Museum zeigt berühmte Foto-Serie „Café Lehmitz“: Anders Petersen im Herforder Marta


Herford. Anders Petersen wurde mit „Café Lehmitz“ zum Klassiker der Straßenfotografie. Jetzt zeigt das Herforder Museum Marta seine Bilder aus der Welt der Aussteiger.

Zuletzt entführte Heinz Strunks Bestseller „Der goldene Handschuh“ in das Milieu der Kleinkriminellen, Prostituierten und Obdachlosen, die sich in Szenekneipen wie in einer eigenen Welt versammeln. Der Roman basiert auf der Lebensgeschichte des Frauenmörders Fritz Honka. Der Nachtwächter, ein Mann zwischen Ohnmachtsgefühl und Gewaltexzess, brachte es mit einer Serie bestialischer Morde zu zweifelhafter Berühmtheit. Ungefähr zur gleichen Zeit fotografierte der 1944 geborene Schwede Anders Petersen im Hamburger „Café Lehmitz“. In der Stehbierkneipe gruppierten sich Menschen vom sogenannten Rand der Gesellschaft zu einem mit dem „Goldenen Handschuh“ vergleichbaren Sozialbiotop. Petersens 1978 edierter Fotoband „Café Lehmitz“ zählt längst zu den Legenden der Straßen- und Milieufotografie. 1985 wurde Petersens Foto „Lily and Rose“ zum Covermotiv für Tom Waits´ Album „Rain Dogs“. Nun zeigt das Herforder Museum Marta Bilder von Petersen. Hier weiterlesen: Der fremde Raum - Installationen im Museum Marta .

Gegenwelten der Gesellschaft

Animierlokal, Gefängnis, Pflegeheim: Anders Petersen fotografierte in vermeintlichen Gegenwelten der Gesellschaft. Im Café Lehmitz trifft Petersen erstmals mit 18 Jahren auf jene Menschen, die in den Augen der bürgerlichen Gesellschaft als gescheiterte Außenseiter gelten. Petersen entdeckt Menschen am Ende jeder Hoffnung auf alles, was sich mit Vorstellungen von Karriere, Wohlstand und Ansehen verbindet. Im Café Lehmitz posieren Ganoven mit Hut und Einstecktuch, die grinsend ihre Zahnlücken zeigen, Betrunkene, die ihre Hand zwischen den Schenkeln ihrer Tischnachbarin haben, traurige Prostituierte in inniger Umarmung oder junge Herumtreiber, die im Alkoholrausch eingeschlafen sind. Jede dieser Schwarzweißfotografien zeigt Menschen am Abgrund - und gerade deshalb als starke Persönlichkeiten. Hier weiterlesen: Design zum Thema Gewalt im „Marta“.

Wahrheit statt Ästhetik?

Anders Petersen versteht seine Fotografie als Medium einer rauen und rabiaten Konfrontation mit den Extremlagen der menschlichen Existenz. Wahrheit sei höher zu bewerten als die ästhetischen Kriterien der Fotografie, sagt Petersen und gibt sich damit selbst als Raubein unter den Fotografen. Dabei sind seine Bilder nicht ohne Vorbilder. Diane Arbus (1923-1971) gehört unbedingt zu ihnen, jene Künstlerin, die mit ihren ungeschminkten Fotos von Menschen aus dem Milieu der Drogen und der Gewalt ebenso schockierte wie Gary Winogrand (1928-1984) mit seinen Bildern eines vermeintlich ungezügelten Lebens. Hier weiterlesen: Rasanter Überflieger - Museum Marta wird zehn Jahre alt.

Der andere Sozialkodex

Anders Petersen gehört in diese Tradition einer Fotografie, die ihre Motive scheinbar auf der anderen Seite der etablierten Gesellschaft findet. Unheimlich werden diese Bilder allerdings mit dem Gedanken, dass es zwischen den scheinbar so säuberlich geschiedenen Ebenen des sozialen Lebens durchaus Übergänge geben könnte. Petersen zeigt nicht einfach eine Welt ohne Regeln, sondern eine Sphäre, die gleichfalls ihren Sozialkodex hat - allerdings einen, der sich auf Alkohol und Gewalt, Passivität und Trieb gründet. So herrscht auch im vermeintlichen Chaos Café Lehmitz eine Ordnung, sogar eine von deprimierender Rigidität des Oben und Unten. Hier weiterlesen: „Bling Bling“ - Düsseldorf zeigt den Reiz der Oberfläche .

Die ganze Hoffnungslosigkeit

Als bloße Reportagefotografie wäre diese Annäherung an die Menschen des Café Lehmitz und anderer Orte missverstanden. Petersen will nicht bloß mitteilen und aufklären, er will konfrontieren und verstören, indem er zeigt, was zum Leben des Menschen gehören kann. Seine Bilder zeigen Menschen als Wesen, die in ihrer ganzen Hoffnungslosigkeit auch unverfügbar sind. Darin liegt die suggestive Kraft dieser Bilder. Hier weiterlesen: „Nachwirkung“ - die Ruineninstallation von Thomas Hirschhorn in Bremen.


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