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Blick hinter die glatte Oberfläche des medialen Bildes

MIT DER KRAFT DER COLLAGE: Werner Büttner in seiner Osnabrücker Ausstellung.MIT DER KRAFT DER COLLAGE: Werner Büttner in seiner Osnabrücker Ausstellung.

Welch schlechte Zeiten für Satire: Wer sich heute kompromittiert sieht, bekommt keine Schamesröte im Gesicht, sondern nimmt das moralische Desaster schlicht als Werbewert im Aufmerksamkeitsgetümmel der Medien. Promis von Dieter Bohlen bis Tatjana Gsell führen unverfroren vor, wie gut das funktioniert.

Hat da der Moralist noch eine Chance - mit seinem kompromittierenden Material, kurz "Kompromat"? So nennt Werner Büttner jedenfalls seine Ausstellung in der Osnabrücker Kunsthalle Dominikanerkirche (wir berichteten), in der er 194 Arbeiten versammelt, die seit 1998 entstanden.

Werner Büttner, der mit dem flotten Wort "Kunstrebell" auch sein Medienlabel bekommen hat, setzt jedenfalls unverdrossen auf die subtile Kraft der Subversion, die immer dann freigesetzt wird, wenn Bildmaterial aus seinem Kontext gelöst und in überraschende Konstellationen eingefügt wird. Das dazu- gehörende Verfahren stellt die Moderne des 20. Jahrhunderts bereit: die Collage. Also fischt Büttner im Bilderstrom von Magazinen, Fernsehen und Internet, schneidet aus und fügt zusammen, um hinter die glatte Oberfläche des medialen Bildes zu gelangen. Bei ihm schweben Schweine über dem Plattenteller, hängt der Beuys'sche Filzanzug vor der Wärmflasche, liegt die Käsescheibe über Bahngleisen.

Solch wohl kalkulierter Unsinn hat seine Väter in Künstlern von Magritte bis Dalí - und ist eben deshalb längst selbst zu einer Manier der Kunst geronnen. Der blanken Routine entkommt da nur der Künstler, dem sein Überraschungscoup immer wieder gelingt. Werner Büttner verfügt über genügend anarchischen Witz, um aus dem Widersinn skurriler Konstellationen Funken zu schlagen. Der Preis dafür ist jedoch hoch: Er besteht in einer Kunst, die stets an zeitgeschichtliche Anlässe gebunden bleibt und sich folglich nur als fortlaufender Kommentar entfalten kann.

Doch Werner Büttner macht in dieser Ausstellung immerhin klar, was ihn beim Kampf gegen den sich täglich erneuernden Widersinn der so genannten Wirklichkeit durchhalten lässt - intakte Moral und der Glaube an die entlarvende Kraft der Diagnose. Also hängt er über Eck - wie 1915 Kasimir Malewitsch sein "Schwarzes Quadrat" - einen dräuenden Christuskopf als stumme Mahnung und zeigt ansonsten das Sofa von Sigmund Freud als Jahrhundertmöbel. Mag sich Büttner sonst hinter tausend Masken flüchten - in diesen Punkten hat auch seine ironische Weltsicht ihre festen Anker.

Vor diesem stärkenden Hintergrund lässt es sich bestens bissig sein. Also stellt Büttner eine zersplitterte Cola-Flasche als Monument einer taumelnden Weltmacht vor den roten Theatervorhang, stülpt ihr einen Pappkarton mit Sehschlitzen über und zitiert ganz nebenbei noch die traurigen Holzfigurinen, die Giorgio de Chirico in seinen legendären Bildern vor Jahrzehnten auf Bretterbühnen stellte. Oder er versieht den schwarzen Pudel mit geröteten Menschenaugen, nennt das Ganze "Der Kern des Genoms" und liefert damit eine "Faust"-Persiflage unserer Zeit. Das alles kommt flott daher wie die krachende Kritik an UNO-Wächtern, die furchtbare Massaker unter ihren Augen geschehen ließen ("Wachschaf"), und lässt doch immer wieder eigentümlich kalt.

Denn Büttners Kritik ist stets so sehr auf der richtigen Seite, dass niemand seine Zustimmung verweigern muss. Selten genug erreichen seine Bilder eine Ebene, wie sie René Magritte mit seinen surrealen Kompositionen definierte - nämlich die jenseits aller existenziellen Sicherheit. Trotzdem: Die Schau stellt eine wichtige künstlerische Position umfassend vor. Leider ist der Katalog ein Ärgernis. Er zeigt nämlich allzu viele Arbeiten, die jetzt gar nicht zu sehen sind.

Osnabrück, Kunsthalle Dominikanerkirche: Werner Büttner: Kompromat. Neue Arbeiten. Eröffnung: Samstag, 21. Januar, 18 Uhr. Bis 9. April. Katalog 22 Euro.