Brillante Intellektuellensatire Roman des Frühjahrs: Jonas Lüschers „Kraft“


Osnabrück. Jonas Lüschers Roman „Kraft“ ist der Roman des Frühjahres 2017. Witzig und bissig erzählt Lüscher vom Scheitern eines Intellektuellen in der Sinnkrise der Internet-Ära.

Am Ende reißt das Erdbeben alles mit - die Golden Gate Bridge, Shopping Center, das ganze Silicon Valley. Die Eruption hinterlässt auch einen unheilbaren Riss in der Fortschrittsgewissheit eines gewissen Richard Kraft. Der Professor aus Tübingen will am Ort digitaler Innovation eine Preisfrage nach der besten aller Welten zuverlässig beantworten - und steht am Ende vor den Trümmern seiner Hoffnungen. Fundamentale Zivilisationskritik, eingekleidet in eine bissige Intellektuellensatire, unterfüttert mit einer Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik, dazu die Geschichte einer Freundschaft sowie diverse eingewobene Berichte von Ehen, Lieben, Amouren - Jonas Lüscher jagt auf gerade einmal 230 Seiten durch ein unglaublich dichtes Panorama aus großer Geschichte und privater Biografie. Sein Roman „Kraft“ hat das Zeug zu dem Roman des literarischen Frühjahres. Hier weiterlesen: Versionen der Liebe - Katie Kitamuras „Trennung“.

Lüschers erster Roman

Mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ (2013) hatte Jonas Lüscher eine packende Globalisierungskritik abgeliefert. Auf dieses bejubelte Debüt folgt mit „Kraft“ sein erster Roman. Lüscher erzählt von dem Milieu, das er kennt. Der 1976 geborene Autor hat selbst eine philosophische Dissertation geschmissen. Aus dem gescheiterten wissenschaftlichen Projekt macht er eine Erzählung. Lüscher schickt Richard Kraft, seinen Protagonisten auf die Suche nach der philosophischen Weltformel. Warum ist die Welt gut? Und wie kann sie noch weiter verbessert werden? Diese Frage sollen Wissenschaftler in einem von einem Internet-Magnaten finanzierten Wettbewerb beantworten. Lüscher ruft damit nichts weniger auf, als Leibniz´ berühmte Frage nach dem Wirken Gottes in der Welt und den Optimismus der Aufklärung. Krafts Antwort hat aber nur einen Zweck: Sie bemäntelt mit altbackener Philosophie das Verwertungsdenken smarter Investoren. Hier weiterlesen: Das Literaturjahr 2017 - Ausblick auf Neuerscheinungen .

Von Helmut Kohl bis Mauerfall

Das hört sich nach abgehobenem Glasperlenspiel an. Lüscher konfrontiert aber abendländische Sinnerzählung mit digitaler Wende und liefert so jede Menge pessimistische Zeitkritik. Zugleich unterbricht er die Erzählung von Krafts finaler Reise nach Kalifornien mit Rückblenden auf seine Jahre in der alten Bundesrepublik. Ob Willy Brandts Kniefall, der Aufstieg Helmut Kohls oder die Öffnung der Mauer - wo Kraft ist, ereignet sich Geschichte. Sein akademischer Aufstieg verläuft parallel zur steilen Wohlstandskurve der deutschen Nachkriegsjahre. Zur gegenläufigen Linie des Abstiegs fügen sich hingegen die Liebesbeziehungen zu Ehefrau Heike, Bildhauerin Barbara oder Biologin Johanna. Dem Welterklärer zerbricht das ganz private Leben. Als Rhetorikprofessor ist Kraft ohnehin nur ein Profi der verbalen Oberflächenpolitur. Und ein Angepasster des jeweiligen Zeitgeistes. Hier weiterlesen: „Freedom Hospital“ - Graphic Novel vom Syrien-Krieg.

Lebenslauf und Sinnkrise

Jonas Lüscher erzählt pointenreich und witzig, hält die Stränge seiner Erzählung erstaunlich virtuos im Griff. Der Roman spiegelt gekonnt privaten Lebenslauf und große Sinnkrise. Der Leser darf maliziös auf einen Kraftkerl schauen, der sich als Versager entpuppt, er darf zu nostalgischer Zeitreise ansetzen und der komplizierten Psychologie des Lebens zu zweit nachspüren. Vor allem aber darf er zutiefst erschrecken. Denn Lüscher zeigt uns Kraft als Typus jenes Intellektuellen, der sein Ethos der Wahrheit an das Gewinnstreben des Neoliberalismus verrät. Kraft und sein Freund Ivan besorgen jenen Ausverkauf der Ideen und Konzepte, der das Feld frei macht für den Algorithmus des Internets. Lüscher lässt Kraft nicht nur mit und an Leibniz scheitern, er zitiert mit dem Motiv des Erdbebens auch nicht weniger als das Beben von Lissabon von 1755 und damit jene Katastrophe, die den Fortschrittsoptimismus eines ganzen Zeitalters brach. Hier weiterlesen: „Statt etwas oder Der letzte Rank“ - das neue Buch von Martin Walser .

Ein großer Roman

„Kraft“ besticht als halsbrecherisch durcherzählter und atemberaubend verdichteter Zeitroman. Lüschers Kunststück: Er macht die Geschichte einer persönlichen Katastrophe zum Test- und Demonstrationsfall für das Versagen einer ganzen Ära. So kraftlos dieser Kraft auch sein mag - der Roman „Kraft“ birst vor Energie und funkelt nur so vor anspielungsreichem Witz. Ein brillantes Buch. Hier weiterlesen: Durch Mauern gehen - die Autobiografie von Marina Abramovic .


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