Ken Loach rührt und macht Mut Ein Arbeitsloser wehrt sich: „Ich, Daniel Blake“

Von Tobias Sunderdiek


Osnabrück. Ken Loach gilt nicht nur als einer der politischsten Filmemacher, sondern auch als einer der versiertesten. Sein neuester Film „Ich, Daniel Blake“, mit dem er dieses Jahr zum zweiten Mal die Goldene Palme in Cannes gewann, beweist es grandios.

Daniel Blake ist ein einfacher Mann. Jemand, über den es normalerweise nichts zu berichten gibt. Zu trivial und trist scheint seine Geschichte für das Kino zu sein, zu alltäglich sein Schicksal. Denn es geht doch „nur“ um einen verwitweten Schreiner Ende 50, der arbeitslos ist.Doch für Blake kommt es noch schlimmer: Er ist nach einem Herzinfarkt arbeitsunfähig. Aber das Arbeitsamt in Newcastle sieht das anders. Anhand eines völlig an der realen Lebenssituation vorbeigehenden Gesundheitschecks wird Blake als fit genug für den Arbeitsmarkt erklärt. Und spätestens da wird die Geschichte vom kleinen Mann ganz groß.

Behördenwillkür

Denn um Sozialhilfe beantragen zu können, muss Blake Unmögliches leisten: Er soll sich um eine neue Arbeit bemühen. Und als sei das nicht absurd genug, muss er, der nie an einem Computer saß, Formulare online ausfüllen. Eine unlösbare Aufgabe für ihn. Gleichzeitig lernt Blake die junge, alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires) kennen, die, wie er, immer tiefer in die Armutsfalle rutscht. Doch beide helfen sich gegenseitig: Bei der Bewältigung des Alltags, aber auch beim Kampf gegen die Behörden. Wie heizt man ein Zimmer, wenn das Gas abgedreht wurde? Warum gibt es an öffentlichen Essenstafeln keine Damenbinden? Und warum dürfen Angestellte des Arbeitslosenamtes Internet-Unerfahrenen nicht beim Bedienen eines Computers helfen? Das mögen triviale Fragen sein, dennoch stellt Ken Loach sie in den Mittelpunkt seines neuesten Films, wobei er sie als das erscheinen lässt, was sie für viele Menschen sind: essenziell.Trotz aller sozialen Tristesse, gedreht wurde zum Beispiel an realen Essenstafeln, schafft es „Ich, Daniel Blake“ dennoch, Humor zu verbreiten, nicht zuletzt dank seines brillanten Hauptdarstellers, des TV-Komikers Dave Johns.

Ein Film, der auch wütend macht

Aber der Film macht vor allem auch wütend, weil er die Behördenwillkür in all ihrer kafkaesken Absurdität an dem Fall Daniel Blake zeigt, der trotz Überlebenswillen zu scheitern droht. Ein Mann, der zwar lediglich eine kleine Nummer in der Arbeitslosenstatistik sein mag, dem Ken Loach hier aber seine Würde, seine Individualität wiedergibt. Das „Ich“ im Titel hat also durchaus seine Berechtigung.

Mit seiner unaufgeregten, gewohnt einfachen Erzählweise beweist Ken Loach erneut: Kino kann auch bei der Beschreibung des Alltags nicht nur Herzen bewegen, sondern auch die Kampfmoral heben. Schließlich handelt es sich hier um einen Film, der durchaus den Zuschauer mit erhobener Arbeiterfaust aus dem Kinosaal gehen lässt. Auch wenn dieser sich zuvor die Tränen aus den Augen wischen muss.

„Neorealismo“ made in Britain: Zwei Jahre nach seinem angeblich „letzten Film“ „Jimmy’s Hall“ beweist Ken Loach erneut: Auch mit 80 Jahren wohnt in ihm mehr jugendlicher Furor als in vielen jüngeren Regisseuren.

Hier geht es zum Trailer.