Stilsicher in sieben Sprachen Nicolai Gedda: Jahrhundert-Tenor gestorben

Von Pedro Obiera

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Der beste und vielseitigste lyrische Tenor des 20. Jahrhunderts: Nicolai Gedda ist gestorben. Der Sänger, der als Stimmwunder galt, ist unter anderem mit Maria Callas aufgetreten. Foto: dpaDer beste und vielseitigste lyrische Tenor des 20. Jahrhunderts: Nicolai Gedda ist gestorben. Der Sänger, der als Stimmwunder galt, ist unter anderem mit Maria Callas aufgetreten. Foto: dpa

Osnabrück. Nicolai Gedda ist tot. Der Sänger gehörte mit Carlo Bergonzi und Alfredo Kraus zu den besten Tenören des 20. Jahrhunderts.

Was Stimmkultur, technische Perfektion, Eleganz und stilistisches Einfühlungsvermögen angeht, gehörte er mit Carlo Bergonzi und Alfredo Kraus zu den Tenören seiner Generation, die noch im fortgeschrittenen Alter mit ihren kerngesunden, intakten Stimmen ganze Heerscharen jüngerer Kollegen mühelos an die Wand singen konnten. Wie Medien unter Berufung auf seine Tochter Tania berichten, ist Gedda bereits am 8. Januar im Alter von 91 Jahren gestorben. Auf den Opernbühnen gehörte er als Herzensbrecher und Galan mit seinem hellen, biegsamen Tenor fast fünf Jahrzehnte zur ersten Garnitur der singenden Weltstars.

Akzentfrei in sieben Sprachen

Auch wenn seine Stimme im Laufe der Zeit etwas schwerer und dunkler wurde, kann man selbst an seinen letzten Einspielungen und Auftritten exemplarisch die Qualitäten seiner makellos geführten Stimme bewundern. Vor-bildliche Atemtechnik, intelligente Phrasierung, Legato- und Piano-Kultur vom Feinsten und Rolleninterpretationen von hoher Intelligenz: Mit diesen Attributen bewahrte Gedda eine ungewöhnlich stabile qualitative Konstanz in seiner langen Karriere, etwa als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ und Don José in Bizets „Carmen“. Seine multilinguale Begabung - Gedda sang und sprach akzentfrei in sieben Sprachen - erleichterte ihm den Zugang zu einem extrem großen Repertoire. Gleichwohl achtete er penibel auf die Grenzen seiner lyrisch geprägten Stimme. Dass er sich in Stockholm vor über 30 Jahren an den „Lohengrin“ wagte, beklagte bis zuletzt als den größten Fehler in seiner Karriere. Mit eiserner Disziplin versagte er sich damit auch dem Wunsch, in Bayreuth zu singen. Ein Angebot Wolfgang Wagners lehnte er ab. Stattdessen nahm er noch Gesangsunterricht, als er schon längst als Star um die Welt reiste.

Trauriger Star ins Leben

In der Öffentlichkeit strahlte Gedda das Charisma eines von Erfolg verwöhnten, sympathischen und rundum glücklichen Menschen ohne Allüren aus. Doch sein privates Glück hielt sich bis vor wenigen Jahren in engen Grenzen. Seine schwedischen Eltern waren so arm, dass sie beschlossen, den kleinen Nicolai in ein Waisenhaus zu geben. Die Schwester des Vaters, Olga, nahm sich des Kleinen an und heiratete später einen wie sie vor der Revolution geflohenen russischen Emigranten. Olga und „Papa Mischa“ wurden seine Eltern. Der Ziehvater bereiste als Bassist in einem berühmten russischen Exilanten-Chor durch Europa und zog bald mit seiner neuen Familie nach Leipzig, wo er Kantor an der Gedächtniskirche wurde. Gesprochen wurde deutsch und russisch.

Harte Erziehung

Als die Familie vor den Nazis nach Stockholm zurückkehrte, hatte Nicolai seine Heimatsprache verlernt und fristete die ersten Monate ein trauriges Dasein als verspotteter Außenseiter in trister Armut. Durch den Stimmbruch verlor er das einzige, was ihm das Leben erträglich machte, seine schöne Gesangsstimme, die erst mit 17 Jahren allmählich wiederkehrte. Nach 1945 litt er unter dem Militärdienst, und auch die strenge Hand des Vaters bedrückte den sensiblen Jungen. In seiner Biografie führte Gedda seine spätere Schüchternheit und Scheu vor Konflikten auf die harte Erziehung zurück.

Mühelose Spitzentöne

Allmählich wurde man in der Stockholmer Opernschule auf die besondere Begabung des jungen, 25-jährigen Mannes aufmerksam und verpflichtete ihn in Adams „Postillon de Lonjumeau“. Die locker, mühelos bewältigten Anforderungen und Spitzentöne der be¬rühmten Cavatine machten ihn mit einem Schlag bekannt. EMI-Produzent Walter Legge knüpfte Kontakte zu Herbert von Karajan, der gerade einen des Russischen mächtigen Tenor für einen „Boris Godunow“ in Paris suchte. Und von da an rollte die Erfolgslawine unaufhaltsam an. Privat fand er sein Glück erst vor fünf Jahren in seiner dritten Ehe. In einer kleinen Villa am Genfer See blickte Gedda auf sein ebenso hartes wie erfolgreiches Leben zurück. In seiner 1998 erschienenen Biografie äußerte er sich dazu so bescheiden wie man ihn kennt: „Heute fühle ich mit meinen fast 75 Jahren ein ungeheures Glück, wenn ich morgens erwache und die Vögel draußen im Garten singen, wenn ich aufstehen und immer noch gesund und munter sein kann.... Ich begreife, dass man nicht in gleicher Weise wie früher etwas ersehnen kann, das in der Zukunft geschehen wird. Man kann nur demütig auf noch einen sonnigen Tag, vielleicht auf noch einen Frühling hoffen.“


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