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Meurisses Comic „Die Leichtigkeit“ „Charlie“-Überlebende: „Je suis Charlie“ war kein Trost


Berlin. Catherine Meurisse überlebte die „Charlie Hebdo“-Morde, weil sie verschlafen hatte. Jetzt hat sie ein Comic über das Trauma gezeichnet. Im Interview erklärt sie, warum sie nach den Morden Obama nicht sehen wollte und wieso die Mörder im Comic „Die Leichtigkeit“ keine Rolle spielen.

Am 7. Januar 2015 überfallen die Brüder Saïd und Chérif Kouachi die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und ermorden zwölf Menschen. Die Zeichnerin Catherine Meurisse überlebt, weil sie an diesem Tag verschlafen hat. Ihr Comic-Band „Die Leichtigkeit“ schildert, wie sie nach dem Schock ins Leben zurückgefunden hat. Im Interview berichtet die 36-Jährige, wie sie sich mit der Kunst selbst therapiert hat, warum sie den Tatort der Morde nicht gezeichnet hat und wieso die „Je suis Charlie“-Flugblätter in ihrem Comic zum Aufsammeln von Hundehäufchen da sind.

Frau Meurisse, am Anfang Ihres Buchs schildern Sie, dass Sie sich nach den Morden an Ihren Kollegen von „Charlie Hebdo“ das Zeichnen neu beibringen mussten. Was hat nicht mehr funktioniert?

Der traumatische Schock hat meine intellektuellen Fähigkeiten beeinträchtigt. Der Stress, die Todesangst, in der ich mich befunden habe, versetzen einen Mensch in einen fast animalischen Zustand. Der Überlebensinstinkt überblendet dann alles, und in der Gefahr sind komplexere intellektuelle Funktionen überflüssig. Es zählen nur noch Wahrnehmung und Intuition. Deshalb fiel es mir danach schwer, zu denken und zu zeichnen. An einer so unaussprechlichen, unbegreiflichen Situation kann man verrückt werden. Der Schock hatte mich auf einen anderen Planeten katapultiert. Und um weiterzumachen, musste ich irgendetwas finden, das mich zurück ins Leben bringt. Darum geht’s in meinem Buch.

Zeichnen Sie heute anders als vorher?

Es ist völlig unbestreitbar, dass der 7. Januar 2015 mein Leben in ein Vorher und ein Danach teilt. Der Bruch ist gewaltig. Und trotzdem habe ich das Zeichnen wiedergelernt, ich habe wieder Freude daran, vor allem, wenn ich ganze Bücher zeichne. Ich mache keine politischen Cartoons mehr, aus mehreren Gründen: Zuerst, weil ich diese Karikaturen für die Kollegen von „Charlie Hebdo“ gezeichnet habe, die heute tot sind. Und außerdem spüre ich, dass journalistische Zeichnungen nichts dazu beitragen, dass es mir besser geht. Die langsame Arbeit an Comic-Bänden dagegen, das literarischere Zeichnen für ein vollständiges Buch – das tut mir gut. Und ich glaube wirklich, dass meine Zeichnungen sich verändert haben. Sie haben ein höheres Bewusstsein ihrer Zerbrechlichkeit. Und auch ihrer Stärke. Und es sind Zeichnungen, die sich noch mehr aus der Begegnung mit anderen speisen, deshalb schildere ich in „Die Leichtigkeit“ die Begegnung mit Künstlern und Musikern in der Villa Medici. Meine Arbeit hat sich also wirklich geändert, weil sie sich viel stärker der Kunst, der Literatur und der Schönheit zuwendet und viel weniger den gesellschaftlichen Aktualitäten.

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Sie sind nach Rom gereist, um das Trauma mit dem Stendhal-Syndrom zu ersetzen. Darauf würden vermutlich nur die wenigsten kommen.

Wie viele Intellektuelle seiner Zeit hat auch der Romancier Stendhal eine Bildungsreise nach Italien gemacht; 1817 hält er in einer Notiz fest, dass ihm im Übermaß von Kunst das Bewusstsein schwindet. Dieser Zustand wurde später als Stendhal-Syndrom bezeichnet. Genau diese Erfahrung habe ich gesucht, weil ich überzeugt war: Wenn ich wegen eines Zuviel an Schönheit ohnmächtig würde, müsste ich auch inmitten von Schönheit wieder erwachen und die Gewalt des Januar 2015 hinter mir lassen. Und wie gesagt: Ich hatte Schwierigkeiten zu denken, Sätze zu bilden, ich hatte Erinnerungslücken und das Bedürfnis nach ganz einfachen, symbolischen Worten, an denen ich mich festhalten konnte. Zum Beispiel an diesem: Das Stendhal-Syndrom wird das Trauma dieses Januars annullieren.

In Rom haben Sie dann gemerkt, dass diese Art der Kunsttherapie nicht funktioniert, weil Sie in allen Werken Echos des 7. Januar gesehen haben – von der Niobe-Gruppe, die ein Massaker des griechischen Mythos darstellt, bis zu den Fragmenten antiker Bildhauerei, in denen Sie Verstümmelte und Enthauptete sahen.

Stimmt, ich habe das Stendhal-Syndrom nicht erlebt. Vielleicht konnte ich nicht mehr wegen der Kunst ohnmächtig werden, weil ich durch die Gewalt vom 7. Januar schon ohnmächtig war. Trotzdem bin ich Rom langsam wieder daraus erwacht. Und jetzt blicke ich mit großen Augen auf die Schönheiten der Welt.

Ein wichtiger Wendepunkt ist dabei auch Ihre Begegnung mit einem Caravaggio, der im verdunkelten Louvre als einziges Werk angestrahlt ist. Wieso war gerade dieser Moment wichtig?

Es gab mehrere solcher Momente, in denen mir die Begegnung mit der Kunst geholfen hat. Dieser war besonders, weil ich wieder in der Stadt war, in der alles passiert war und aus der ich geflohen war. Schon der Zufall, dass ein einzelnes Bild im Dunkeln erleuchtet war, hatte für mich hohe Symbolkraft. Dass es ausgerechnet Caravaggios Wahrsagerin war, hat mich hypnotisiert. In Frankreich heißt das Bild „La Diseuse de bonne aventure“; jedes Wort im Titel hat mich begeistert. Während ich mit meiner Sprachlosigkeit kämpfe, erscheint mir eine „Diseuse“. Und sie sagt nicht irgendetwas voraus, sondern schöne Erlebnisse. Die Frau liest einem jungen Mann aus der Hand, und auch das Bild zweier Menschen, die sich bei der Hand halten, hat mich bewegt – auch wenn die Wahrsagerin den Mann heimlich beklaut. Und dann hatte ich mit Caravaggio einen mysteriösen Killer-Künstler vor mir, der einen Menschen getötet hat, zugleich aber fähig war, absolute Schönheit zu schaffen. Die Macht des Lebens und die Macht des Todes verkörpert er in Personalunion. Das alles zusammen hat mich elektrisiert.

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Ihr Comic ironisiert immer wieder die Parole „Je suis Charlie“. Wie haben Sie die Solidaritätswelle empfunden? Als hilflos? Als anmaßend? Oder doch auch als Trost?

Weder als hilflos noch als anmaßend, aber eben auch nicht als tröstlich. Uns hätte damals gar nichts trösten können. Wir waren alle auf einem anderen Planeten. Wir hatten viel zu viel im Kopf, um das Motto „Je suis Charlie“ überhaupt zu hören. Das ist an uns abgeglitten. Es gibt eine Seite in meinem Comic, wo die ganze Stadt mit dem Slogan zugepflastert ist; ein Frauchen sammelt sogar Hundehaufen mit „Je suis Charlie“-Flugblättern auf. Und am Ende der Seite stehe ich mit meiner Frage: Wer bin ich? So war es wirklich: Alle waren Charlie, aber ich wusste das ganze Jahr lang nicht mehr, wer ich selbst war. Nebenbei war es auch sehr verwirrend, dass „Charlie Hebdo“ auf einmal das Symbol für irgendetwas war. Wenn wir etwas nie gewollt haben, dann das.

Sie haben sogar einen Fototermin mit Obama ausgeschlagen.

(Meurisse bricht in lautes Lachen aus.) Stimmt. Am 10. Januar 2015 sind in Paris Millionen Menschen für die Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Alle Staatschefs waren da, Obama nicht; und das war aufgefallen. Kurz darauf hat das Weiße Haus bei „Charlie Hebdo“ angerufen mit der Nachricht, dass Obama den Patzer wiedergutmachen und einen Zeichner zu sich einladen will. In der Redaktion fiel die Wahl schnell auf mich; die anderen Zeichner waren ja tot oder im Krankenhaus. Ich war damals aber in einem Zustand so absoluter Untätigkeit, dass mir Obama komplett egal war. Politik interessierte mich überhaupt nicht. Der Präsident meiner Welt war der Zeichner Cabu, und der war gerade ermordet worden. Ich hatte keinen Bedarf nach einem anderen Präsidenten. Ich wollte mit den Erinnerungen an meine ermordeten Freunde allein sein. Ich wollte begreifen, was passiert war, wer ich selbst danach war, und brauchte keine Hilfe aus der Politik, die mir hässlich vorkam. Wenn Trump mich heute um eine Karikatur bitten würde, bekäme er natürlich auch ein Nein, wenn auch aus anderen Gründen.

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Ihr Comic zeigt den Tatort des Massakers nicht. Liegt es daran, dass Sie nicht mehr zu Ihren toten Freunden hineinkonnten? Oder berührt das Motiv für Sie ein Tabu?

Es stand für mich außer Frage, diesen Ort, diesen Augenblick und die Leichen meiner Freunde abzubilden. Weil das nicht das Thema meines Buchs war. Im Comic zeichne ich, direkt nach den Schüssen der Kalaschnikows, eine stumme Sequenz, in der ich durch die Wände eines leeren Museums gehe. Es hängen keine Bilder mehr daran, mit Ausnahme von Munchs „Schrei“. Das ist mein Thema: Die Mundtotmachung von Kunst und Schönheit – und ihre Wiedergewinnung als ein Mittel, mit dem sich das Unaussprechliche ausdrücken lässt. Ich erzähle von einer künstlerischen, emotionalen Recherche, bei der ich über die Schönheit meine Leichtigkeit zurückerobern will – und ich wollte jeden Eindruck eines schmutzigen Voyeurismus vermeiden. Zwischen mir und der Gewalt vom 7. Januar steht deshalb immer die Kunst. In der Betrachtung der antiken Skulpturen oder der Malerei von Caravaggio sehe ich die Gewalt des Massakers; ich sehe in den Werken sogar die Körper meiner ermordeten Freunde, obwohl ich sie in der Realität nicht gesehen habe. Die Kunst ist wie ein Vermittler, der mir einen Abstand gewährt.

„Hauptsache, sie sind tot“, schreiben Sie über die Mörder Ihrer Kollegen. Sehen Sie das immer noch so, oder hätten Sie sich im Nachhinein gewünscht, dass die Kouachi-Brüder vor Gericht aussagen?

Ich denke tatsächlich nicht mehr an die Mörder. Ihre Tat ist meinen Erinnerungen eingebrannt, aber sie selbst sind mir vollkommen gleichgültig. Im Buch nehmen sie nur minimalen Raum ein. Ich suche auch in der Kunst keine Erklärung ihrer Tat, die eine Tat des Hasses war und an der mich nur beschäftigt, wie sie unser Leben auf den Kopf gestellt hat und wie ich jetzt damit umgehen soll.

Trotzdem gibt es eine Seite in „Die Leichtigkeit“, die Ihre Biografie und die der Täter parallelisiert.

Und zwar, weil mich sehr verstört hat, dass meine Freunde von Männern massakriert wurden, die so alt wie ich selbst waren. Also zeichne ich uns alle als Kinder und lege uns am Ende die Parole „Dumm und bösartig“ in den Mund; das ist das Motto der Zeitschrift „Hara-Kiri“, eines Vorläufers von „Charlie Hebdo“. Aber dabei geht es mir nicht um die Familie oder Motivation der Täter, sondern nur um die Frage der Generation, die so grundverschiedene Entwicklungen hervorgebracht hat. Die Persönlichkeit der Mörder bleibt für mich gleichgültig. Ich ignoriere sie in demselben Maße, wie ich mich an meine toten Freunde erinnere, an ihr Talent, ihren Humor, ihre Freude am Leben. Darauf konzentriere ich mich.

Im Frühjahr stellt Catherine Meurisse ihr Comic „Die Leichtigkeit“ in Deutschland vor:

  • Dienstag, 7. März 2017: Hamburg / Uebel + Gefährlich,
  • Mittwoch, 8. März 2017: Berlin / Kino Babylon (in Kooperation mit dem ilb),
  • Donnerstag, 9. März 2017: Frankfurt am Main / Literaturhaus (in Kooperation).


Catherine Meurisse

Catherine Meurisse wird am 8. Februar 1980 geboren. Mit 17 Jahren gewinnt sie das Goldene Eichhörnchen für das beste Schüler-Comic. Nach dem Abitur studiert sie in Poitiers Literaturwissenschaften und schließt in Paris ein Studium als Illustratorin an. Kunst- und Kulturgeschichte werden dann auch zum Thema ihres eigenen Werks: Für den „Figaro“ verwandelt sie ein Schulbuch zur französischen Literatur in eine Comic-Serie („Mes Hommes de lettres“, 2008), ihr Band „Le Pont des arts“ (2012) ironisiert die Beziehungen berühmter Maler und Dichter. Im Comic „Moderne Olympia“ (2014) erweckt Meurisse ein Manet-Bild zum Leben; und in „Savoir-vivre ou mourir“(2010) reinszeniert sie das Benimmbuch von Nadine de Rothschild. Direkt nach dem Studium stößt die Zeichnerin im Alter von 25 zur Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Als am 7. Januar 2015 zwei Männer mit Kalaschnikows ein Blutbad in der Redaktion anrichten, ist Meurisse nur deshalb nicht anwesend, weil sie aus Liebeskummer nicht schlafen konnte und morgenszu spät zur Arbeit kommt. Bevor Meurisse die Verlagsräume erreicht, wird sie von Nachbarn auf der Straße gewarnt und kann sich in Sicherheit bringen. Wie sie sich nach dem Tod ihrer Freunde das Leben und das Zeichnen neu beibringt, schildert ihr Comic „Die Leichtigkeit“. Ab dem 20. Dezember ist er beim Carlsen Verlag in deutscher Übersetzung erhältlich.

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