Martin Walsers große Abrechnung Neuer Roman: „Statt etwas oder Der letzte Rank“

Am Beginn seines Endzeitwerkes? Der Schriftsteller Martin Walser publiziert „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Foto: dpaAm Beginn seines Endzeitwerkes? Der Schriftsteller Martin Walser publiziert „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Foto: dpa

Osnabrück. „Statt etwas oder Der letzte Rank“: Martin Walsers neuer Roman handelt von letzten Hoffnungen und verzweifelten Abrechnungen. Kein gelungenes Buch.

Martin Walser räumt auf. Rechnet ab. Sagt adé. Martin Walser hebt sich über das „Interessengewusel“, wettert über die „Erzlüge Utopie“, wirft das „Wahrheitsgewerbe“ fort. 52 kurze Kapitel hat sein neuer Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Und in jedem Abschnitt formuliert der Romancier Sätze, die nach Vermächtnis klingen. „Zur Friedensfeier komm ich, sagt mir, wohin“, flötet Walser am Ende seines Buches - und wirkt doch immer wieder bitter, wenn er sich in Abrechnungen verstrickt. Dafür findet er reichlich Stoff. Ob der Freund, der ihn enttäuschte, die Quälgeister aus der Kulturkritik oder die Großkonkurrenten im Kampf um den Platz auf dem Thron des Dichterfürsten - Martin Walser kann von Zank und Selbstbehauptung nicht lassen, auch jetzt nicht. Hier weiterlesen: Über Liebe und Lebensende - Walsers „Ein sterbender Mann“ .

Alterswerk startet mit „Ein liebender Mann“

Seit dem brillianten Roman „Ein liebender Mann“ (2008) entfaltet Walser sein Alterswerk. Die Romane „Muttersohn“ (2011) und „Das dreizehnte Kapitel“ (2012) markierten dessen wesentliche Stationen, das Buch „Ein sterbender Mann“ womöglich dessen Abschluss. Was kommt danach? Ein Endzeitwerk. Walser hatte seinen „sterbenden Mann“ über ein Leben nach dem finalen Bruch mit Frau und Freund hinaus nach einer neuen Leidenschaft greifen lassen. Nun kappt der Autor auch diese Option finaler Waghalsigkeiten. Nachdem alle „Verführungsfeuerwerke“ abgebrannt sind, will Walser nur noch Sätze, die nach ungetrübter Überschau klingen. Und ein Leben im reinen Raum. Hier weiterlesen: Der Sprachgenießer - zum 85. Geburtstag von Martin Walser.

Erotisch aufgeladene Begegnungen

Natürlich gibt es gerade den bei Walser nicht. Das liegt nicht nur an einer Schreibweise, die ihren Antrieb zu gewohnt virtuosen Wortfindungen wie „Sinnlieferungsdienst“ oder „Selbstvergrößerungssucht“ aus der erotisch aufgeladenen Begegnung mit Welt und Menschen bezieht. Auch in diesem Büchlein vorgeblicher Entrücktheit gibt es „Alexandras Körper“, der „überall gegen ihren Kleidungsglanz“ drängt. Wichtiger als das „Sexualbrimborium“ sind aber die Kritiker, die dem Autor spürbar zugesetzt haben. Und seitenlang bekrittelt er jenen Autor, der immer „im Namen des Großganzen“ tadelte und kritisierte. Rechnet Walser hier mit Günter Grass ab? Es wirkt so. Und Walser bekennt: „Aber anstatt ihn genussvoll zu verachten, pflügte mich der Neid“. Hier weiterlesen: Martin Walsers „Das dreizehnte Kapitel .

Letzte Windung des Weges

Das gesucht wirkende Wort „Rank“, das Walser für den Titel seines Buches benutzt, bezeichnet jene letzten Windung des Weges, die über Horizonte des Gewohnten hinweg führt. Aber letzte Weisheit hat der Romancier in seinem neuen Buch nicht zu bieten. Dafür zeigt sich der Autor zu sehr verstrickt in die Nachwirkungen von Kontroversen wie jener um seine Paulskirchen-Rede zum Gedenken an den Holocaust 1998 oder der hitzigen Debatte um seinen Roman „Tod eines Kritikers“ von 2002, einer nach Meinung vieler Beobachter kaum verschlüsselten Abrechnung mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Hier weiterlesen: Walser entdeckt die deutsche Schuld - sein Buch über Autor Abramovitsch.

Walser zeigt seine Wunden

„Statt etwas oder Der letzte Rank“: Dieses Buch weist keinen Weg zu überlegener Einsicht. Martin Walser zeigt seine Wunden. Darum geht es eigentlich in diesem Buch. Selten gelingen Kapitel wie jenes über die Begegnung mit einer Frau, die Blumenbeete nach ihren verflossenen Liebschaften zu finaler Lebensüberschau angeordnet hat. Für den Erzähler bleibt nur der Abschiedsschmerz des Jongleurs eines Künstlerlebens: „Viel sprach dafür, dass ich bald die Bälle fallen lassen musste und mich selber auch“. Hier weiterhören: Die Tango-Stücke aus Martin Walsers Roman.


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