Neuer Direktor in Osnabrück Felix-Nussbaum-Haus: Nils-Arne Kässens will Friedenslabor



Osnabrück. Wie wirkt ein Museum in seine Stadt? Nils-Arne Kässens, neuer Direktor des Felix-Nussbaum-Hauses und des Kulturgeschichtlichen Museums in Osnabrück, versteht seine Häuser als Labor. Ein Gespräch über Museum als Treffpunkt und Ort der Debatte.

Sie waren in den letzten Wochen in Osnabrück unterwegs. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt, welche Kontakte haben Sie geknüpft?

Ich hatte das Glück, mit den Lüstringer Funden, die wir gerade in Kooperation mit Bodo Zehm vom Fachbereich Archäologie zeigen, sofort eine Ausstellung eröffnen und einen schönen Start haben zu können. Wir haben Kupferfunde direkt von der Fundstelle ins Museum gebracht. Dieser Start weckt auch bei mir Neugier auf das, was jetzt kommen soll. Ich bin neugierig auf Osnabrück. Die Präsentation legt offen, worum es mir gehen soll – zeigen, wie Geschichte gemacht wird. Bei Besuchen im Vorfeld bin ich mit vielen Akteuren der Stadt in Kontakt gekommen. Ich wollte aber auch möglichst schnell meine Mitarbeiter kennenlernen. Ich bin überrascht, wie schnell es in Osnabrück geht, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ich sehe ein Museum als einen vernetzten Akteur. Mir geht es darum, die Türen der Häuser für die Stadt zu öffnen. Hier weiterlesen: Nils-Arne Kässens - der neue Museumsdirektor stellt sich vor .

Jetzt stellt sich aber gerade heraus, dass die Universität Osnabrück das Fach Kunstgeschichte einstellen möchte. Wie finden Sie das?

Ich bin darüber sehr bestürzt, sofern richtig ist, was die NOZ geschrieben hat. Eine Stadt, die einem ihrer großen Söhne, nämlich dem Maler Felix Nussbaum, ein eigenes Museum widmet, kann auf ein kunsthistorisches Institut an der hiesigen Universität nicht verzichten. Hier weiterlesen: Osnabrücker Museumsquartier: Was soll die neue Leitung können?

Sie haben Kunstprojekte in Kassel und Detroit, Köln und Syke gestaltet. Können Sie ihre kuratorische Philosophie knapp umreißen?

Zu meinem kuratorischen Selbstverständnis gehört es, dass ich mich auf die Orte, an denen ich wirke, auch einlasse. Es geht mir um die geschichtliche Prägung der Orte, an denen ich arbeite. Der weiße Ausstellungsraum interessiert mich weniger. Ich möchte Projekte machen, die Akteure vor Ort einbeziehen. Für mich gehören in ein Museum all jene Dinge, die Debatten auslösen. Hier weiterlesen: Nils-Arne Kässens neu am Start - der Kommentar.

Sie sprechen vom durchlässigen Museum, vom Museum als Labor. Das klingt nach Schlagwörtern. Was heißt das?

Ein durchlässiges Museum reagiert sensibel auf die Themen einer Stadt und nimmt auf die daraus entstehenden Debatten Bezug. Ein solches Museum reagiert auf diese Themen und holt die Menschen in das Museum. Dazu gehört auch, auf die Menschen direkt zuzugehen. Das Museum muss ein Ort sein, an dem etwas passiert, ein Ort, wo Debatten stattfinden. Museum ist Wagnis. Ein Museum ist nichts Fertiges, sondern ein Ort für Prozesse, wo Debatten auch geführt werden. Hier weiterlesen: Drei Häuser, sechs Probleme - Agenda für den Neustart der Osnabrücker Museen .

Das Osnabrücker Museumszentrum besteht aus vier Standorten von Stadtgeschichte bis Kunst zum Thema Holocaust. Wie wollen Sie diese Standorte als Einheit präsentieren und erlebbar machen?

Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die Identität des Hauses weiterentwickeln können. Ich möchte deutlich machen, dass wir es hier wirklich mit einem Museumszentrum zu tun haben. Darunter haben die einzelnen Häuser ihre Identitäten und Themen. Das Felix-Nussbaum-Haus ist für mich ein gesellschaftspolitisches Museum. Dort sollen Themen, die Nussbaum beschäftigt haben, also Flucht, Vertreibung, Migration und Identität, aufgegriffen und verhandelt werden. Das Kulturgeschichtliche Museum mit seiner vielfältigen Sammlungen von Exponaten zur Stadtgeschichte bis zu Dürer steht für mich unter dem Stichwort des Stadtlabors. Dort wollen wir uns über die Stadt Gedanken machen und vor allem die Frage beantworten, wie wir künftig eigentlich friedlich miteinander leben wollen. Das bringt mich zu dem Gesamtkonzept. Osnabrück ist die Stadt, in der Frieden Geschichte und Zukunft hat. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir auch künftig friedlich miteinander leben können. Der Anschlag von Berlin zeigt auf traurige Weise, wie wichtig diese Frage ist. Das ist besonders wichtig in Osnabrück, einer Stadt, die ein Museum einem Künstler gewidmet hat, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Hier weiterlesen: Eva Berger in den Ruhestand verabschiedet.

Wie lautet das Stichwort, das diese Aspekte verklammert?

Friedenslabor, das Museum als Labor für den Frieden.

Die Osnabrücker Museen haben wenig Personal und knappe Etats. Fordern Sie mehr Geld von der Stadt?

Reflexhaftes Rufen nach mehr Geld stößt bei Politikern nach aller Erfahrung auf taube Ohren. Ich möchte zunächst einmal schauen, welche Gelder wir in unserem Museum wofür eigentlich ausgeben. Auf dieser Grundlage wollen wir unsere Situation evaluieren. Es darf kein Tabu sein, die Situation der Ausgaben erst einmal zu analysieren. Wenn sich auf dieser Grundlage Bedürfnisse ergeben, erwarten wir, dass diese Bedürfnisse auch ernst genommen werden. Wir arbeiten derzeit sicher auf Sparflamme. Es wäre aber nicht redlich, wenn wir sofort mehr Geld fordern würden. Erst einmal wollen wir dafür auch die besseren Argumente haben. Die Erwartungen an die Häuser sind allerdings hoch. Hier weiterlesen: Das Felix-Nussbaum-Haus - ein Klassiker der Architektur.

Mit welchen anderen Kultureinrichtungen wollen Sie kooperieren?

Bei Kooperationen denke ich nicht nur an Kultureinrichtungen. Zusammenarbeit ist mir enorm wichtig. Dabei kann es um Kultureinrichtungen gehen. In den Fokus nehme ich aber auch Bildungseinrichtungen oder Vereine. Das hängt vom Thema ab. Das im Jahr 2017 anstehende Projekt zu „Danse macabre“ bringt ja gleich mehrere Häuser wie Theater, Kunsthalle oder auch unser Museum zusammen. Wir brauchen den Austausch. Hier weiterlesen: Felix Nussbaum war ihr Thema - Inge Jaehner im Porträt.

Migration, Mobilität und Digitalität bestimmen unser Leben. Was ist in diesem Kontext heute Stadtgeschichte – auch als Gegenstand von Ausstellungen?

Ich würde noch ganz andere Themen einbeziehen, etwa Globalisierung, Terrorismus oder alternde Gesellschaften. Das sind die großen Trends, die unsere Zeit prägen. Das Lokale ist immer auch global. In unseren Mobiltelefonen steckt Coltan, das aus dem Kongo kommt, und Einfluss auf den dortigen Bürgerkrieg hat. Das Lokale ist immer auch global verankert. Diese Verbindung müssen wir aufzeigen. Bei der Neukonzeption der Stadtgeschichte möchte ich unsere Sammlungen neu ins Spiel bringen und die Exponate neu befragen. Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich mit der Stadtgeschichte, wie wir sie zeigen, neu identifizieren können. Es ist unsere Geschichte, die wir erzählen. Dabei möchte ich die Menschen einbeziehen. Diese Geschichte ist nicht abgeschlossen. Es geht mir darum, nicht sofort alles selbst zu wissen, sondern bei diesen Projekten ein Lernender sein. Ich habe diese Haltung bei einem Ausstellungsprojekt im amerikanischen Detroit als sehr hilfreich erlebt. Dabei ging es um die prekäre Lage einer Stadt, die über der Krise ihrer Industrien einen starken Rückgang ihrer Bevölkerung erlebt hat.

Wie wollen Sie Ihre Häuser neu als Mittelpunkt der Stadt kenntlich machen?

Das Museumszentrum muss ein viel belebterer Ort werden. Dafür werde ich mehr Wechselausstellungen machen. Wechsel weckt Interesse. Dazu werde ich Gesprächsformate anbieten. Ich denke auch an Konzerte und Filmabende. Und warum nicht auch einmal tanzen? Dazu brauchen wir auch ein Café im Museum. Das Areal braucht bessere Erlebnisqualität. Es geht mir nicht um Events, aber das Museum ist derzeit zu wenig ein Ort, an dem sich jemand länger aufhält. Die Wege auf unserem Gelände werden derzeit vor allem als Transitzone genutzt. Die Leute sollen sich aber eingeladen fühlen, auch in das Museum zu kommen. Hier weiterlesen: Kunst und Holocaust - das Thema für das Felix-Nussbaum-Haus .

Osnabrück hütet mit den Bildern des Holocaust-Opfers Felix Nussbaum einen einzigartigen Schatz. Wie wollen Sie diese Kunst neu erlebbar machen?

Wir müssen uns fragen, was Felix Nussbaum mit uns heute zu tun hat. Dieser Maler hat Themen bearbeitet, die uns heute wieder bewegen – Flucht, Vertreibung, Angst, Krieg. Hinzu kommen die Themen Identität und Erinnerung. Das sind auch unsere Themen heute wieder. Deshalb möchte ich Nussbaum in einen Dialog mit zeitgenössischen Künstlern bringen und so die Sammlung neu befragen. Nussbaums Fragen möchte ich heute wieder aktuell machen. Es könnte zum Beispiel interessant sein, wenn Künstler die Werke Nussbaums neu inszenieren. Künstler könnten sich aber auch von Nussbaums Bildern zu eigenen Werken inspirieren lassen. Ich interessiere mich nicht für Ausstellungen, die nur eingekauft werden, und sich nicht auf den Ort beziehen. Im Felix-Nussbaum-Haus funktioniert nicht jede Kunst. Hier weiterlesen: Bilder und ihre Geschichte - Felix Nussbaums „Triumph des Todes“ .

Die meisten Opfer und Täter des Holocaust sind nicht mehr da. Die Erinnerung muss aber weiter gepflegt werden. Wie sieht für Sie Erinnerungskultur nach dem Generationenwechsel aus?

Die lebendige Anschauung stirbt langsam aus. Kunst ermöglicht erinnerndes Eingedenken. Dafür müssen wir die Objekte zum Sprechen bringen. Objekte, die nicht mit dem Besucher sprechen, sind tote Objekte. Der Kurator muss die Exponate zum Sprechen bringen. Das fängt schon bei dem Umgang mit dem Raum oder dem Licht an. Man darf nicht das Gefühl haben, dass die Objekte nur verräumt werden. Ich möchte den Besucher als aktiven Rezipienten ernst nehmen. Deshalb ist es so wichtig, schon mit der Wirkung der Räume zu beginnen. Damit kann bereits sehr viel vermittelt werden. Hier weiterlesen: NS-Zeit in Osnabrück - neues Standardwerk erschienen .

Was sollte ein Museum für die Menschen leisten und darstellen?

Ein Museum ist ein lebendiger Ort, an dem Debatten geführt werden. Ein Museum ist kein Ort der Belehrung, sondern ein Ort, an dem man sich aufhalten will, auch ein Platz der Einkehr. Es geht mir um die Auseinandersetzung mit Themen, die heute für uns existenziell sind.


Kunst zum Thema Holocaust: Das ist das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus

Das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus ist in der Museumslandschaft einzigartig - als erster vollendeter Bau des Stararchitekten Daniel Libeskind und als Heimat der Bilder des von den Nationalsozialisten in Auschwitz 1944 ermordeten Osnabrücker Malers Felix Nussbaum. Das 1998 eröffnete Museum wurde als Anbau an das Kulturgeschichtliche Museum konzipiert, besitzt aber längst internationalen Ruf. Libeskind formte das Haus mit einer Architektur der Schrägen und Schnitte zu einem Monument der Erinnerung und des Verlustes. Die Bilder des 1904 geborenen Nussbaum fügen sich perfekt ein. Gemälde wie das „Selbstbildnis mit Judenpass“ thematisieren eindringlich Flucht und Exil. Leihgaben des Felix-Nussbaum-Hauses waren schon in renommierten Museen in aller Welt zu sehen. Der 1979 geborene Nils-Arne Kässens ist seit dem 15. Dezember 2016 neuer Direktor des Felix-Nussbaum-Hauses und des Kulturgeschichtlichen Museums. Er folgt auf Eva Berger und Inge Jaehner. Kässens war zuletzt künstlerischer Leiter des Syker Vorwerks - Zentrum für zeitgenössische Kunst. Davor leitete er Kunsthäuser in Köln und Kassel und betreute internationale Kunstprojekte.lü

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