahrte, aber auch die innere Ruhe und Entschlossenheit für seine Projekte.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“

„Jeder Mensch ist ein Künstler“. Immer wieder kreist der Film um diesen viel zitierten Satz Beuys’, der im Zentrum seines erweiterten Kunstbegriffs steht. Nicht jeder Mensch ist ein Maler, ein Bildhauer oder ein Grafiker, doch jeder hat die Möglichkeit, vielleicht sogar die Pflicht, sich mit seinen Gedanken in die Gesellschaft einzubringen, im sozialen Diskurs mitzumischen.

Kunst nicht als dekoratives Element, sondern als aktive Teilhabe: Dieses Credo stellt Veiel in den Mittelpunkt seiner Annäherung an Beuys, und damit ist sein Film natürlich sehr aktuell. In einer Zeit, in der demokratische Teilhabe immer mehr infrage gestellt oder durch mediale Häppchen-Informationen ausgehöhlt wird, ist der Beuys’sche Appell, sich kreativ einzumischen, mehr als zeitgemäß. Auch die zu seiner Zeit vielfach belächelte Kritik Beuys’ am Kapitalismus und dessen unkontrollierbaren Geldströmen wirkt aus heutiger Sicht geradezu visionär.

Es kommt selten vor, dass ein Dokumentarfilm in den Berlinale-Wettbewerb aufgenommen wird. Schon in seinen früheren dokumentarischen Arbeiten „Black Box BRD“ (2001) und „Die Spielwütigen“ (2004) hat Veiel seine inhaltliche Präzision eindrucksvoll unter Beweis gestellt. In „Beuys“ geht er nun noch einen Schritt weiter: In seiner Konzentration auf wesentliche Schwerpunkte im Beuys’schen Gedankenkosmos, vor allem aber in der anspruchsvollen und ästhetisch beeindruckenden Montage gelingt das lang nachhallende Porträt eines Künstlers, der 30 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner künstlerischen Brisanz eingebüßt hat.


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