Premiere am Theater Osnabrück Lessings „Nathan“: Humanität bleibt ohne Chance


Osnabrück. Das Theater Osnabrück zeigt Lessings „Nathan“ als unauflösbaren Kampf der Kulturen. Die radikal gekürzte Version des Klassikers spielt in einem Flüchtlingslager. Die Premiere wurde vom Publikum bejubelt.

Ein paar Mal atmet er hörbar durch. Dann spricht Nathan (Ronald Funke) die berühmte „Ringparabel“ wie ein Ernüchterter, der genug hat vom endlosen Zwist der Religionen. Nathan weiß, dass er um sein Leben redet und dass es wirkliche Verständigung kaum geben wird. In der Osnabrücker Version bleibt vom milden Humanitätspathos in Gotthold Ephraim Lessings Klassiker „Nathan der Weise“ nichts mehr übrig. Regisseur Dominique Schnizer stellt den von Dramaturg Jens Peters halbierten und streckenweise geglätteten Text als Skript für den Kampf der Kulturen auf die Bühne. Der „Stimme der Vernunft“, der Nathan folgen will, hört am Ende keiner zu. Die versöhnende Umarmung der Kontrahenten entfällt. Am Ende ruft jede Religionsgruppe wieder nur ihr jeweiliges „Gott ist groß“ wie einen Schlachtruf. Hier weiterlesen: Lessings „Nathan“ in Osnabrück - Regisseur Dominique Schnizer erläutert das Konzept .

Jede Religion hat ihre eigene Hütte

Das Theater Osnabrück holt den auf nicht einmal zwei Stunden komprimierten „Nathan“ radikal in die von unversöhnlichen Religionskonflikten geprägte Gegenwart. Bühnenbildnerin Christin Treunert präsentiert ein Flüchtlingslager, in dem sich die Menschen unentwegt beharken. Auf die „Allahu akbar“-Rufe der Muslime antworten Christen mit einem genervtem „Gut jetzt“. Vor dem Juden Nathan wird ausgespukt, kleine Streitigkeiten entladen sich in plötzlichen Gewalttumulten. Nur eines hat in diesem Mikrokosmos der Verrohrung seine allerbeste Ordnung: Jede Religion bewohnt ihre eigene, fein abgetrennte Hütte. Christen, Moslems und Juden übertönen sich gegenseitig mit ihren Gottespreisungen. Deutsche und Flüchtlinge, in der Mehrheit aus Syrien, von der „Projektgruppe Nathan“ bringen die konfliktträchtige Atmosphäre bedrängend dicht auf die Bühne. Hier weiterlesen: Religion und Gewalt - Kulturwissenschaftler Jan Assmann im Interview .

Nathan als traumatisiertes Opfer

Dem stehen die Darsteller von Lessings Figuren nicht nach. Ronald Funke spielt den Nathan als traumatisiertes Opfer, Andreas Möckel den Saladin als doppelbödigen Potentaten, Niklas Bruhn den Tempelherrn als schroffen Menschenfeind. Johannes Bussler gibt einen kleinmütigen Klosterbruder, Klaus Fischer einen ebenso boshaften wie opportunistischen Patriarchen und Oliver Meskendahl einen windigen Al-Hafi. Überscharf gezeichnet erscheinen auch die Frauenfiguren. Elaine Cameron als aufbrausende Recha, Marie Bauer als hochfahrende Sittah und Cornelia Kempers als eigennützige Daja - sie alle erscheinen als Menschen, die religiösen Zwist und Diskriminierung so sehr verinnerlicht haben, dass jeder Dialog zum Rededuell avanciert. Jeder solle seiner „von Vorurteilen freien Liebe“ nacheifern, heißt es in Lessings Stück. In dieser „Nathan“-Version ist die Zeit, 234 Jahre nach der Uraufführung des Dramas, immer noch nicht reif für diese hehre Friedensvision. Hier weiterlesen: Botschaft der Toleranz - Lessings „Ernst und Falk“ in Osnabrück.

Sprache wird zur Waffe

Dominique Schnizer zeigt in Osnabrück den „Nathan“ in einer scharfkantige Version, die Konflikte herausstellt. Sprache wird dabei zur Waffe. Sie verliert jene Qualität, die Lessing ihr in seinem Text gegeben hatte - zum Medium einer Verständigung zu werden, die Spannungen nicht nur überbrückt, sondern sie nachhaltig zu vermitteln versteht. Der Osnabrücker „Nathan“ steht auf der Höhe einer Zeit, die von Terror, neuem religiösem Fundamentalismus und eiferndem Rechtspopulismus geprägt ist. In der stark gekürzten Version verliert der Text allerdings an diskursiver Tiefenschärfe und an sprachlicher Schönheit. Gleichviel. Das Theater Osnabrück bietet den Klassiker in einer Version, die neu zur Debatte taugt. Damit ist viel gewonnen. Hier weiterlesen: Osnabrücker Loge feiert 300 Jahre Freimaurerei .

Hier weiterlesen: Was sagen Vertreter der Religionen zu Lessings „Ringparabel“?


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN