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Chris Pratt spielt schlecht Jennifer Lawrence in „Passengers“: Robinson im Weltall

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Berlin. In „Passengers“ stranden Chris Pratt und Jennifer Lawrence im All. Morten Tyldum macht die Robinsonade zum müden „Titanic“-Abklatsch. Zur Filmkritik.

„Passengers“: Wovon handelt der Film mit Chris Pratt?

Über 5000 Menschen reisen auf der Avalon zur Weltraumstation Homestead. Die Fahrtzeit überbrücken Crew und Gäste im künstlichen Tiefschlaf. Einer wacht zu früh auf – 90 Jahre vor der Ankunft. Auf den verlassenen Fluren der Raumfähre droht ihm ein Leben und Sterben in absoluter Einsamkeit. „Passengers“ verlegt die Robinson-Geschichte ins Weltall und ergänzt sie um einen atemberaubenden Verantwortungskonflikt: Denn um nicht verrückt zu werden, plant der Passagier Jim, sich eine weitere Reisende als Gefährtin zu wecken – die er damit zu seinem eigenen Schicksal verurteilt. (Von „Alien“ bis „Trainspotting 2“: Was bringt das Filmjahr 2017?)

Morten Tyldum enttäuscht in „Passengers“ mit System

Morten Tyldum, mit dem Oscar-prämierten „The Imitation Game“ (2014) in die Riege der überschätzten Regiestars aufgestiegen, gelingt in „Passengers“ die perfekte Dramaturgie der Enttäuschung: Ein Film, der von Minute zu Minute schwächer wird. Jon Spaihts’ Drehbuch bietet einen großartigen Stoff voller Fallstricke; und wenn Tyldum mit langen Sequenzen der menschenleeren Raumfähre beginnt, scheint er alle Erwartungen an schnelle Action und Suspense zurückzuweisen. Hier schafft jemand Raum, glaubt man, für all die verzweifelten Gefühle, mit denen der tragische Held sich bald seiner Lage bewusst wird. Und tatsächlich haben Jims erste Erfahrungen mit einem Bordsystem, das seine Not schlicht ignoriert, zunächst etwas wunderbar Gespenstisches.

Erste Zweifel kommen auf, als Jim eine mit erlesenem Geschmack bei Kubrick geklaute Bar betritt: Hier mixt der Androiden-Barkeeper Arthur Drinks und erteilt gute Ratschläge: „Kümmer dich nicht um Dinge, die nicht zu ändern sind, und genieße das Leben.“ (Michael Sheen gestaltet als gnadenlos heiterer Arthur die einzige bleibende Rolle des Films.) Was wie eine bittere Pointe klingt, wird dann tatsächlich umgesetzt: Jim trinkt sich satt, springt in die Wasserbetten der höheren Preisklassen und vergnügt sich in einem Tanzsimulator. („La La Land“: Damien Chazelle erweckt das Musical neu)


Wie viel „Titanic“ steckt in „Passengers“?

Als dem Helden nach einem Jahr trotzdem Selbstmord-Gedanken kommen, fällt er einen Entschluss: Jim weckt er die Frau, in die er sich bei seinen Touren durch den Schlafsaal einseitig verliebt hat. Ab hier entwickelt sich die Geschichte, als hätten die Protagonisten sich verliebt wie Rose und Jack auf der „Titanic“ – gegen soziale Widerstände, aber aus freiem Entschluss. Der Handwerker Jim buhlt um die Upperclass-Intellektuelle Aurora: Die Idee der Klassen übergreifende Liebe wird bis in die Figurennamen durchgehalten – man fragt sich nur warum. Die standesbewusste Gesellschaft, die diese Beziehung sanktionieren könnte, liegt schließlich noch weitere 90 Jahre im Tiefschlaf.

Sehr viel interessanter wäre die Frage: Wie entwickelt sich eine Beziehung unter den Voraussetzungen einer monströsen Schuld und einer ebensogroßen Abhängigkeit? Tyldum und Spaihts finden Konflikt offenbar selbst zu quälend; in der zweiten Hälfte ihres Films widmen sie sich deshalb vor allem der Aufgabe, Jims existenziellen Übergriff auf die Geliebte zu entschärfen und durch selbstlose Heldentaten zu rechtfertigen. Die Inszenierung wechselt dabei von der Charakterzeichnung ins actiongetriebene Spekakel-Kino, wobei zwei Szenen herausstechen: ein wirklich atemraubender Schwerelosigkeitsunfall im Bord-Pool (ohnehin einer der schönsten Räume des Production-Designers Guy Hendrix Dyas). Und eine Rettung letzter Minute, bei der Aurora gelingt, woran Rose auf der „Titanic“ scheiterte: die Rettung des Geliebten aus dem Eis. (Wie war das noch in „Titanic“? Ein Rückblick auf den unsinkbaren Film)

Was macht Chris Pratt zu so einem schlechten Schauspieler?

Wer ist übrigens der Hauptdarsteller Chris Pratt? Das Presseheft zum Film hebt vor allem hervor, dass der Star es mit „Jurassic World“ (2015) in der Liste der ertragreichsten Filme aller Zeiten auf Platz 4 geschafft hat. Das ist auch der einzige plausible Grund für seine Mitwirkung. Das moralische Dilemma seiner Figur verpasst Chris Pratt jedenfalls noch deutlicher als den Ankunftstermin auf der Raumstation. Mal beißt er auf seine Unterlippe, mal wartet er mit offenem Mund auf Auroras nächsten Wutanfall. Der Mann, der eine Frau zum Tod in der Einsamkeit des Alls verdammt, hat so knuffige Gewissensbisse, als hätte er ihren Geburtstag vergessen. Im Direktvergleich mit Dinosauriern ist die Schauspielkunst von Chris Pratt bestimmt sehr überzeugend; neben Jennifer Lawrence bleibt er hilflos. (Hätten Sie’s gewusst? Fünf Fakten über die „Jurassic“-Filme)

„Passengers“. USA 2016. R: Morten Tyldum. D: Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Laurence Fishburne. 116 Minuten, ab 12 Jahren.


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