Reformation im Rock-Gewand Pop-Oratorium Luther: Tournee-Auftakt in Hannover

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Des Kaisers neue Kleider: 
              
              Das Pop-Oratorium interpretiert Luther modern. Foto: dpa Des Kaisers neue Kleider: Das Pop-Oratorium interpretiert Luther modern. Foto: dpa

HANNOVER. Das große Pop-Oratorium „Luther“ feierte in der Hannoveraner TUI-Arena einen umjubelten Auftakt zu einer Tournee, die das stimmgewaltige Spektakel im Jubiläumsjahr der Reformation noch in neun weitere Städte führen wird.

Vor rund drei Monaten in Dortmund erfolgreich uraufgeführt, überzeugten auch in der Landeshauptstadt die mehr als ein Dutzend Musical-Stars, die zwischen dem Jungen Orchester NRW und einer siebenköpfigen Rockband die Geschichte des Reformators erzählten. Die eigentlichen Stars des Abends befanden sich aber um sie herum auf den Rängen, wo ein Megachor aus regional gecasteten Laien die professionellen Protagonisten stimmkräftig unterstützte. Ein „Projekt der tausend Stimmen“ sollt es laut der veranstaltenden Stiftung Creative Kirche aus Witten werden. Bereits in der ersten von zwei aufeinanderfolgenden Aufführungen in der TUI-Arena waren es allerdings fast 1300, nicht nur evangelische Männer und Frauen im Alter von 7 bis 86 Jahren, die für eine beeindruckende akustische Kulisse sorgten.

Auseinandersetzung mit der Person

Nichtsdestotrotz war es im Kern aber eine Rock-Oper, die mit einem prägnanten Libretto von Michael Kunze in 20 Szenen und mit ebenso vielen Stücken aus der Feder des renommierten Komponisten Dieter Falk inszeniert wurde. Als thematischer Ausgangspunkt wurde dabei der Prozess gegen den vermeintlichen „Ketzer“ Martin Luther im Reichstag zu Worms vier Jahre nach seinem Thesenanschlag gewählt. Von dort aus erinnerte Sophie Berner als Luthers Jugendfreundin Lara kanonisch an jenes Schlüsselerlebnis, dass seinen Glauben daran, dass allein Gottes Wort zählt, manifestiert hat - und half ihm am Ende reprisenhaft, eine Antwort auf seine eigenen Fragen zu finden, die ihn zur Flucht trieb, aber auch Zuflucht hat finden lassen. Auch im wörtlichen Sinne wurde dann sukzessive ausbuchstabiert, wer der von Frank Winkels gespielte Luther eigentlich gewesen ist, ohne ihn dabei aber plakativ zu verklären. Vielmehr zeichnete das Ensemble das Bild eines von Selbstzweifeln und Gewissenskonflikten geplagten Menschen, der aber letztlich Rückgrat bewies, indem er dem päpstlichen und kaiserlichen Druck zur Selbstverleugnung standhielt und so auch und gerade heute noch ein historisches Vorbild dafür sein, sich treu zu bleiben und sich das „Selber Denken“ nicht nehmen zu lassen.

Mitreißende Ohrwürmer

Dafür plädierte dann auch einer der vielen Ohrwürmer des Oratoriums, die das Zeug haben, auch weit über das Jubiläumsjahr hinaus zu gern gesungenen „evangelischen Schlagern“ zu werden, wie auch Schirmherrin Margot Käßmann im Vorfeld des Tour-Auftakts konzedierte. Hitverdächtig wurde im mitreißenden Gospelstil „Wir sind Gottes Kinder“ gesungen oder hymnisch verkündet: „Die Wahrheit ist ein scharfes Schwert“, wovon auch Luther ein Lied singen konnte, dessen Ringen um biblische Wahrhaftigkeit auch seinerzeit bereits in gesungener Form weitergetragen wurde. Auch, inwieweit die Erfindung des Buchdrucks es dem Reformator ermöglichte, seine Gedanken multiplikativ zu verbreiten, wurde optisch und musikalisch ansprechend thematisiert. 500 Jahre später scheint ein modernes, eingängiges Musical ein probates Mittel dafür zu sein.


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