Großartiger Opernabend Staatsoper Hamburg: Marthaler macht „Lulu“ zum Engel

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Ein fantastisches Sängerensemble, das Orchester hoch inspiriert, präzise Regie und eine unglaubliche Hauptdarstellerin: Hamburg darf sich über eine neue „Lulu“ an der Staatsoper freuen.

Barbara Hannigan ist eine Wucht. Ihre Bühnenpartner werfen sie zu Boden, sie sackt selbt fallsüchtig in sich zusammen, sie turnt über die Bühne, posiert aufPodesten, legt sich einem Athleten mit perfekter Körperspannung auf die Schulter oder hängt sich ihm um den Hals, mit den Füßen wohlgemerkt: So viel Akrobatik bietet die Opernbühne eher selten. Hannigan aber singt dazu perfekt und mit faszinierender Intensität. Die Beweglichkeit ihres Soprans übertrifft die des Körpers noch, dazu leuchtet die Stimme in der Höhe mit viriler Kraft und fächert ein emotionale Farbpalette auf, die von somnambuler Introvertiertheit bis zur Ekstase reicht. Allein diese Sopranistin lohnt den Besuch von Alban Bergs „Lulu“ an der Hamburger Staatsoper. Weiterlesen: „Otello“ von Calixto Bieito an der Staatsoper Hamburg.

Echtes Theater

Tatsächlich verordnet Regisseur Christoph Marthaler nicht nur seiner Protagonistin viel Bewegung: Der Regisseur nimmt ernst, was der Prolog der Oper sagt, und verlegt die Handlung in eine Art Manege. Die erinnert wahlweise an einen Zirkus oder, mit holzvertäfelten Wänden, an einen hanseatisch Bürgersalon, an ein Varieté-Theater, von dem am Ende die kahle Probebühne übrig bleibt. Gleichzeitig arbeitet Anna Viebrock ein Moment der Surrealität ein: Im Bürgersalon öffnet ein Bühnenportal den Blick auf eine große Treppe, die nirgendwohin führt. Später werden aus dem Geländer Käfigstäbe –im Prolog hatte ja ein Tierbändiger allerlei wilde Tiere angepriesen.

Marthaler schickt nun seine Figuren durch diese Manege wie psychisch Kranke durch eine Anstalt. Menschen schlurfen, umwölkt vom Dunst ihrer ramponierten Psyche über die Szene, und am schlimmsten hat es die Protagonistin erwischt. Wenn Lulu tanzt, tanzt sie mechanisch wie eine Puppe, wenn sie spricht oder eben singt, wirkt sie abwesend, als singe sie von einer anderen Person, und geistesabwesend erschießt sie ihren Gatten Dr. Schön. Denn Lulu findet den Kern ihrer Persönlichkeit nicht mehr, weil sie ihn tief in sich vergraben hat – womöglich als Folge frühkindlicher Traumata. Weiterlesen: „Senza Sangue“ und „Herzog Blaubart“

Nun sind auch die anderen Figuren gefangen in ihrem surrealen Irrsinn. Marthaler bildet deshalb auf der Bühne keine Realität nach, sondern verlegt die Handlung bewusst in die Künstlichkeit der Bühne, in stilisiertes, aber handwerklich perfektes, inspiriertes und echtes Theater. Dafür hat er ein in seiner Qualität einzigartiges Ensemble zur Hand: Anne Sofie von Otter ist ein famose Gräfin Geschwitz, Jochen Schmeckenbecher ein brillanter Dr. Schön. Matthias Kink als Alwa, Sergei Leiferkus als Schigolch, Marta Swiderska als Gymnasiat, schließlich Ivan Ludlow als omnipräsenter Tierbändiger und Athlet: Sie alle singen vorzüglich und mit hervorragender Textverständlichkeit; zudem agieren sie mit großartiger Präsenz. Vier Akrobatinnen vervollständigen schließlich das Bühnenpanoptikum: Liliana Benini, Begona Quinones, Sasha Rau und Sylvana Seddig.

Im Orchestergraben entschlüsselt Kent Nagano Bergs Partitur mithilfe des Philharmonischen Staatsorchesters –diese Ehe entwickelt sich hörbar prächtig. Brutale Wucht, zarte Lyrik und beeindruckende Durchsichtigkeit: Nagano und das Orchester stellen die Musik mustergültig dar. Und wo es sein muss, bringt er sich auch zum Swingen. Weiterlesen: Die Hamburger Philharmoniker ziehen in die Elbphilharmonie ein

Nun hat Berg seine „Lulu“ unvollendet hinterlassen. In Hamburg findet das Regieteam für dieses Problem eine erstaunliche Lösung: Alban Bergs Klavierskizzen werden als Skizzen gespielt, von zwei Klavieren und Sologeige, dazu hin und wieder ein paar leise Bläser. Die Wirkung ist frappierend, weil sich die Aufmerksamkeit damit auf die Darsteller fokussiert: Ungefilterter kann man die Brutalität kaum erleben, mit der der Athlet Lulu erpresst und später Jack the Ripper sie umbringt.

Wiedergutmachung?

Nun ist der Abend damit noch lange nicht zu Ende: Was das Programmheft lakonisch als „Epilog“ vermerkt, entpuppt sich als Alban Bergs Violinkonzert, wunderbar gespielt von der Geigerin Veronika Eberle und dem Philharmonischen Staatsorchester. „Dem Andenken eines Engels“ steht über diesem Konzert; Berg hat es der mit 18 Jahren verstorbenen Tochter Alma Mahlers gewidmet. Hier nun gesteht es der Titelheldin des Abends die Apotheose zu – der verschämte Versuch einer Wiedergutmachung für all das, was die Männerwelt dieser Frau angetan hat? Jedenfalls lässt die Szene Interpretationsspielräume zu: Was die vier Akrobatinnen und Lulu selbst lautlos und in Marthaler’scher Manier mit Lippen und Händen erzählen, bleibt rätselhaft. Trotzdem bewegt dieSchlussszene, und Hamburg feiert zurecht seine neue, grandiose „Lulu“.


Weitere Vorstellungen: 15., 18., 21., 24. Februar. Kartentelefon: 040/356868. Zum Onlineticket-Verkauf geht es hier .

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