Lessings Klassiker im Flüchtlingslager Theater Osnabrück: Nathan der Wellblech-Hütte

Der Klassiker im Flüchtlingslager: Hauptdarsteller Ronald Funke und Regisseur Dominique Schnizer im Bühnenbild des „Nathan“. Foto: Michael GründelDer Klassiker im Flüchtlingslager: Hauptdarsteller Ronald Funke und Regisseur Dominique Schnizer im Bühnenbild des „Nathan“. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Nathan der Weise im Flüchtlingslager? Das Theater Osnabrück holt Lessings Klassiker in die Gegenwart. Die Bühnen-Botschaft der Toleranz kollidiert mit dem Flüchtlingsdrama in der Wirklichkeit.

Der reiche Nathan wohnt prekär – zumindest in der Osnabrücker Version von Lessings Aufklärungsklassiker. Schauspieler Ronald Funke schlägt auf der Bühne des Theaters am Domhof einen Vorhang zurück. Links das Matratzenlager, rechts das Kochfeld, darüber das Wellblechdach: Die Hauptfigur aus „Nathan der Weise“ bewohnt kein wohlbestelltes Haus, sondern kampiert in der improvisierten Flüchtlingsunterkunft. „Nathan ist für mich eher ein Suchender, der wahrscheinlich scheitern wird“, beschreibt Funke seine Auffassung einer der berühmtesten Figuren der Theatergeschichte. Hier weiterlesen: Der Konflikt der Religionen - Jan Assmann im Interview .

Keine Klassikerweihe

Dominique Schnizer, Leitender Schauspielregisseur am Theater Osnabrück, will erst gar keine Klassikerweihe aufkommen lassen. Er stellt das Schauspiel mit der berühmten Ringparabel und ihrer Botschaft von der Versöhnung konkurrierender Religionen nicht nur mitten hinein in das Flüchtlingslager aus lauter windschiefen Hütten. Schnizer hat auch Menschen aus Syrien und kurdischen Gebieten, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, eingeladen, an der Inszenierung mitzuwirken. „Ich mache allerdings kein Dokumentartheater“, sagt Schnizer. Er will das Elend der Flüchtlinge fühlbar werden lassen, ohne in platten Realismus zu verfallen. Hier weiterlesen: „Ernst und Falk“ - Lessings Dialoge in der Osnabrücker Freimaurerloge .

Testfall für Toleranz

„Lessings Hoffnung hat sich nicht erfüllt.“ Wenn es um Lessings „Nathan“ und seine Wirkung geht, wird Schnizer deutlich. In vergangenen Jahren konfrontierten Regisseure das Versöhnungsstück auf der Theaterbühne mit dem Holocaust. Schnizer selbst stellte in einer früheren Nathan-Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven die Jerusalemer Klagemauer auf die Bühne. Nun macht er das Flüchtlingslager zum Testfall für Toleranz und Humanität und denkt den Rechtspopulismus gleich mit. „Der Schritt zu Intoleranz und Unfreiheit ist schnell gemacht“, sagt der Regisseur und fügt an: „Wir alle können Flüchtlinge werden.“ Wirklich sicher ist heute nichts mehr. Hier weiterlesen: Das Stadtprojekt des Theaters Osnabrück zu Lessings „Nathan“.

Text stark gekürzt

Diese Spannung will Schnizer auf die Bühne bringen. Sein „Nathan“ soll nicht versöhnlich scheinen, sondern von Auseinandersetzungen erzählen. Dafür haben Schnizer und Dramaturg Jens Peters den Text gleich um die Hälfte gekürzt. Vom Diskurstheater zum Konfliktstück? Genau das scheint der Kurs zu sein. Hier weiterlesen: 300 Jahre Freimaurerei - das Jubiläumsprogramm der Osnabrücker Loge.

Frage nach der Religion

Entsprechend groß scheint für Ronald Funke jene Herausforderung zu sein, die in der Figur des Nathan liegt. Der reiche jüdische Kaufmann stecke in der Klemme, meint Funke. Er soll Sultan Saladin Geld leihen und dann auch noch die strittige Frage nach der richtigen Religion beantworten. Nathan sei zum Handeln gezwungen, von den Umständen getrieben, will Funke in Lessings Figur keine weise Erhabenheit sehen. Funke spielt den Nathan übrigens zum ersten Mal. Vor Jahren verkörperte er Saladin – Nathans Gegenspieler. Hier weiterlesen: Ode an die Freude - es geht wieder um die Freiheit.


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