Ausstellung startet am 10. Juni 2017 Skulptur-Projekte: Kuratorin Wagner erläutert das Format



Münster. Wie wird verhandelt, was öffentlicher Raum ist? Warum kann auch eine Performance Skulptur sein? Marianne Wagner, Kuratorin am LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster, erläutert das Konzept der Skulptur-Projekte. Gemeinsam mit Kasper König und Britta Peters kuratiert sie die Ausstellung, die am 10. Juni 2017 beginnt.

Die fünften Skulptur-Projekte starten am 10. Juni. Was machen Sie derzeit – reisen Sie von einem Projektort zum nächsten quer durch das Stadtgebiet?

Die Tage vergehen wie im Flug, im Moment sind wir viel in der Stadt in den Ämtern unterwegs. Wir holen Genehmigungen ein oder klären Fragen vor Ort ab. Die konzeptuelle Vorbereitung geht nun in die Realisierung der Projekte über. Bei einigen Arbeiten hat die Produktion bereits begonnen, beispielsweise bei Koki Tanaka. Er hat bereits im Oktober Workshops durchgeführt und überführt nun das dabei entstandene Filmmaterial in eine Installation . Einige Werke entstehen in den Ateliers der Künstler, andere entstehen komplett vor Ort und dafür bereiten wir nun alles vor: Bei Nicole Eisenman zum Beispiel entstehen Figuren für einen Brunnen in der Promenade gerade in der Gießerei und in einem Studio, as Wasserbassin wird erst wenige Wochen vor dem Start installiert werden. Hier weiterlesen: Kunstformat in Münster - was sind eigentlich die Skulptur-Projekte?

Kein künstlerischer Begriff ist heute so ausgeweitet und damit vage geworden, wie derjenige der Skulptur. Was fangen die Skulptur-Projekte mit der Skulptur noch an?

Der Begriff hat sich weiter entwickelt unter anderem durch Beschreibungen wie „Installation“ oder „Intervention“. Das gilt auch für den Bezug zu den Orten, die manchmal eher situationsspezifisch sind und nicht mehr so sehr ortsspezifisch.. Das hat auch mit der Entwicklung der Medien zu tun. Ob Fotografie, Medienkunst, Malerei, Skulpur oder Performance – die Bereiche überlappen sich. Auch die Grenzen zwischen den Gattungen Tanz, Theater, Bildende Kunst oder Literatur sind fließend geworden, was durchaus produktiv ist. Man verliert nichts dabei, gewinnt aber die Möglichkeit, mit mehreren Medien zu hantieren . Die fünfte Ausgabe der Skulptur-Projekte wird Performances ebenso wie akustische Arbeiten umfassen. Hier weiterlesen: Genre der Kunst - was ist eigentlich eine Installation?

Was verbindet diese Genres – das gemeinsame Thema oder künstlerische Verwandtschaft?

Die Skulptur-Projekte waren noch nie eine Themenausstellung, sondern immer ein Schnitt in der Zeit, eine Momentaufnahme im Zehn-Jahres-Rhythmus. Die Frage nach Skulptur lässt sich schon lange nicht mehr auf Bildhauerei und die klassischen Fragen von Form und Material beschränken. 2017 wird es mehrere Arbeiten geben, bei denen unterschiedliche Aufführungsformate eine Rolle spielen – ein Thema mit dem wir uns auch kuratorisch auseinandersetzen. Die Arbeit „Kabuki Noir Münster“ von Monika Gintersdorfer und Knut Klaen im Pumpenhaus entwickelt sich ständig weiter. Die Besucher werden immer wieder anderes Stadium sehen und eine Stückentwicklung mit verfolgen können, wenn sie den Standort besuchen. Der Beitrag von Xavier Le Roy und Scarlett Yu hingegen hat keinen festen Ort. Die Künstlerinnen initiieren irgendwo im Stadtraum kurze Zwiegespräche zwischen Passanten und den Personen, die das Werk aufführen. Diese Gespräche lösen sich wieder auf. Es bleibt die Erfahrung, die die Menschen dabei gemacht haben werden. Diese Arbeit findet so überall und zu jeder Zeit statt. Die Körper der Beteiligten bilden im Moment eine Konstellation. Der Körper ist ein klassisches Thema der Skulptur, das auch von anderen Künstlerinnen aufgegriffen wird. Alexandra Pirici wird den menschlichen Körper mit ihrer Performance im Friedenssaal des Rathauses in ein Verhältnis zur Geschichte und zum Raum stellen. Hier weiterlesen: Vor 40 Jahren - Ulrich Rückriems Skulptur provoziert Münster.

Die Münsteraner Projekte setzen nicht nur als Kunstausstellung Maßstäbe. Sie werden auch als Zeitdiagnose verstanden. Welche Zeitthemen stehen 2017 im Mittelpunkt?

Ich verstehe unsere Ausstellung weniger als Diagnose, eher als Pulsmesser. Dafür ist der Rhythmus von zehn Jahren zwischen den Ausgaben der Skulptur-Projekte enorm wichtig. Nur dieser Zeitabstand macht es möglich, eine Bilanz zu ziehen und Veränderungen festzustellen. So können wir beobachten, wie sich die Biografie einer künstlerischen Arbeit verändert hat und welche Fragen sie in ihrem Umfeld aufwirft. Das lässt sich an den Skulpturen im Stadtraum von Münster, also an der öffentlichen Sammlung, besonders gut nachvollziehen,. Mit der städtebaulichen Situation verschiebt sich auch der Stellenwert einzelner künstlerischer Beiträge. 2017 ist das Thema der Zeit und die Veränderung des öffentlichen Raums nach wie vor relevant. Körper und Identitäten verschwinden in digitalen Räumen. In dieser Ausgabe der Skulptur Projekte steht das Verhältnis von öffentlich und privat deshalb nochmals anders zur Debatte als in den Ausstellungen zuvor. Wir wollen auch schauen, wie der Raum des neuen Landesmuseums in der Stadt funktioniert und welche Idee von Öffentlichkeit in diesem institutionalen Rahmen möglich ist. Veränderungen lassen sich in der Stadt insgesamt beobachten, was die Wahrnehmung der Ausstellung betrifft: Die Wahrnehmung der Skulptur-Projekte hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. 1977 gab es noch eine starke Ablehnung gegen die Skulptur Projekte. Daraus ist aber immer stärker eine Umarmung geworden. Aus der Sicht des Stadtmarketings erhöhen die Skulptur-Projekte die Attraktivität der Stadt Münster und Westfalen enorm – und damit müssen wir auch umgehen, denn die Autonomie und der kritische Blick sind seit der ersten Edition 1977 eine Voraussetzung für die Ausstellung. Hier weiterlesen: Skulptur-Projekte Münster fragen nach Kunst im öffentlichen Raum.

Die Skulptur-Projekte haben geholfen, Kunst im öffentlichen Raum zu etablieren. Wie haben sich Begriff und Wirklichkeit des öffentlichen Raumes in den letzten Jahren verändert?

Öffentlicher Raum ist vor allem Verhandlungssache. Er ist nicht statisch, er ändert sich permanent, was seine Regeln und Funktionen angeht. In einer Stadt wie Münster ist kein Quadratzentimeter mehr frei und der Raum ist stark durch ökonomische Interessen besetzt. Dabei geht es weniger um den Besitz, als um geschäftliche Interessen, die den Raum prägen. Neue Fragen ergeben sich auch bezüglich Ängsten, die öffentliche Orte prägen können. So ist in Münster die Unterführung zwischen der Frauenstraße und dem Schloss schon vor Längerem als „Angstort“ definiert und geschlossen worden. Dieser Ort hat für die Skulptur-Projekte immer wieder eine Rolle gespielt, etwa mit der Entstehung der Arbeit „Tallow, Unschlitt“ 1977 von Joseph Beuys. In diesem Jahr planen wir in dieser Unterführung einen Teil einer Arbeit von Aram Bartholl. Zudem lässt sich der öffentliche Raum nicht mehr auf ein städtisches Gebiet reduzieren. Mediale Räume wie das Internet spielen ebenso eine Rolle wie Formen der Kommunikation. Hier weiterlesen: Riese der Skulptur - Henry Moore in Münster.

City und Aasee – diese Areale der Stadt werden von den Skulptur-Projekten seit jeher bespielt. Das wird auch 2017 nicht anders sein. Welche ungewöhnlichen Orte werden denn bespielt?

Die Werke verteilen sich 2017 über das ganze Stadtgebiet und die Besucherinnen und Besucher werden viel von der Stadt selbst sehen auf ihren Wegen zu den Werken. . Einige künstlerische Beiträge planen wir im und um das Landesmuseum und rund um das Pumpenhaus, wo auch ein Infostandort eingerichtet werden soll. Das Pumpenhaus ist ein wichtiger Standort und liegt nur einen Steinwurf vom Wienburgpark entfernt, wo sich auch ältere Arbeiten, wie die Baumreihen von Maria Nordmann befinden. Genau in der anderen Richtung entsteht im Süden der Stadt eine Skulptur von Hreinn Fridfinnson im kaum bekannten aber idyllischen Sternbuschpark. Der Aasee spielt insofern eine Rolle, dass die Besucherinnen und Besucher entlangbekannter älterer Skulpturen von Claes Oldenburg, Rosemarie Trockel oder Donald Judd vorbeiradeln können um zum Haus Kump zu kommen. Dort entsteht auf einer Wiese vor der Handwerkskammer ein Beitrag von Ei Arakawa Dieses Mal werden wir mehrere Standorte haben, die ungewöhnlich sind – Projekte entstehen auch in einem ehemaligen Asia-Laden, imFriedenssaal im Rathaus und der alten Eissporthalle. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - die Welle der Künstlerfilme .

36 Arbeiten vergangener Ausgaben der Projekte finden sich im Stadtraum Münsters. Bleiben die alle an ihrem Ort oder wird auch daran gedacht, sich von einzelnen Arbeiten zu trennen?

Wir haben auf unserer Internetseite gerade alle Arbeiten der bestehenden öffentlichen Sammlung neu beschrieben und den heutigen Stand fotografiert. Die Werke gehören teilweise der Stadt, der Universität oder dem Museum und für alle Institutionen bedeutet der Besitz auch, dass sich jemand um die Werke kümmert. Das kann auch bedeuten, sich von einer Arbeit zu verabschieden. 2016 wurde das „Auto Office House“ von Kim Adams abgebaut. Das Werk befand sich auf einer ehemaligen Tankstelle. bei einem Sturm war 2014 ein Baum auf die Arbeit gefallen und hatte sie stark beschädigt. Das „Auto Office House“ bleib nach 1997 ohne weitere Regelung stehen, obwohl es von vornherein nicht als ständige Arbeit geplant war. Die Ausstellung selbst ist immer temporär angelegt. Doch wenn ein Werk erworben wird, sieht es anders aus. Auch Matt Mulligans Werk „Cosmology“ ist beschädigt und die Standortfläche im Universitätsgelände wird zukünftig überbaut. Doch hier versuchen wir eine Lösung für den Erhalt der Arbeit zu finden. Hier weiterlesen: Durch Mauern gehen - die Autobiografie von Marina Abramovic .

Sprechen wir über die Künstlerliste. Wie viele Namen stehen denn schon fest – und auf wen freuen Sie sich besonders?

Insgesamt werden etwa 35 Arbeiten ausgestellt, dazu kommen einige Projekte, die wir als Satelliten bezeichnen. Aus kuratorischer Sicht freuen wir uns auf alle Beiträge, denn jede Arbeit hat eigene Qualitäten. Nicht alle Arbeiten eignen sich für den Ankauf. Manche sind vergänglich angelegt. Welche Arbeiten besonders Aufmerksamkeit bekommen kommt auch auf die gesellschaftliche Brisanz und die Reaktion des Publikums an. Denken Sie an die gelbe „Madonna“ von Katharina Fritsch auf der Salzstraße. Die Reaktionen der Besucher auf diese kleine Figur haben dazu geführt, dass die Wahrnehmung zu einem Teil dieses Werkes wurde. Hier weiterlesen: Stiller Star der Skulptur - zum Tod von Reiner Ruthenbeck.

Die Skulptur-Projekte werden 2017 mit Marl erstmals einen Außenstandort haben. Bürgerstadt und Arbeiterkommune – wie spannungsreich wird diese Konstellation?

Die Skulptur-Projekte finden in Münster statt, Marl ist kein Außenstandort, sondern integraler Bestandteil der gesamten Ausstellung. Wir werden zwischen den Städten Skulpturen tauschen und vor Ort Projekte in Kooperation mit dem Museum Glaskasten Marl Projekte realisieren. Damit befragen wir auch die unterschiedliche Entwicklung der Standorte. , bsonders derInnenstadtkerne. Nach dem Zeiten Weltkrieg gab es für Marl eine urbane Vision,in Münster setzte man mehr auf Rekonstruktion der Altstadt. Was beide Städte miteinander verbindet, sind die Skulpturen. Marl hat das Thema sogar früher aufgegriffen. Wir wollen anhand beider Orte diskutieren, wie Kunst den öffentlichen Raum verändert. Lesen Sie auch: Das Superjahr der Kunst - was 2017 die Kunstwelt bewegen wird. Eine Vorschau.

40 Jahre nach ihrer ersten Ausgabe müssen sich die Macher der Skulptur-Projekte mit der Geschichte des Formats beschäftigen. Wie geschieht das?

Bei den Skulptur-Projekten 2007 gab es ja schon eine Präsentation mit Archivalien. 2017 fokussieren wir mit einer parallel gezeigten kleinen Ausstellung die Beiträge von Michael Asher.. Ashers Caravan war der Beitrag, der kontinuierlich an allen bisherigen vier Ausgaben der Skulptur-Projekte präsent war. In den ausgestellten Dokumenten wird sichtbar, welche Entscheidungsprozesse dazu geführt haben, und wie diese Beiträge auch die Geschichte der Skulptur Projekte teilweise miterzählen können. Anders wird dieses Mal der Katalog. Statt eines schweren Buches publizieren wir einen leichten und erschwinglichen Katalog. Er hat den Charakter eines Magazins, passt in die Tasche und enthält thematische Esseays. Für 2018/19 planen wir eine große Monografie, die die bisherigen fünf Ausgaben der Projekte in den Blick nehmen wird und Material aus dem Archiv der Skulptur Projekte enthält. Dabei werden Fragen zur Entwicklung der Skulptur, aber auch zur Verwandlung der Stadt durch Kunst behandelt werden. Hier weiterlesen: Künstlerpaare zwischen Symbiose und Konkurrenz.

Am LWL-Museum für Kunst und Kultur läuft ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Skulptur-Projekte an. Was soll erforscht werden?

Das von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt bezieht sich auf den Bestand des Archivs der Skulptur-Projekte. Es ist ein Kooperationsprojekt mit Frau Prof. Dr. Ursula Frohne von der Universität Münster, bei dem die Forschung im Museum in Zentrum steht. Zum Vorhaben gehört deshalb auch ein Dissertationsprojekt und ein Netz von Kooperationen. Über 80 Laufmeter Akten, Modelle und andere Archivdokumente sollen inhaltlich aufgearbeitet werden. Dazu gehört eine Bestandsaufnahme, aber vor allem die Bearbeitung von Themenfeldern. Es geht nicht nur um die Geschichte selbst, sondern auch um Organisation und Ausstellungsformate der Skulptur-Projekte. Wir wollen aber auch erkunden, wie wir mit unserem Bestand umgehen und wie wir diesenin Ausstellungen präsentieren. Es gibt auch Ideen, das Archiv auf Reisen zu schicken oderes im öffentlichen Raum präsent zu machen. Das Forschungsprojekt wird aber auch Fragen behandeln, die in die Zukunft weisen. Beispielsweise die Frage, ob und wie das Ausstellungsformat weitergeführt werden soll. Hier weiterlesen: Kunststars im Gespann - Museen setzen auf Konflikt.


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