Premiere am Theater Osnabrück Lessings „Nathan“: Kampf der Kulturen im Flüchtlingscamp


Osnabrück. Das Theater Osnabrück zeigt den Aufklärungs-Klassiker „Nathan der Weise“ als Kampf der Kulturen. Regisseur Dominique Schnizer versetzt das Stück in ein Flüchtlingslager. Eine Versöhnung der Religionen gibt es nicht.

Ein paar Mal atmet er hörbar durch. Dann spricht Nathan (Ronald Funke) die berühmte „Ringparabel“ wie ein Ernüchterter, der genug hat vom endlosen Zwist der Religionen. Nathan weiß, dass er um sein Leben redet. Sultan Saladin setzt ihn doppelt unter Druck. Der Herrscher fordert von dem jüdischen Kaufmann Geld und die Antwort auf die heikelste aller Frage: Welche Religion ist die einzig wahre? Hier weiterlesen: Was sagen Vertreter der Religionen zur Ringparabel?

Angst vor Konsequenzen

Die Antwort auf diese Frage kann tödliche Konsequenzen haben, erst recht in jener Welt, die Schnizer und Bühnenbildnerin Christin Treunert auf die Szene des Osnabrücker Theaters gestellt haben. Dieser „Nathan“ spielt in einem Flüchtlingscamp, das dem im Herbst 2016 geräumten „Dschungel“ bei Calais bedrückend ähnelt. Hier beharken sich die Angehörigen unterschiedlicher Religionen unentwegt. Auf die „Allahu akbar“-Rufe der Muslime antworten Christen mit einem genervten „Gut jetzt“. Vor dem Juden Nathan wird ausgespuckt, kleine Streitigkeiten entladen sich in plötzlichen Gewalttumulten. Hier weiterlesen: Lessings „Nathan“ in Osnabrück - Regisseur Dominique Schnizer erläutert das Konzept .

Jeder Religion ihre Hütte

Nur eines hat in diesem Mikrokosmos der Verrohrung seine allerbeste Ordnung: Jede Religion bewohnt ihre eigene Hütte. Christen, Moslems und Juden übertönen sich gegenseitig mit ihren Gottespreisungen. Deutsche und Flüchtlinge, in der Mehrheit aus Syrien, von der „Projektgruppe Nathan“ bringen die konfliktträchtige Atmosphäre drängend dicht auf die Bühne. Hier weiterlesen: Religion und Gewalt - Kulturwissenschaftler Jan Assmann im Interview .

Lessings Text halbiert

Verständigung kann in dieser Umgebung nicht gedeihen. In der Osnabrücker Version bleibt vom milden Humanitätspathos in Gotthold Ephraim Lessings Klassiker „Nathan der Weise“ nichts mehr übrig – auch deshalb, weil Dramaturg Jens Peters den Text halbiert und stellenweise modernisiert hat. In gerade einmal eindreiviertel Stunden ohne Pause wird der Klassiker als atemloser Schnelldurchlauf absolviert. Die scharfkantige Osnabrücker Version stellt Konflikte heraus. Sprache ist hier eine Waffe in Rededuellen, zu denen Schnizer seine Darsteller an der Rampe antreten lässt. Sprache verliert dabei jene Qualität, die Lessing ihr in seinem Text gegeben hatte – zum Medium einer Verständigung zu werden, die Spannungen nachhaltig zu vermitteln vermag. Hier weiterlesen: Botschaft der Toleranz - Lessings „Ernst und Falk“ in Osnabrück.

Auf der Höhe der Zeit

Schnizers Regieentscheidung fordert so ihren Preis. Ihr Vorteil: Dieser „Nathan“ steht auf der Höhe einer Zeit, die von Terrorgefahr, religiösem Fundamentalismus und eiferndem Rechtspopulismus vergiftet ist. Entsprechend hat auch Versöhnung keine wirkliche Chance. Nathans „Stimme der Vernunft“ bleibt ungehört. Lessings Regieanweisung sieht für den Schluss die „Wiederholung allseitiger Umarmungen“ vor. In der Osnabrücker Version ruft am Ende jede Religionsgruppe wieder nur ihr jeweiliges „Gott ist groß“ wie einen Schlachtruf. Dann wird es dunkel. Finsternis statt Licht: 234 Jahre nach der Uraufführung von „Nathan dem Weisen“ scheint die Welt für den Frieden immer noch nicht bereit zu sein. Hier weiterlesen: Osnabrücker Loge feiert 300 Jahre Freimaurerei .

Kampf der Kulturen

Lessings „Nathan“ als Skript eines Kampfes der Kulturen: Die Darsteller setzen das harsche Regiekonzept engagiert um – allen voran Ronald Funke, der Nathan als traumatisiertes Opfer gibt, das sich Versöhnung schmerzhaft abringen muss. Andreas Möckel porträtiert den Saladin als verunsicherten Potentaten mit Neigung zu Gewaltausbrüchen. Zweiter im Bunde der insgeheim Radikalisierten ist der Tempelherr, den Niklas Bruhn als schroffen Menschenfeind spielt. Dazu passen der ebenso boshafte wie opportunistische Patriarch in der Verkörperung durch Klaus Fischer wie auch der kleinmütige Klosterbruder Johannes Busslers und der lavierende Al-Hafi Oliver Meskendahls. Hier weiterlesen: Der „Nathan“ am Theater Osnabrück - die Abendkritik .

Toleranz bleibt Zukunftsaufgabe

Scharf gezeichnet erscheinen auch die Frauenfiguren. Elaine Cameron als aufbrausende Recha, Marie Bauer als hochfahrende Sittah, Cornelia Kempers als eigennützige Daja – sie alle haben religiösen Streit und gegenseitige Diskriminierung so sehr verinnerlicht, dass die „von Vorurteilen freie Liebe“ große Zukunftsaufgabe bleiben muss. Dieser Osnabrücker „Nathan“ ist nichts für Puristen hehren Klassikerkultes. Dafür liefert er Stoff für kontroverse Diskussionen. Hier weiterlesen: Birga Ipsen inszeniert Lessings „Ernst und Falk“ im Osnabrücker Logenhaus.


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