Musikalische Promiskuität Chris Thile und Brad Mehldau: Bluegrass trifft Jazz

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Wunderbare Zusammenarbeit: Brad Mehldau und Chris Thile. Foto: Warner MusicWunderbare Zusammenarbeit: Brad Mehldau und Chris Thile. Foto: Warner Music

Brad Mehldau und Chris Thile haben 2011 erstmals zusammen gespielt. Jetzt waren sich auch zum ersten Mal im Studio und haben eine Doppel-CD aufgenommen, die den Intellekt anrührt, die aber vor allem eines macht: Glücklich.

Der erste flüchtige Eindruck sagt: Ein Folksong. Locker, leicht, sonnig mit einer zarten Brise. Aber „Tallahassee Junction“ legt falsche Fährten. Das Stück irrlichtert durch den Garten der Tonalität wie eine Hummel in der Abendsonne. Basslinien tun so, als würden sie Halt bieten, finden aber keinen Grund, weil sie ihn gar nicht suchen, und die Melodien flirten mit Dur und Moll, ohne sich festzulegen, gern auch mit zwei Tonarten gleichzeitig, eine tonale Promiskuität wie von Alban Berg erfunden. Und wo man den Refrain erwartet, kommt er auch, aber ganz anders als man es gewohnt ist: „Tallahassee Junction“ dreht charmant lächelnd sämtlichen Erwartungen eine Nase. Und dann ist da natürlich noch diese außergewöhnliche Klanglichkeit durch die Kombination von Klavier und Mandoline.


„Tallahassee Junction“ ist das zweite Stück auf einer Doppel-CD oder -LP, die schlicht nach ihren Protagonisten benannt ist: „Chris Thile & Brad Mehldau“. Den „einflussreichsten Jazz-Pianisten der letzten zwanzig Jahre“ hat die „New York Times“ Mehldau genannt – und hat damit weit untertrieben. Denn Mehldau überzeugt auch mit Brahms oder, wie zuletzt in der Elbphilharmonie, mit Bach. Gleichzeitig ist Mehldau immer offen für die aktuellen Entwicklungen der Independent-Szene - oder für den progressiven Bluegrass des Mandolinenvirtuosen Chris Thile. Weiterlesen: Brad Mehldau in der Elbphilharmonie

Referenz an Joni Mitchell und Bob Dylan

Nun haben Bluegrass und Jazz denkbar wenige Berührungspunkte. Doch Thile versteht sich genauso auf musikalische Kurvenstrecken wie Mehldau, der wiederum lässt sich auf die Leichtigkeit des Folk ein und erkennt auch dessen Ernsthaftigkeit. So spielt Mehldau hier einen lockeren, bluesgetränkten Stil, und Thile treibt mit perkussiven Akkorden und glitzernden Soli an. Zudem singt er mit einer Stimme, in der die Melancholie a lá Chet Baker den revolutionären Geist des Folk trifft.

Mit dem Groove in „The Old Shade Tree“ von Mehldau und Thile beginnt die Reise. „Scralet Town“ von Thiles Band Punch Brothers atmet den schwülen Dampf des Mississippi-Deltas, „I Cover the Waterfront“ ist eine wundervolle Jazz-Klavierballade. In „Daughter of Eve“ treibt Chris Thile ein ähnliches Verwirrspiel wie Brad Mehldau in „Tallahassee Junction“, und schließlich erweisen die beiden zwei ganz großen Figuren des Folk ihre Referenz: Joni Mitchells „Marcie“ rührt in seiner wehmütigen Schlichtheit und Schönheit zu Tränen, und Bob Dylans Trennungssong „Don‘t Think Twice, It‘s Allright“ entwickelt sich vom sonnigen Roadmovie zur bitteren, von Trennungsschmerz getriebenen Flucht. Am Ende verweist „Tabhair dom do Lámh“ von Ruaidri Dáll Ó Catháin auf den Irish Folk und seine Wurzeln im 17. Jahrhundert - ein Stück wie ein Paar, das sich zu den letzten Klängen der Band sanft im Walzertakt wiegt. Einfach schön.


Chris Thile & Brad Mehldau. Doppel CD oder -LP, erschienen bei Nonesuch

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