Religionskritiker im Theater Osnabrück Jan Assmann: Emotion für Freiheit und Flüchtlinge

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„Totale Religion?“: Unter dieser Überschrift diskutierten Jens Peters, Leitender Schauspieldramaturg am Theater Osnabrück, Kulturwissenschaftler Jan Assmann und Ralf Waldschmidt, Intendant des Theaters Osnabrück (von links). Foto: Michael Gründel„Totale Religion?“: Unter dieser Überschrift diskutierten Jens Peters, Leitender Schauspieldramaturg am Theater Osnabrück, Kulturwissenschaftler Jan Assmann und Ralf Waldschmidt, Intendant des Theaters Osnabrück (von links). Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Empathie für Flüchtlinge und Begeisterung für Europa forderte der Kulturwissenschaftler Jan Assmann im Theater Osnabrück.

Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann fordert Mut im Umgang mit dem Terrorismus. „Es geht um die Frage, wie weit wir uns vom Terror einschüchtern lassen“, sagte Assmann am Abend des Montag, 16. Januar 2017, im Theater Osnabrück vor rund 250 Zuhörern. Der auch als Religionskritiker bekannt gewordene Assmann forderte dazu auf, jetzt Emotionen zu zeigen. Jetzt sei mitfühlende Empathie für das Schicksal der Flüchtlinge ebenso gefordert wie Begeisterung für das Projekt Europa. „Emotionen dürfen wir nicht den Hasspredigern überlassen“, sagte Assmann weiter und forderte Kulturmacher auf, gerade jetzt für Emotion zu sorgen. Jan Assman war bis 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg.Mit seinen Büchern zu Zeit und Gedächtnis sowie zu Mozarts „Zauberflöte“ und mit seinen Thesen zur Kritik an monotheistischen Religionen wurde Assmann einem breiten Publikum bekannt. Hier weiterlesen: Dialog mit den Friedfertigen - Jan Assmann im Interview.

Monotheismus und Gewalt

Wie Gefühl und Vernunft zusammengehen könnten, sei anhand von Stücken wie Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ und Lessings Schauspiel „Nathan der Weise“ auch heute noch nachzuvollziehen, sagten Theaterintendant Ralf Waldschmidt und der Leitende Schauspieldramaturg Jens Peters. Waldschmidt und Peters hatten Jan Assmann im Rahmen des Themenschwerpunktes „Aufklärung“ in der Spielzeit 2016/2017 zu einer Diskussionsveranstaltung in das Obere Foyer des Theaters Osnabrück eingeladen. Mit der Überschrift „Totale Religion?“ spielte die Veranstaltung auf Assmanns aktuelles Buch über den Zusammenhang von Monotheismus und Gewalt an. Hier weiterlesen: Wie war die „Zauberflöte“ am Theater Osnabrück?

Gegen absolute Herrschaft

Assmann stellte in weit angelegten religionsgeschichtlichen Ausführungen dar, wie Religion im Zeichen unbedingter Treue und apokalyptischer Endzeiterwartung total werden kann - und plädierte dafür, mit Religion reflexiv umzugehen. Wer ein geschichtliches Verhältnis zu Religion herstelle, könne auch ihre möglichen Gewaltpotenziale entschärfen, sagte Assmann weiter. Im 18. Jahrhundert hätten die Aufklärer Wege gefunden, um den absoluten Anspruch von fürstlicher Herrschaft, Religion und Zensur zurückzuweisen. Nach den Worten von Assmann waren die Logen der Freimaurer Freiräume, in denen der offene Austausch einer freien Gesellschaft geprobt worden sei. „Man probierte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, sagte Assmann. Hier weiterlesen: Birga Ipsen hat Lessings Freimaurerdialoge „Ernst und Falk“ inszeniert.

Freiraum im Theater

Die Künste und insbesondere das Theater seien Medien für die Einwirkung der Freimaurer auf die Gesellschaft gewesen, sagte Jan Assmann und verwies auf Lessing und Mozart. Lessing habe im Theater einen von der Zensur freien Raum gefunden und dort mit „Nathan der Weise“ sein Plädoyer für Toleranz platziert. Assmann schilderte Mozart als „hochgebildeten Freimaurer“, der gemeinsam mit dem Theaterdirektor Emanuel Schikaneder die „Zauberflöte“ entwickelt habe. Damals sei es darum gegangen, mit der Kunst brisante und verdrängte Themen zur Sprache zu bringen. Dies sei auch heute wieder auf Aufgabe der Künste, sagte Assmann. Hier weiterlesen: Lessings „Ernst und Falk“ im Osnabrücker Logenhaus.

Schuld des Westens

Assmann, Peters und Waldschmidt waren sich darin einig, dass heute auch im Hinblick auf die Aufklärung ein reflexives Verhältnis angezeigt sei. Der Westen könne sich auf den Errungenschaften des 18. Jahrhunderts nicht ausruhen. Assmann verwies auf die „Schuldgeschichte des Westens“ im Zeichen des Kolonialismus und auf die aktuellen Auswüchse des Kapitalismus, die Botschaften von Freiheit und Recht unglaubwürdig machten. „Religionen gibt es im Plural. Was es im Singular geben muss, ist eine säkulare Ethik“, bekannte sich Assmann abschließend zu neuen Anstrengungen für eine gerechte Friedensordnung und universale Menschenrechte. Hier weiterlesen: Starke Konzepte der Toleranz - der Philosoph Heiner Hastedt im Interview.


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