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Große Emotionen und große Stimmen im Goldrahmen

Ein riesiges Ölgemälde dient als Spielfläche in leichter Schräglage. Eine einfache Regieidee erweist sich als Spiegelkabinett mit immer neuen Bedeutungsebenen. Und damit auch als intelligente Chiffre, um eine besonders attraktive, aber eben auch zu Bravoursingzwecken missbrauchte Oper in unsere Zeit zu retten. Denn Giacomo Puccinis "Tosca" wirkt selbst wie ein Gemälde, das einen dramatischen Moment abbildet, in dem die Emotionen wichtiger sind als die politischen Umstände. Der Goldrahmen, den Harald Stieger um das Bodengemälde gezogen hat, ist auch ein historisches Siegel, das für Respekt und Verehrung steht - zwecklos, den Stoff für unsere Gegenwart aktualisieren zu wollen.

Das unterlässt denn auch Regisseur Thilo Borowzcak mit seinem Team an den Städtischen Bühnen Osnabrück. Was ihn nicht daran hindert, die psychische Dynamik des Geschehens ein wenig gegen den musikalischen Strich zu bürsten. Wenn der Häftling Cavaradossi und die Sängerin Floria Tosca, die eben zur Mörderin am menschenverachtenden Polizeichef Scarpia geworden ist, mit wissender Trauer in Stimmen und Gesten das eigentlich hoffnungsvoll fröhliche Liebesduett zu Beginn des dritten Aktes singen - dann ist diese Lesart zwar nicht neu, berührt aber tief mit ihrer Folgerichtigkeit und ihrem Realitätssinn.

Nicola Beller Carbone, die begeisternde Osnabrücker "Salome" des vergangenen Jahres, spielt eine kapriziöse wie dünnhäutige Tosca, die dem Druck hässlicher Realitäten nicht lange standhalten kann.

War der römische Palazzo als Sitz des Polizeichefs noch mit berühmten Goldrahmenbildern überladen, so sitzt Tosca nach dem Mord im fast kahlen Raum: Sie ist aus dem gesellschaftlichen Rahmen gefallen. Gott bleibt ihr nur noch als letzte Gerichts-instanz. Baron Scarpia, der Verteidiger der alten monarchisch-klerikalen Gewalten, scheint unbewusst viel mehr ein Kind der neuen aufgeklärten republikanischen Zeit zu sein als Tosca. Das hat Thilo Borowzcak wirkungsvoll in Szene gesetzt: Während Scarpia das sinnliche Begehren an die Stelle Gottes setzt, wird im Bühnenhintergrund als lebendes Bild das Gemälde des Hofmalers Jacques-Louis David von der Krönung Napoleons nachgestellt.

Das Selbstherrlich-Moderne aller späterer Faschismen verkörpern Scarpia und sein schwarzgewandetes Schergen-Corps. George Gagnidze ist der heimliche Star des Abends. Wenn zu seinem öligem Grinsen und seiner machtbewussten physischen Präsenz scheinheilig die Glocken läuten im Orchester, wenn das Diabolische bombastisch im Tritonus stampft und sein noch schmeichelnder Bariton im nächsten Moment jähzonig explodiert, dann ist er die Figur mit dem eindeutig größten Charisma. Ricardo Tamura hingegen legt als Maler reiche Gefühlsschattierungen zwischen Freude und Trauer mehr in seine Stimme als in sein eher scheues Bühnenspiel. Sein ohnehin enorm durchsetzungsfähiger, strahlender Tenor steigert sich bisweilen zu gewaltiger Kraft und macht ihn zum Sängerkönig des Abends mit spontanem Zwischenapplaus. Über ganz so große Reserven für ihren Sopran verfügt Nicola Beller Carbone (noch) nicht. Doch auch sie entfaltet starke, schön modellierte Tosca-Partien, verstärkt durch ihr gewinnendes Bühnenspiel.

Doch zugegeben, ganz leicht hatte es dieses stimmliche Dreier-Dream-Team nicht immer, das eindrucksvoll von Michael Tews als Angelotti, Ralph Ertel als Spoletta und Christoph Nagler als Mesner ergänzt wurde. Denn Gastdirigent Rasmus Baumann aus Kassel ging mit ungemein temperamentvollem, aber eben auch präzisem und konzentriertem Orchestereinsatz zu Werke. Brauste das Osnabrücker Symphonieorchester eben noch leidenschaftlich auf, so verebbten die häufig leitmotivisch wiederkehrenden Melodien schnell wieder in sanfte Traurigkeit oder zitternde Angst. Am Ende gab es minutenlangen Jubel und Bravo-Rufe für alle, bis hin zum Regieteam.


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