Famoses Solokonzert Brad Mehldau bringt den Jazz in die Elbphilharmonie

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Der Melancholiker unter den Jazzern: Brad Mehldau hat den Jazz und Johann Sebastian Bach in der Elbphilharmonie eingeführt.Foto: Michael WilsonDer Melancholiker unter den Jazzern: Brad Mehldau hat den Jazz und Johann Sebastian Bach in der Elbphilharmonie eingeführt.Foto: Michael Wilson

Das Eröffnungsfestival der Elbphilharmonie ist den nächsten Schritt gegangen: Brad Mehldau hat den Jazz in den Großen Saal gebracht. Und Johann Sebastian Bach.

Das dritte „B“ der Musikgeschichte ist in die Elbphilharmonie eingezogen: Nach Beethoven und Brahms war nun erstmals Johann Sebastian Bach zu hören. Ein Jazzer hat dem barocken Meister des Kontrapunkts das Entree verschafft: Brad Mehldau holt ihn mit Präludium und Fuge f-Moll aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers in den Großen Saal und ins Zentrum seines Konzerts. Weiterlesen: Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti - und der Kleine Saal

Entree für den Jazz

In erster Linie trägt Mehldau natürlich den Jazz ins neue Konzerthaus, und zwar ganz allein. Und so sitzt er auf einem Klavierschemel, der viel zu niedrig aussieht für den langen, schlanken Mann, den Kopf tief über die Tastatur gebeugt, und beginnt mit „Dream Brother“ des früh verstorbenen Sängers und Songwriters Jeff Buckley. Er spielt dabei einen klassischen vierstimmigen Satz, als hätte er eine Choralmelodie für gemischten Chor gesetzt. Wie es für Mehldau typisch ist, entwickelt der sich um einen zentralen Ton, der wie eine Achse das Spiel zentriert. In den oberen Regionen der Klaviatur schwebt das Songthema, darunter steigt in brodelnden Akkorden die Hitze. Je höher die Akkordsuppe kocht, desto mehr fragmentiert Mehldau das Thema; das ist wie eine chemische Verbindung, die sich unter Hitze in ihre Bestandteile zerlegt. Irgendwann taucht das Thema wieder auf, diesmal in der Tenorlage, und schließlich kehrt Mehldau zum vierstimmigen Satz zurück, zu der schlichten Schönheit, mit der das Stück und der Abend begonnen haben. Zwanzig Minuten hat diese Reise um die Welt gedauert.

Radiohead im kontrapunktischen Diskurs

Es ist kein Wunder, dass Mehldau irgendwann bei Bach landen wird: Der Pianist aus Florida ist ausgewiesener Liebhaber der deutschen Musik und der deutschen Kultur. Wie auf der Box mit Aufnahmen seiner Solokonzerte dokumentiert, hat er gern mal ein Brahms-Impromptu in seine Soloabende eingestreut, an diesem Tag liegen neben aktuellen CDs die Noten seiner „Three Pieces after Bach“ aus; das war sein ausdrücklicher Wunsch. Und egal, ob er Songs von Jeff Buckley spielt oder später von Radiohead („Little by Little“): Auch die werden gewissermaßen kontrapunktisch diskutiert. Mehldaus Vokabular ist dabei denkbar vielfältig: Blues wie im Jazzstandard „I Fall in Love Too Easily“. Bebop-Swing beim Rodgers-and-Hart-Klassiker My Heart stood still“. Weiterlesen: Das Philharmonische Staatsorchester in der Elbphilharmonie

Bach hingegen spielt er klassich-puristisch, ohne Firlefanz und ohne Pedal. Allerdings ist es vermutlich kein Zufall, dass er ausgerechnet dieses düstere f-Moll-Paar gewählt hat Mehldau ist eben der Melancholiker unter den Jazzpianisten. Die anschließende Fuge wird noch düsterer, das aber mit großem Faltenwurf: Geradezu manisch-nervös stanzt Mehldau Akkorde in die Tastatur, bis der Steinway anfängt zu klingeln, es entstehen flirrende Klangflächen, und immer wieder hebt das Bach entlehnte Thema seinen Kopf aus der fließenden Klangmasse.

Doch Mehldau hat auch ein Lächeln übrig, zumal an diesem Abend, zumal an diesem Ort. Es ist ihm ein Anliegen, in Deutsch für die „Ehre, für Sie hier zu spielen“ zu danken, und auch wenn ihm das deutsche Idiom schwer über die Lippen geht, ist er charmant und herzlich. Auch musikalisch scheint öfter die Sonne durch die neblige Melancholie: Bei „My Heart stood Still“ oder im Zugabenblock bei „How long has this going on“ von George Gershwin. In solchen Jazzstandards erinnert Mehldau mit satten Blockakkorden auch mal an ein Vorbild wie Oscar Peterson, und der war ja nun nicht nur ein famoser Virtuose, sondern die personifizierte gute Laune am Klavier. Und die hatte Mehldau bei seinem Debüt in der Elbphilharmonie zweifelsohne auch.


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